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FILE - This Aug. 15, 2018 file photo, shows a view of the Morandi highway bridge that collapsed in Genoa, northern Italy. A large section of the bridge collapsed over an industrial area in the Italian city of Genova during a sudden and violent storm, leaving vehicles crushed in rubble below. In the more than three months since 43 people were killed in the Morandi highway bridge collapse, Genoa's residents have had little to smile about. The city derby on Sunday, Nov. 25, 2018 ,the first meeting between Genoa and Sampdoria since the bridge tragedy, could provide an opportunity for some relief. (AP Photo/Antonio Calanni, file)

Am 14. August 2018 kollabierte die Morandi-Brücke in Genua bei strömendem Regen. 43 Menschen kamen beim Unglück ums Leben, 566 verloren ihr Zuhause. Bild: AP/AP

Interview

«Enormer Druck» – darum ist Bernhard Elsener kein Experte im Fall der Morandi-Brücke mehr

Als Experte untersuchte der Schweizer ETH-Professor Bernhard Elsener acht Monate lang den Einsturz der Morandi-Brücke in Genua. Jetzt schmiss er den Bettel hin. Grund dafür waren die enorme Arbeitsbelastung – und die Angst.



Bei dem Kollaps der Morandi-Brücke in Genua im August 2018 verloren 43 Menschen ihr Leben. Über 500 mussten ihr Zuhause verlassen. Nach dem verheerenden Einsturz begann die Diskussion um die Schuldfrage. Wie konnte es so weit kommen?

Bild

Bernhard Elsener ist Professor für Materialwissenschaften und Korrosionsexperte. bild: eth

Im Verlauf der Untersuchungen wandten sich die italienischen Behörden auch an einen Schweizer Sachverständigen. Bernhard Elsener ist ETH-Professor und Korrosionsexperte. Er wurde gebeten, Trägerteile der Brücke zu untersuchen, die bei dem Einsturz in die Tiefe fielen.

Herr Elsener, erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie vom Einsturz der Morandi-Brücke erfahren haben?
Natürlich. Ich war an der ETH und mein Sohn hat mich angerufen. Der Einsturz war ein hochdramatischer Moment. In lebhafter Erinnerung geblieben ist mir aber etwas anderes.

«Als ich die Belastung auch körperlich gespürt habe, habe ich mich dafür entschieden, meine Rolle als Experte aufzugeben.»

Bernhard Elsener

An was erinnern Sie sich besonders?
In einem Dok-Film, der auf RSI gezeigt wurde, sah ich, wie es in den ersten Tagen nach dem Einsturz ausgehen hat und unter welchen Umständen und mit welchen bescheidenen Geräten Polizei und Feuerwehr die Toten bergen mussten. Das war prekär. Als ich als Experte zwei Wochen nach dem Einsturz vor Ort war, war vieles bereits beseitigt. Nur noch die grössten und schwersten Betonbrocken lagen noch da.

Die Reportage drei Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke:

Über acht Monate lang haben Sie darauf den Einsturz der Morandi-Brücke untersucht. Jetzt schmeissen Sie hin. Warum?
Die zeitliche Belastung wurde zu gross. Ich unterrichte Mitte Februar bis Ende Juni in Sardinien als Professor für Materialwissenschaften. Jede zweite Woche bin ich also in Sardinien. Den Rest des Monats habe ich in Genua verbracht. Das war zu viel für mich und meine Familie. Als ich die Belastung auch körperlich gespürt habe, habe ich mich dafür entschieden, meinen Rücktritt einzureichen.

War es wirklich nur die zeitliche Belastung? In einem Interview mit RTS erklärten Sie, dass etwas mit den Trägern der Brücke nicht stimmte. Darauf wurden Sie harsch von den Anwälten und der italienischen Staatsanwältin kritisiert.
Meine Aussage war eine Tatsache, die schon bekannt war. Ich wurde kritisiert, weil ich in meiner Rolle als Experte darüber gesprochen habe. Der zunehmende Druck war aber auch sonst spürbar.

abspielen

Video: watson

Können Sie dies genauer beschreiben?
Am Anfang der Untersuchung war die Atmosphäre kollegial und offen. Das hat sich zunehmend verschlechtert. Zusätzlich kam die riesige Arbeitslast dazu.

Wie wurde Ihre Arbeit dadurch beeinflusst?
Entscheidungen und Vorgehensweisen von uns Experten wurden zunehmend hinterfragt und kritisiert. Das artete in ein stetiges Rechtfertigen aus und der ganze Prozess verzögerte sich enorm.

