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Nach dem Erdbeben in Albanien heisst es «Mund abwischen und weitermachen»

Das Erdbeben vom Dienstag trifft Albanien hart. Doch das Land wird sich davon erholen: Der Aufschwung ist in vollem Gange.

Roland Itten aus Tirana / ch media



Das Erdbeben vom Dienstag an der Westküste Albaniens hat mindestens 49 Tote und 650 Verletzte gefordert. Das Beben trifft das Drei-Millionen-Land – eines der ärmsten Europas – hart, genau dort, wo man bisher die höchsten Tourismuseinnahmen generierte: an der Westküste rund um die Hafenstadt Durrës, wo viele Hotels sind.

epa08031137 Search and rescue team from Croatia search in the rubble of a building after an earthquake hit Durres, Albania, 28 November 2019. Albania was hit by a 6.4 magnitude earthquake on 26 November 2019, leaving at least 41 people dead and dozens injured.  EPA/MALTON DIBRA

Ein vom Erdbeben zerstörtes Gebäude in der albanischen Hafenstadt Durrës. Bild: EPA

Doch Albanien wird sich vom Erdbeben schon bald erholen, wird sich trotz Tragik und der Schäden nicht unterkriegen lassen. Einerseits, weil Albaner stolze Menschen sind und 30 Jahre nach der Befreiung von der sozialistischen Diktatur Enver Hoxhas endgültig aus der Armut raus wollen. Vor allem aber auch, weil der touristische Aufschwung in vollem Gange ist und als wichtigster, wachsender Wirtschaftszweig enormes Potenzial birgt. Das haben internationale Tourismusakteure und Investoren längst erkannt. Viele Projekte sind bereits in der Pipeline. Daran wird das Erdbeben vom Dienstag nichts ändern.

Von 2 auf 10 Millionen Touristen pro Jahr

Albanien gilt noch immer als «unentdeckte Perle» am Mittelmeer: lange, unberührte Küstenstreifen, kristalline Strände, wilde Bergtäler. «Winnetou»-Land. Mit grünblauen Seen, Fjorden, Canyons, Wasserfällen. Und historischen Kleinstädten. Aber das sehr gute Preis-Leistungs-Verhältnis, kurze Flugzeiten und die bekannte albanische Gastfreundschaft machen das Land zu einem immer attraktiveren Reiseziel: Während 2010 gerade mal zwei Millionen Touristen nach Albanien reisten, waren es 2016 bereits 4,1 Millionen. Zwei Jahre später schon sechs Millionen, pro Jahr also eine Steigerung um eine Million Besucher. Der Beschäftigungsgrad im Tourismus stieg in dieser Zeit um 41 Prozent. 2020, hofft die Regierung, wird die Marke von 10 Millionen Touristen erstmals geknackt.

Einer, der das Potenzial erkannt hat, ist der albanisch-stämmige Schweizer Saimir Shala. 2017 gründete der Wirtschaftsinformatiker das Unternehmen albanienreisen.ch. Vorher arbeitete der 28- Jährige als IT-Projektleiter bei Sulzer. Seit drei Jahren organisiert er Wanderreisen in Albanien. Zusammen mit Lebenspartnerin Aylin Bakir, einer Juristin aus dem Berner Seeland.

A view of the archeological site near the city of Saranda, some 290 km south from Tirana, Albania, on Sunday 21 May 2006. Saranda is expected to receive more than one hundred thousand foreign tourists this summer, local press report.  EPA/ARMANDO BABANI

Die Küste Albaniens lockt immer mehr Touristen an. Bild: EPA

Shala, bereits in der Schweiz ein Wanderfreak, war seit 2014 in den Bergen Albaniens unterwegs, wanderte tagelang. Wollte, dass auch Schweizer diese Welt entdecken. «Wir sagten uns, dass die albanischen Alpen, die bezaubernden, wilden Bergtäler etwas Besonderes für Schweizer sind», sagt Shala. Der Erfolg gibt ihm recht: Dieses Jahr führte er mit seiner Freundin über 250 Kunden durch Albanien. Zum Erdbeben sagt er: «Das ist zwar hart und tragisch. Aber es wird den wachsenden Tourismus in Albanien nicht bremsen.»

Die albanische Regierung hat grosse Ambitionen: «Invest in Albania» heisst ein entsprechendes Strategiepapier, das der «Schweiz am Wochenende» vorliegt: Wer in Albanien investiert, ein 4- oder 5-Sterne-Hotel baut, bezahlt die ersten zehn Jahre keine Gewinnsteuer. Keine Bau- und Infrastruktursteuer. Solche Hotelbesitzer bezahlen anstatt der gewohnten 20 Prozent Mehrwertsteuer noch gerade mal sechs Prozent.

