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epa09023933 Participants of a demonstration commemorating the victims of a right-wing extremist shooting in February 2020 hold signs with names and images of the victims in Hanau, Germany, 19 February 2021. Nine people were killed in two shootings in Hanau on 19 February 2020. A memorial service is held to mark the anniversary of the killings.  EPA/SASCHA STEINBACH

Am Freitag erinnerten Angehörige und Zugewandte an die Todesopfer des rechtsextremen Anschlags in Hanau. Bild: keystone

1 Jahr nach dem Terroranschlag in Hanau: «Seitdem steht die Welt um uns still»



Trauer und Schmerz, aber auch Enttäuschung und Bitterkeit – ein Jahr nach dem rassistisch motivierten Anschlag in Hanau sind die Hinterbliebenen gezeichnet von ihrem schweren Verlust. «Seitdem steht die Welt um uns still. Nichts ist mehr so wie es einmal war», sagte Armin Kurtović, dessen Sohn Hamza am 19. Februar vor einem Jahr getötet worden war, am Freitagabend bei einer bewegenden Gedenkveranstaltung in Hanau.

«Seit einem Jahr versuchen wir selbst Antworten auf unsere Fragen zu finden, da wir von den zuständigen Stellen kein Gehör finden und immer wieder abgewiesen werden»

Armin Kurtović, Vater des getöteten Hamza Kurtović

epa09024457 Armin Kurtovic, father of the killed Hamza Kurtovic, speaks during a memorial ceremony for the anniversary of the shooting by a right-wing extremist in February 2020, in Hanau, Germany, 19 February 2021. Nine people were killed in two shootings in Hanau on 19 February 2020.  EPA/RONALD WITTEK / POOL

Armin Kurtović. Bild: keystone

Tag für Tag beschäftige ihn die Frage, wie es so weit kommen konnte und warum die Tat nicht verhindert werden konnte. Das müsse lückenlos aufgeklärt werden – doch fehle es am Willen dazu. «Seit einem Jahr versuchen wir selbst Antworten auf unsere Fragen zu finden, da wir von den zuständigen Stellen kein Gehör finden und immer wieder abgewiesen werden», sagte Kurtović.

An der Gedenkveranstaltung nahmen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) teil. Steinmeier stellte sich hinter die Forderung der Angehörigen nach einer Aufklärung aller offenen Fragen. Zugleich rief er die Bürger zum Zusammenhalt gegen Hass, Rassismus und Hetze auf. «Aufklärung und Aufarbeitung stehen nicht in freiem Ermessen. Sie sind Bringschuld des Staates gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem gegenüber den Angehörigen», sagte der Bundespräsident.

Er wisse, dass es Kritik und Fragen an das staatliche Handeln gegeben habe und weiter gebe. Auch der Staat und die, die in ihm Verantwortung tragen, seien nicht unfehlbar. Wo es Fehler oder Fehleinschätzungen gegeben habe, müsse aufgeklärt werden, sagte Steinmeier. «Nur in dem Masse, in dem diese Bringschuld abgetragen wird und Antworten auf offene Fragen gegeben werden, kann verlorenes Vertrauen wieder wachsen. Deshalb müssen wir uns so sehr darum bemühen. Der Staat ist gefordert.»

«Aber lasst uns glauben an den besseren Geist unseres Landes, an unsere Kraft zum Miteinander, zum gemeinsamen Wir!»

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

epa09024410 Participants sit in front of the portraits of the victims, during  a memorial ceremony for the anniversary of the shooting by a right-wing extremist in February 2020, in Hanau, Germany, 19 February 2021. Nine people were killed in two shootings in Hanau on 19 February 2020.  EPA/RONALD WITTEK / POOL

Die Gedenkfeier mit Leuchtbilder von den 9 Todesopfern Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu. Bild: keystone

Keineswegs seien ein Jahr nach dem Anschlag die Trauer gewichen, der Schmerz geringer geworden, die Wut verflogen, alle Fragen beantwortet. «Doch als Bundespräsident stehe ich hier und bitte uns: Lasst nicht zu, dass die böse Tat uns spaltet! Übersehen wir nicht die bösen Geister in unserer Mitte – den Hass, die Ausgrenzung, die Gleichgültigkeit. Aber lasst uns glauben an den besseren Geist unseres Landes, an unsere Kraft zum Miteinander, zum gemeinsamen Wir!»