«Der Druck war enorm. Wegen der vielen Opfer und des riesigen mediale Echos will man seine Arbeit natürlich möglichst gut machen.»

Bernhard Elsener

Können die Experten in Zukunft überhaupt noch unabhängig arbeiten?
Da habe ich keinerlei Zweifel. Beide sind absolut integre Personen und müssen sich keine Sporen mehr abverdienen. Ich bin mir sicher, dass sie bei Beeinflussungsversuchen entsprechend protestieren und handeln werden.

Gegenüber dem Blick sagten Sie, die Anfrage sei eine grosse Ehre und Anerkennung für Ihr berufliches Schaffen. Haben Sie das Engagement als Experte unterschätzt?
Absolut. Als ich und meine zwei italienischen Kollegen im September 2018 bei der Untersuchungsrichterin vorsprachen, haben wir damit gerechnet, dass uns Berge von Akten übergeben werden. Doch das war nicht der Fall. Es gab keine Unterlagen. Wir mussten vor Ort die Brückenteile untersuchen. Alles musste zuerst organisiert werden. Das war ein enormer zeitlicher und organisatorischer Aufwand.

Rescuers work among the rubble of the Morandi highway bridge that collapsed in Genoa, northern Italy, Wednesday, Aug. 15, 2018. A large section of the bridge collapsed over an industrial area in the Italian city of Genova during a sudden and violent storm, leaving vehicles crushed in rubble below. (AP Photo/Antonio Calanni)

Nach dem folgenschweren Einsturz hat der Betreiber Autostrade per l'Italia 500 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Autobahnbrücke sowie für Hilfszahlungen an die Stadt Genua zugesagt. Bild: AP

Wann hätte das Gutachten ursprünglich stehen sollen?
Am Anfang hiess es Weihnachten 2018. Doch dieser Termin wurde relativ schnell nach hinten verschoben. Irgendwann hiess es dann Februar 2019. Und im Februar dann, es werde Juni…

Was war das Problem?
Man hat die Komplexität des Verfahrens unterschätzt. Das Spezielle war zudem, dass wir Experten stets mit den Konsulenten aller beteiligten Parteien zusammen Treffen abgehalten haben. Da waren jeweils vierzig Leute an einer Besprechung anwesend. Das hat die Untersuchung zusätzlich erschwert und verkompliziert.

Haben auch Ihre Kollegen die zeitliche Belastung und den Druck gespürt?
Der Druck war enorm. Wegen der vielen Opfern und des riesigen medialen Echos will man seine Arbeit natürlich möglichst gut machen. Ein zweiter Kollege hat mir gesagt, dass er ebenfalls auf die Bremse treten müsse, wenn es so weiter gehe. Er steht kurz vor dem Burnout.

Autobahnbrücke in Genua eingestürzt

Abriss der eingestürzten Autobahnbrücke in Genua beginnt

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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Daniel Martinelli 04.05.2019 16:28
    Highlight Highlight Ich kann mir gut vorstellen, dass er auch vor der Mafia Angst hat. Immerhin ist diese in Italien mächtiger als die Regierung und hat eigentlich das Sagen in der Baubranche dort.
    • drüber Nachgedacht 04.05.2019 23:32
      Highlight Highlight Nein das glaub ich nicht.

      Das Problem wird die elende Italienische Bürokratie sein.
      In Italien will immer jeder mitreden, ob er eine Ahnung hat oder nicht.
      Wenn man sich rationelles Arbeiten gewöhnt ist dreht man da durch.
    • Stamix 05.05.2019 01:04
      Highlight Highlight echt?! hmmmm...
  • Joe Frangelico 04.05.2019 15:36
    Highlight Highlight Hatte es in dieser Brücke Vorspannkabel und Querträger ?
  • blondkoala 04.05.2019 14:31
    Highlight Highlight Oh je, da kommen sie wieder,die sogenannten „ichweissehallesbesser“. Ja in Italien funktioniert vieles nicht wie es sollte, genau wie die Aufarbeitung von dieser Tragödie. Der Grund? Die Mafia ist überall vertreten=Korruption sehr hoch. Von der Polizia Municipale bis zur Guardia di Finanza hin bis zu den Staatsanwälten. Klar sind nicht alle korrupt, aber viele leider schon. Und das alles an einem Politiker in die Pfanne zu schieben, wie z.b. an Salvini, welcher in Italien sehr wohl vieles erreicht hat seit Amtsantritt (siehe Kommentare),ist schlicht und einfach feige. Die Schuld haben viele!
  • Im Diskurs Versunken 04.05.2019 14:26
    Highlight Highlight Krisensitzungen mit 40 Beteiligten - das klingt stark nach überforderten Bürokraten mit Leadership Mängel. Aber agiles Krisenmanagement ist demokratisch vermutlich auch schwer umzusetzen wenn alle immer dabei sein wollen wenn so viel auf dem Spiel steht.
  • FrancoL 04.05.2019 14:18
    Highlight Highlight Wer erinnert sich noch an die grossen Sprüche des Innenministers Salvini? Wer hat jemals wieder etwas gehört? Niemand. Das zeigt dass ein Salvini nicht einmal in der Lage ist eine recht einfache Aufgabe innert Frist zu lösen. Er wäre es den Toten und Anwohner schuldig gewesen.
    • Angelo C. 04.05.2019 14:30
      Highlight Highlight Eine „recht einfache Aufgabe“ für den anerkannten int. Brückenexperten Salvini, tztz 🙄?!