Auf der Suche nach ausländischen Investoren

Eigens dafür hat die Regierung das Land strategisch unterdessen in Tourismuszonen eingeteilt: das urbane Tirana/Durrës, den Süden («albanische Toskana»), das «ionische Albanien» bei Dhermi/Saranda. Und in die nördliche Zone – mit der Stadt Shkodra (Seen und Kultur) und den albanischen Alpen, für das Wandern und das Trekking. Doch Albanien setzt nicht primär auf Massentourismus. «Wir wollen nicht Massentourismus, sondern qualitativ guten Tourismus. Hochwertige Hotels, tolle Guest Houses und Resorts mit entsprechender Infrastruktur», sagt Blendi Klosi, Minister für Tourismus und Umwelt an einem verregneten Nachmittag in Tirana in seinem grossen, mit moderner Kunst versehenem Büro, unweit des Skanderberg-Platzes. «Wir werden unsere Küsten, unsere Natur nicht verbauen, auch da haben wir klare Strategien.»

15 High-End Projekte und zehn Jachthäfen sind bereits in der Pipeline. Sie entstehen in Zusammenarbeit mit internationalen Investoren. Mangels eigenem Geld in der Staatskasse sollen bekannte Hotelketten und Investorengruppen aus den USA, Asien und Europa den Staat wirtschaftlich flott machen. «Dank ihnen wird unsere Jugend in Tourismus und Hotellerie aus- und weitergebildet», sagt Klosi und betont, dass fast 60 Prozent der Bevölkerung unter 35-jährig sei.

Klosi und die Regierung setzen aber auch auf Agritourismus, auf ein Programm mit dem Namen «100 Villages»: Verteilt über ganz Albanien sollen in diesen Dörfern «gepflegte Guest Houses» entstehen. Und auch hier: Wer in abgelegenen Orten investiert, wird vom Staat belohnt. Mit 5 Prozent Einkommensteuer sowie tiefer Mehrwertsteuer von 6 Prozent.

Schweizer Touristiker springen auf

Nun will die Regierung die Infrastruktur bereitstellen, Strassen verbessern, eine Autobahn Richtung Süden bauen und dort auch einen weiteren internationalen Flughafen errichten. Auch dafür werden ausländische Investoren gesucht. Bereits hat bekanntlich eine italienische Firma die albanische Abfallentsorgung übernommen. Und Saudis finanzierten und betreiben das Parkhaus unter dem riesigen Skanderbergplatz in der Hauptstadt Tirana. Droht der Ausverkauf des Landes? «Nein», sagt Umweltminister Klosi, «zum letzten Geheimnis Europas tragen wir Sorge.»

Auch Schweizer Unternehmen wollen am touristischen Aufschwung Albaniens teilhaben: 2019 ist die Ferienairline Edelweiss eingestiegen. Sie fliegt jeweils von April bis Oktober zweimal wöchentlich Tirana an. Die Zahlen entsprachen den Erwartungen.

Hotelplan ist schon länger aufgesprungen und glaubt nicht, dass die Nachfrage für Albanien aufgrund des Erdbebens abnehmen wird. Man erweitert sogar das Angebot: Während Hotelplan in Tirana, Durrës und Saranda dieses Jahr 18 Hotels im Angebot hatte, so Mediensprecherin Bianca Gähweiler, werden es im Sommer 2020 bereits 50 Hotels sein.

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tekk 02.12.2019 10:33
    Highlight Highlight Was ist denn das für ein Spruch? «Mund abwischen und weitermachen»?
    Ok... 😅
  • Varanasi 02.12.2019 08:09
    Highlight Highlight Eine italienische Firma organisiert die Abfallentsorgung? Ich weiss nicht, ob das jetzt eine gute Idee ist....
  • KeineSchlafmützeBeimFahren 02.12.2019 06:22
    Highlight Highlight Ich hoffe es so sehr für dieses Land, dass der Massentourismus nicht um sich greift! Bei einem nur 28.000 km2 grossen Staat wäre das katastrophal.
    Und leider haben viele der anderen Europäer noch grosse Vorbehalte gegenüber Albanien, völlig zu Unrecht!
    • BerriVonHut 02.12.2019 11:38
      Highlight Highlight dem kann ich beipflichten. Ich war im letzte Sommer da und kann nur gutes davon berichten! gerade Tirana un die nördlichen Berge haben es mir angetan, obwohl da die Kommunikation schwer ist, da fast niemand englisch kann und ich kein albanisch..

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