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Pest in Russland: Panik frisst sich durch Sibirien

RUSSIA, IRKUTSK - SEPTEMBER 8, 2025: A tram in a street in Kirovsky District in early autumn. Kirill Kukhmar/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY 83933447
Stadtzentrum von Irkutsk: In der Region im Süden Russlands gibt es einen tödlichen Fall von Pest.Bild: www.imago-images.de

Pest in Russland – Russen kaufen Apotheken leer

Eine junge Forscherin stirbt in Sibirien an der Pest. Die Behörden in Russland versuchen, den Fall vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. In der Region wächst die Panik, während Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt werden.
04.10.2026, 17:0504.10.2026, 17:05
Ellen Ivits / t-online
Ein Artikel von
t-online

In Russland versuchen die Behörden der Region Irkutsk, einen Ausbruch der Pest zu verhindern. Gleichzeitig setzen sie alles daran, Informationen über den tödlichen Fall in der Stadt Schelechow von der Öffentlichkeit fernzuhalten: Berichte verschwinden wieder aus dem Netz, offizielle Aussagen werden nachträglich zensiert, in Mitteilungen ist teils nur noch von einer «besonders gefährlichen Infektion» die Rede.

Dabei geht es um den Tod einer 28-jährigen Laborantin aus Schelechow. Darja S. arbeitete am Irkutsker Forschungsinstitut für Seuchenbekämpfung. Nach Angaben des unabhängigen Mediums «Ljudi Baikala» zerbrach ihr am 25. September ein Reagenzglas, das Erreger der Lungenpest enthielt. Wenig später wurde sie krank. In der Nacht zum 2. Oktober starb sie im Spital von Schelechow.

Nach ihrem Tod wurde die stationäre Abteilung des Kreiskrankenhauses unter Quarantäne gestellt. Die Nachrichtenagentur «Iswestija» berichtete, 197 Kontaktpersonen seien ermittelt worden, 189 von ihnen seien ins Spital eingeliefert worden.

FSB soll bereits vor dem Tod von Darja S. involviert gewesen sein

Der Gouverneur der Region Irkutsk, Igor Kobsew, versuchte am 2. Oktober, die Bevölkerung zu beruhigen. Die ermittelten Kontaktpersonen zeigten bislang keine Krankheitssymptome, teilte er auf Telegram mit. Auch die Ergebnisse der bereits durchgeführten Laboruntersuchungen seien negativ ausgefallen.

Gleichzeitig bleibt fraglich, wie offen die Behörden über den Fall informieren. Laut «Ljudi Baikala» (Menschen des Baikals) fand bereits am Abend des 1. Oktober in Irkutsk eine Besprechung statt, an der die Chefs von Sicherheitsbehörden und Verwaltungsstellen der Region teilnahmen. Seit dem vergangenen Donnerstag sollen Einsatzkräfte des Inlandsgeheimdienstes FSB Krankenwagen begleiten, mit denen Menschen aus der Quarantäne zu Untersuchungen gebracht werden.

Zusätzliche Verunsicherung löste eine Warnung der Verwaltung der benachbarten Stadt Baikalsk aus. Sie informierte die Einwohner zunächst auf Telegram über den Fall von Pest in Schelechow und bat sie, Besuche dort sowie in angrenzenden Städten und Siedlungen bis zur Klärung der Umstände einzuschränken. Zwei Stunden später wurde der Beitrag jedoch wieder gelöscht.

Republikoberhaupt bestätigt Fall von Pest – und rudert zurück

Auch Alexej Zydenow, das Oberhaupt der an Irkutsk grenzenden Republik Burjatien, äusserte sich anfangs deutlicher als die Behörden in der Region selbst. Er schrieb, nach Angaben der russischen Verbraucherschutzbehörde und der Regierung Burjatiens sei die in Irkutsk an der Pest verstorbene Frau nicht nach Burjatien gereist. In der Republik gebe es keine Pestherde, auch nicht in den Gebieten an der Grenze zur Mongolei. Die Infektionsquelle habe mit Burjatien nichts zu tun, schrieb er in dem Kreml-Nachrichtendienst «Max».

Kurz darauf änderte Zydenow seinen Beitrag. Vor die Aussage über die Todesursache der Laborantin setzte er das Wort «möglicherweise». Aus der Feststellung, die Frau sei an der Pest gestorben, wurde damit nur noch eine Möglichkeit.