      Und das bei so einer komplexen Sache, wo sogar der renommierte Schweizer Experte hinschmeisst.

      Und: er sollte ALLES bereits längst gelöst haben - ist doch sowas von klar....

      Meeensch, FrancoL 🥴

    • salamandre 04.05.2019 15:59
      Highlight Highlight Einwandfrei!
    • FrancoL 04.05.2019 16:18
      Highlight Highlight @Angelo C.; Nicht ich habe dies gesagt sondern SALVINI hat dies so behauptet, dass in kurzer Zeit die Schuldigen benannt werden. Er hatte eine sofortige Aufklärung in Aussicht gestellt.

      Ich weiss dass es komplex ist, aber Salvini offensichtlich nicht und dazu kommt noch, dass er den "Boden" für eine saubere Untersuchung nicht einmal vorbereiten konnte.
      Elsener hat nicht hingeschmissen, weil es zu schwierig war, sondern weil man seine Begutachtung nicht akzeptieren mochte und ganz da hätte es ein Machwort gebraucht.
  • Bratansauce 04.05.2019 13:48
    Highlight Highlight Italien verkommt mehr und mehr zu einem Schwellenland. Hier ein weiterer Beweis dafür.
    • Thadic 04.05.2019 15:22
      Highlight Highlight Italien leidet extrem an dem extremen Bevölkerungsschwund und der Überalterung. Es als Schwellenland zu bezeichnen dünkt mich dennoch falsch. Zu einem Schwellenland würde das mit Kunstbauten gespickte Hochgeschwindigkeitszug- und Autobahn-Netz nicht passen. Auch die in gewissen Bereichen gezeigten Hightech-Leistungen passen nicht in das von dir vorgeschlagene Muster. Italien ist seit jeher gespickt mit grossen Widersprüchlichkeiten. Wer nach einer einfachen Pauschalisierung strebt, der verkennt dieses Land. Besonders traurig finde ich das extreme Unwissen vieler Secondos.
    • Neuromancer 04.05.2019 18:25
      Highlight Highlight Inwiefern genau und was genau ist der ‚weitere Beweis‘? Könntest du das bitte näher erläutern?
    • Bratansauce 04.05.2019 21:24
      Highlight Highlight @Neuromaster: Weil den Ermittlern offenbar keine genügenden Pläne (im Bericht Akten) zur Verfügung gestellt wurden. Übrigens: Abdolut nichts gegen Italien. Ich mag die Leute sehr, aber die Behörden und Politik scheint Chaos pur zu sein. Mir tun die Leute leid. <3
    Weitere Antworten anzeigen
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 04.05.2019 13:21
    Highlight Highlight Ich bin gespannt wie es in 10 Jahren aussieht und wer dann verantwortlich wird für den Bau.
    • Thadic 04.05.2019 22:09
      Highlight Highlight Gespannt vor Schadenfreude oder vor Nachbarsliebe. Es klingt doch so dass du enttäuscht sein wirst wenn in einem Jahr die neue Brücke steht.
      Es ist doch einfach so, dass alle guten Nachrichten aus Italien ausgeblendet werden aber daran sind zum Teil auch die italienischen Medien und auch die meisten Italiener schuld. Immer nur jammern was alles nicht geht.
    • Neruda 04.05.2019 23:00
      Highlight Highlight Immer noch die Mafia ;)

Philip Kovce: «Das Grundeinkommen ist eigentlich ein Grundrecht»

Im Sommer 2016 hat das Schweizer Stimmvolk dem Bedingungslosen Grundeinkommen eine Absage erteilt. Doch die Idee ist damit keineswegs gestorben. Sie sei aktueller denn je, sagt Philip Kovce, einer der Vordenker des Grundeinkommens.

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