«Die Taten waren von gezielt gesteuertem Hass initiiert, die Täter davon ermutigt»

Frank-Walter Steinmeier

Der Bundespräsident hatte die Hinterbliebenen der Opfer im vergangenen September ins Schloss Bellevue eingeladen und mit ihnen Gespräche geführt. Unmittelbar vor der Gedenkveranstaltung hatte er sich mit einem persönlichen Brief an die Familien gewandt. In seiner Rede sagte er ihnen: «Ich bin hier, weil mich zutiefst bedrückt, dass unser Staat sein Versprechen von Schutz, Sicherheit und Freiheit, das er allen gibt, die hier gemeinsam friedlich leben, gegenüber Ihren Angehörigen nicht hat einhalten können.»

Wie der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und der Anschlag auf die Synagoge in Halle seien auch die Morde von Hanau kein Zufall gewesen. «Die Taten waren von gezielt gesteuertem Hass initiiert, die Täter davon ermutigt», sagte Steinmeier. «Die bösartige Menschenfeindlichkeit, die sich im Netz oder anderswo zeigt, ist das gefährliche Gift einer kleinen Minderheit - aber ein Gift, das Wirkung hat. Das immer wieder Menschen glauben macht, sie dürften im Namen eines angeblichen Volkswillens andere Menschen demütigen, bedrohen, jagen oder gar ermorden.»

Lübckes Familie übermittelte den Hinterbliebenen der Opfer von Hanau am Freitag ihr Mitgefühl. Es bleibe aber nicht nur Schmerz, sondern es gebe auch viele drängende Fragen, erklärte sie und wünschte den Angehörigen, dass diese bald beantwortet werden. «Es wird ihre Töchter und Söhne, Geschwister, Freundinnen und Freunde nicht zurückbringen. Es wird die Tat nicht ungeschehen machen. Aber es kann helfen, mit dem grossen Schmerz und dem tiefen Verlust umzugehen und Kraft geben, weiter für unsere Werte Haltung zu zeigen.»

Der 43-jährige Deutsche Tobias R. hatte am Abend des 19. Februar 2020 neun Menschen mit ausländischen Wurzeln an mehreren Orten in der Stadt im Rhein-Main-Gebiet erschossen, bevor er seine Mutter tötete und anschliessend sich selbst. Zuvor hatte er Pamphlete und Videos mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten im Internet veröffentlicht. Die Tat hatte Entsetzen in Deutschland ausgelöst. Die «Initiative 19. Februar Hanau», ein Zusammenschluss von Hanauer Angehörigen, spricht unter anderem von einem «Versagen der Behörden vor, während und nach der Tat». Angehörige der Opfer hatten wiederholt Aufklärung gefordert, etwa zur Frage, warum der unter Wahnvorstellungen leidende Täter Waffen besitzen durfte.

Mit einem Zitat von Wilhelm Grimm hatte der frühere Fussball-Nationalstürmer Rudi Völler die Gedenkveranstaltung am Abend eröffnet: «Hass, der alle anderen Gefühle bald überflügelt, zerstört mehr als alles andere das ruhige und gedeihliche Leben eines Staates, das auf der inneren Gesinnung der Menschen beruht, nicht auf Bajonetten», schrieb der berühmte Märchensammler, der ebenso wie sein Bruder Jacob in Hanau geboren wurde. Im Anschluss entzündete Völler, der Ehrenbürger von Hanau ist, eine Gedenkkerze für die Todesopfer, deren Namen später von Bouffier und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) abwechselnd verlesen wurden: Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu. Bilder der Toten waren auf Stelen zu sehen, die nach und nach beleuchtet wurden.

epa09023966 Participants of a demonstration commemorating the victims of a right-wing extremist shooting in February 2020 hold placards with the names and images of the victims, in front of the Brothers Grimm national monument in Hanau, Germany, 19 February 2021. Nine people were killed by a right-wing extremist in two shootings in Hanau on 19 February 2020. A memorial service is held to mark the anniversary of the killings.  EPA/SASCHA STEINBACH

Bild: keystone

Schon vor der offiziellen Gedenkveranstaltung waren am Morgen rund 500 Angehörige und Hanauer Bürger auf dem Hauptfriedhof zu einer Andacht zusammengekommen. Sie versammelten sich an einem Ensemble von Ehrengräbern, wo Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi begraben sind. Zu dem Ensemble gehören auch Gedenksteine für die weiteren sechs Todesopfer. Verschiedene Religionsgemeinschaften und Gruppierungen erinnerten mit Demonstrationen und einer Kranzniederlegung an die Ermordeten. (sda/dpa)

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