Panik in Russland: Menschen bleiben zu Hause

Die Journalistin Polina Popowa von «Ljudi Baikala» beschreibt die Wirkung dieser Kommunikation auf die Menschen vor Ort so: «Manche versuchten, zu Hause zu bleiben und nicht unnötig auf die Strasse zu gehen, weil das Schweigen der Behörden und das Löschen dieser Beiträge für grosse Verunsicherung sorgt», sagte sie im Interview mit dem unabhängigen Sender Dozhd. Es herrsche stellenweise Panik. «Beiträge werden ständig gelöscht, Hinweise auf die Pest werden entfernt.» Die Pest werde «mal bestätigt», mal wieder nicht, erläuterte Popowa weiter.

Die widersprüchlichen Signale haben Folgen. In Apotheken in Irkutsk und Schelechow sind Antibiotika nach Informationen von Popowa inzwischen fast ausverkauft. Viele Menschen kaufen demnach die Medikamente vorsorglich, obwohl sie nicht wissen, ob sie überhaupt Kontakt mit dem Erreger hatten. Eine prophylaktische Behandlung werde nur nach einem Kontakt mit dem Erreger verordnet.

Epidemiologe: Es gibt eine Impfung gegen die Pest

Wie gefährlich der Fall von Pest in Russland ist, hängt primär davon ab, ob weitere Menschen tatsächlich mit dem Erreger in Kontakt gekommen sind. Der Epidemiologe Michail Farforow ordnet den Tod der Laborantin als berufsbedingte Infektion ein. Die Panik in der Bevölkerung hänge vor allem mit der allgemeinen Nervosität und der unklaren Kommunikation der Behörden zusammen, sagte er im Gespräch mit Dozhd.

Einen Impfstoff gegen die Pest gebe es zwar, erklärte Farforow. Entscheidend sei aber: Wenn ein Mensch den Pesterreger bereits eingeatmet habe, helfe die Impfung nicht mehr. Die Mikroben gelangten dann unmittelbar in die Lunge.

«Hohes Ansteckungsrisiko im Spital»

Unklar ist weiter, wie genau sich Darja S. infizierte. Der Epidemiologe hält es für wahrscheinlich, dass bei der Arbeit im Labor etwas zerbrach. «Denn wie sonst hätte es passieren können, dass der Erreger in die Luft gelangt?», sagte Farforow. Warum die Laborantin den Vorfall aber nicht meldete, sei offen. Vielleicht habe sie versucht, ihn zu verbergen, mutmasste er.

Pest in Russland: Mitarbeiter des Irkutsker Forschungsinstituts für Seuchenbekämpfung. Hier ist es womöglich zu einem Unfall gekommen, bei dem sich eine Laborantin infiziert hat.
Pest in Russland: Mitarbeiter des Irkutsker Forschungsinstituts für Seuchenbekämpfung. Hier ist es womöglich zu einem Unfall gekommen, bei dem sich eine Laborantin infiziert hat.Bild: Irkutsker Forschungsinstitut für Seuchenbekämpfung

Für diejenigen, die sich im Spital aufgehalten haben, bestehe jetzt ein hohes Ansteckungsrisiko, warnte er. «Die Frau wurde dort an ein Beatmungsgerät angeschlossen, ohne dass zuvor eine Diagnose gestellt worden ist.» Das Ansteckungsrisiko in dem Krankenhaus sei jedoch deutlich geringer als dasjenige, dem Menschen möglicherweise an dem Ort ausgesetzt waren, an dem sich die junge Frau vor Ausbruch der Krankheit aufgehalten hatte.

Bis 400 Kontaktpersonen in Russland

«Alle diese Menschen werden jedoch ausfindig gemacht, unter Quarantäne gestellt und mit Antibiotika behandelt. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs oder weiterer Erkrankungen in dieser Stadt äusserst, äusserst gering», so die Einschätzung des Epidemiologen. Doch entgegen den offiziellen Angaben geht er davon aus, dass es an die 400 Kontaktpersonen gegeben hat, die jetzt unter Quarantäne gestellt werden.

Darja S. hatte zwei Jahre vor ihrem Tod ihr Studium an der Medizinischen Universität Irkutsk mit Auszeichnung abgeschlossen. Sie hatte sich auf klinische Labordiagnostik spezialisiert und arbeitete anschliessend am Irkutsker Forschungsinstitut für Seuchenbekämpfung.

Verwendete Quellen:

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