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Verschwörungen und Legenden – was vor Trumps Militärspital so abgeht



Die Schnellstrasse vor dem Walter-Reed-Krankenhaus in Bethesda ist normalerweise kein Ort für Versammlungen. Auf ihr pendeln Berufstätige zwischen Washington und den nördlichen Vororten der US-Hauptstadt. Die Metro-Station Medical Center spuckt alle paar Minuten Passagiere aus, die sich schnell zerstreuen, weil es keinen Anlass zum Verharren gibt. Seit US-Präsident Donald Trump wegen seiner Covid-Erkrankung in dem Militärkrankenhaus behandelt wird, ist das anders: Der Strassenabschnitt davor ist zum Pilgerort für einen harten Kern seiner Anhänger geworden. Am Sonntag hat Trump für die «grossartigen Patrioten» dort eine Überraschung parat.

A supporter of President Donald Trump crosses the street near an entrance to Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, Md., Sunday, Oct. 4, 2020. Trump went to the hospital Friday after testing positive for COVID-19. (AP Photo/Cliff Owen)

Die Strasse vor dem Militärspital Walter Reed: Pilgerort der Trump-Fans. Bild: keystone

Im gepanzerten Wagen lässt sich der mutmasslich hochinfektiöse Präsident an jubelnden Sympathisanten vorbeichauffieren. Aus dem Wagen heraus winkt der 74-Jährige, der eine Stoffmaske trägt. Auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie er beide Daumen nach oben reckt. Dann kehrt der Konvoi zum Krankenhaus zurück.

Hier winkt der Corona-Patient aus dem Auto:

Unmittelbar vor dem Kurzausflug hatte Trump die Stippvisite via Twitter angekündigt. «Ich verrate es niemandem ausser Ihnen, aber ich mache gleich einen kleinen Überraschungsbesuch», sagt er in einem Video, das er an seine knapp 87 Millionen Twitter-Abonnenten schickt. Nach widersprüchlichen, teils alarmierenden Angaben zu Trumps Gesundheitszustand ist sein Signal: Ich lasse mich vom Virus nicht unterkriegen.

«Was ist im Rosengarten geschehen??? Ermittelt!!!»

Unter den Anhängern des Präsidenten vor dem Krankenhaus ist am Abend vor Trumps kurzem Ausflug auch Will, der nur seinen Vornamen preisgeben möchte. Wenn er nicht angesprochen wird, steht der ernst dreinblickende Mann schweigend zwischen den Dutzenden Trump-Unterstützern und präsentiert sein Pappschild. «Attentat?? Terrorismus??? Was ist im Rosengarten geschehen??? Ermittelt!!!», steht auf der einen Seite. Auf der Rückseite ist eine längere Liste mit den Namen jener Personen, die am 26. September im Rosengarten des Weissen Hause waren und danach positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Ganz oben stehen der republikanische Präsident und die First Lady.

Supporters of President Donald Trump drive past the entrance to Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, Md., Sunday, Oct. 4, 2020. Trump went to the hospital Friday after testing positive for COVID-19.  (AP Photo/Cliff Owen)

Trump-Fans fahren im Auto am Militärspital vorbei. Bild: keystone

Die Frage, was passiert ist, könnte man so beantworten: Trump hatte mehr als 100 Menschen in den Rosengarten eingeladen, um seine Kandidatin für den freigewordenen Richterposten am Supreme Court vorzustellen. Andernorts übliche Schutzmassnahmen wurden in den Wind geschlagen. Die Stühle standen eng beisammen. Kaum jemand trug eine Maske. Manche Gäste schreckten sogar vor Umarmungen nicht zurück.

epa08700229 US President Donald J. Trump introduces Judge Amy Coney Barrett as his nominee to be an Associate Justice of the Supreme Court during a ceremony in the Rose Garden of the White House in Washington, DC, USA, 26 September 2020. Judge Barrett, if confirmed, will replace the late Justice Ruth Bader Ginsburg.  EPA/SHAWN THEW

Der vieldiskutierte Anlass im Rosengarten am Samstag, 26. September. Bild: keystone

Unter den Besuchern war vermutlich ein Super-Spreader, der das Virus unwissentlich weitergab. Will möchte das nicht gänzlich ausschliessen, raunt aber auch: «Manchmal werden biologische Waffen eingesetzt, und Menschen geben es nicht zu, wenn sie sie benutzen.»

«Warum stecken sich keine Demokraten an?»

Wer Will für einen durchgeknallten Verschwörungstheoretiker halten sollte, wäre in der Menge vor dem Walter-Reed-Krankenhaus womöglich in der Minderheit.

epaselect epa08718917 Supporters of US President Donald Trump chant 'Four More Years' as they gather outside the Walter Reed National Military Hospital where the president was taken after testing positive for COVID-19, in Bethesda, MD, USA, 03 October 2020. Trump's positive test comes after months of the president playing down the severity of the pandemic that has killed over 200,000 US citizens and more than one million people worldwide.  EPA/SAMUEL CORUM

Trump-Fans skandieren vor dem Militärspital «Four more years!». Bild: keystone

Will erhält jedenfalls viel Zuspruch. «Das ist schon merkwürdig», pflichtet ihm ein Trump-Unterstützer bei, nachdem er das Schild gelesen hat. «Alter, das ist supermerkwürdig», erwidert seine Begleiterin. «Warum stecken sich keine Demokraten an?» Das liegt womöglich daran, dass kaum Demokraten im Rosengarten gewesen sein dürften - und dass es deren Präsidentschaftskandidat Joe Biden (77) mit dem Corona-Schutz erheblich genauer nimmt als Amtsinhaber Trump.

Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden, accompanied by his wife Jill Biden, left, fist bumps a supporter before boarding his train at Amtrak's Pittsburgh Train Station, Wednesday, Sept. 30, 2020, in Pittsburgh. Biden is on a train tour through Ohio and Pennsylvania today. (AP Photo/Andrew Harnik)
Joe Biden,Jill Biden

Mit Maske unterwegs: Joe Biden. Bild: keystone

Tucker Carlson sticht unter den Moderatoren bei Fox News als besonders fanatischer Unterstützer Trumps hervor, was bei dessen Lieblingssender einiges heissen will. Carlson nennt es in seiner Show am Freitag gleich zwei Mal «ein bisschen merkwürdig», dass Trump sich ausgerechnet einen Monat vor der Präsidentschaftswahl angesteckt hat, obwohl das Virus schon viel länger zirkuliert. Er sagt: «Ich bin kein Verschwörungstyp, ich stelle nur fest.» Der Subtext: Vielleicht sind andere dafür verantwortlich, dass Masken-Muffel Trump infiziert wurde und das Virus womöglich an andere weitergegeben hat.

epa08714424 (FILE) - US President Donald J. Trump (L) and First Lady Melania Trump (R) wave to supporters as they walk across the South Lawn to Marine One at the White House in Washington, DC, USA, 29 September 2020 (reissued 02 October 2020). According to media reports, US President Donald Trump and First Lady Melania Trump have positive for the SARS-CoV-2 coronavirus. US Presidential Councelor Hope Hicks has also tested positive for the virus.  EPA/KEN CEDENO / POOL

Ohne Maske unterwegs: Donald Trump. Bild: keystone

Trump hat in den vergangenen Wochen Massenveranstaltungen abgehalten und noch am Donnerstag zahlreiche Spender getroffen - trotz des Infektionsrisikos. Nun stellt er es so dar, als habe er sich für das Amt aufgeopfert. «Ich hatte keine Wahl, weil ich nicht einfach im Weissen Haus bleiben wollte. Mir wurde diese Alternative geboten», sagte er in einer Videobotschaft am Samstag. «Das ist das mächtigste Land der Welt. Ich kann nicht in einem Zimmer im Obergeschoss eingesperrt und völlig sicher sein und einfach sagen: »Hey, was auch immer passiert, passiert«. Das kann ich nicht tun.» Er fügte hinzu: «Als Anführer muss man Problemen ins Auge sehen.»

epa08721329 Supporters of US President Donald J. Trump show their support in Glendale, California, USA, 04 October 2020. Trump continues to recover at the Walter Reed Medical Center hospital from his COVID-19 infection.  EPA/EUGENE GARCIA

Donald Rambo: «Als Anführer muss man Problemen ins Auge sehen.». Bild: keystone

Trumps Anwalt Rudy Giuliani schlägt in dieselbe Kerbe. «Er hätte die Wahl gehabt, sich fünf Monate lang im Weissen Haus zu verstecken», sagte der frühere New Yorker Bürgermeister am Sonntag nach einem Telefonat mit Trump. «Aber er sagte: »Das konnte ich nicht tun, ich musste vorsichtig rausgehen und den Weg zurück weisen (aus der Krise). Wenn ich nicht führen würde, wer würde führen? Wenn ich mich verkrochen hätte, wäre die ganze Wirtschaft im Keller geblieben«.»

President Donald Trump supporters gather outside Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, Md., Sunday, Oct. 4, 2020. Trump was admitted to the hospital after contracting COVID-19. (AP Photo/Anthony Peltier)

Bild: keystone

Zur Unterstützung Trumps hat sich vor dem Krankenhaus auch John Maxwell eingefunden. Der 46-Jährige trägt ein Plakat mit der Aufschrift «Donald Trump ist der beste Präsident in der Geschichte der USA». Was er - wie die meisten seiner Mitstreiter hier - nicht trägt: eine Maske. Ob Trumps Erkrankung nicht ein Umdenken erfordere? «Ich will keine Maske tragen, Punkt. Wenn du denkst, dass ich dich anstecken werde, dann hast du das Recht, nicht in meiner Nähe zu sein», sagt Maxwell. Seine Freiheit gehe ihm über alles und schliesse die Freiheit auf Maskenverzicht ein. «Und wenn ich Covid habe und es jemandem weitergebe, dann ist das Amerika, Mann. Das ist Amerika.» (sda/dpa)

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54 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Coffeetime ☕
05.10.2020 09:38registriert December 2018
🤦🏻‍♀️🤦🏻‍♀️🤦🏻‍♀️... mehr kann man nicht dazu sagen.
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Bert der Geologe
05.10.2020 10:11registriert November 2015
Man kann es nachrechnen und ich wunder mich, weshalb diese Zahlen nicht mehr beachtet werden.
Deutschland, ein Land mit 83 Mio Einwohnern hatte bis anhin rund 9'500 Covid-19-Todesopfer zu beklagen. Die USA mit 330 Mio, also rund 4 mal mehr Einwohnern hatten 209'000 Todesopfer, also 22 mal mehr Todesopfer. Bei der Rate Deutschland wären somit etwa 38'000 Menschen gestorben. Auch wenn man die Zahlen der Neuinfektionen berachtet, kommt man auf dieselbe Grössenordnung. D.h. Trump und Konsorten haben mit ihrer Scheisspolitik rund 170'000 Menschen auf dem Gewissen.
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DJ77
05.10.2020 09:48registriert August 2015
Der letzte Satz von Maxwell sagt doch schon alles über das Problem und die Covid Zahlen in den USA aus: «Und wenn ich Covid habe und es jemandem weitergebe, dann ist das Amerika, Mann. Das ist Amerika.»...
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