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Sucht den Dialog mit jungen Muslimen: Die Imamin Kahina Baloul. Christophe Petit Tesson / EPA

Wie die erste Imamin Frankreichs gegen Radikalisierung kämpft

Kahina Bahloul ist die erste islamische Vorbeterin des Landes. Von Salafisten bedroht und beschimpft, stemmt sie sich unbeirrt gegen Vorurteile. Sie will Frauen in der männerdominierten Religion sichtbarer machen.

Stefan Brändle, Paris / ch media



Am 7. September 2019 tat sich in Paris höchst Ungewöhnliches: An einem geheimen Ort trat eine Frau vor eine Schar Männer und Frauen, um das islamische Gebet zu leiten. «Es war ein sehr starker Moment», sagt Kahina Bahloul rückblickend. «Vor allem, weil die Frage islamischer Vorbeterinnen heute tabu ist. Dabei werden sie auch im Koran keineswegs untersagt.»

Bahloul war vor zwei Jahren die erste Imamin Frankreichs. Heute hat sie zwei Berufskolleginnen, dank gelegentlicher Medienauftritte bleibt sie aber die bekannteste Vorbeterin der grössten islamischen Glaubensgemeinschaft Europas. Das ist nicht nur eine Gunst: In den sozialen Medien wurde sie schon als «dreckige Hexe» beschimpft, auch erhält sie immer wieder Bedrohungen.

Die Imamin weiss, dass sie aneckt

Das seien «ein paar kleine Jungs» gewesen, die sich wieder beruhigt hätten, spielt die 41-jährige Franko-Algerierin die Angriffe herunter. Sie weiss, dass sie aneckt. Sie kennt die Machosprüche, wonach sich ein «richtiger» Moslem nie vor einer Frau zum Gebet niederbeugen dürfe. Schon gar nicht, wenn vor seiner Nase der Hintern einer Frau prangt. «Frauen müssen in den Moscheen im Unter- oder dem Zwischengeschoss beten», sagt Bahloul. «Damit macht man sie schlicht unsichtbar.»

Heute seien Musliminnen unfreier als im 7. Jahrhundert, beklagt die Frau, die ihre Haare offen trägt und von ihrem Privatleben nur sagt, der Islam kenne kein Zölibat. Damals habe der Prophet laut Überlieferung selber eine Frau namens Umm Waraqa bestimmt, in seiner Moschee in Medina (Saudi-Arabien) vorzubeten. «Das wurde später ausgeblendet und unterschlagen», seufzt Bahloul, deren Vater ein muslimischer Heiler in der algerischen Kabylei war. Ihre Mutter war Atheistin, Tochter einer polnischen Jüdin und eines französischen Christen.

«Der Terrorismus verdreht die Botschaft des Islam»

Mit 24 Jahren nach Frankreich gekommen, gründete Bahloul dort die Moschee «Fatima». Was sie predigt? «Die Kernbotschaft des Islam», sagt die Anhängerin des Sufismus, eines mystisch-spirituellen Islam-Flügels. «Es geht um soziale Gleichheit und menschliche Würde. Es geht um die Botschaft der Liebe und des Friedens mit dem Ziel, den Menschen zum Bestmöglichen anzuleiten.»

Nicht unbedingt das, was heute viele mit dem Islam oder zumindest dem Islamismus in Verbindung bringen: Gewalt, Jihad, Hass auf die «koufars», die Ungläubigen. Bahloul geht dem Thema nicht aus dem Weg. Nach der Enthauptung des Geschichtslehrers Samuel Paty vor einem halben Jahr suchte sie zusammen mit dem liberalen Rektor der grossen Pariser Moschee selber den Tatort im Vorort Conflans-Sainte-Honorine auf.

«Der Terrorismus verdreht die Botschaft des Islam vollständig», sagt die Imamin ohne Kopftuch. «Die Muslimbrüder, Salafisten und IS-Milizen haben einen an sich persönlichen, spirituellen Weg in eine tödliche Ideologie verwandelt.» Logistisch unterstützt würden sie in Frankreich durch von den saudischen Wahhabiten, moniert Bahloul. Der islamische Kultusrat in Frankreich (CFCM) stehe zudem unter dem Einfluss konservativer Staaten der Türkei. Sie förderten die Radikalisierung bis in die Banlieue-Viertel von Paris, Lyon oder Marseille.

Ignoranz als Ursache der Radikalisierung

Bahloul weiss, wovon sie spricht: Sie besucht immer wieder Schulen in Pariser Vorstädten, um mit jungen Moslems zu diskutieren. «Im ersten Kontakt mit mir reagieren sie misstrauisch, und voller Clichés zur Unterjochung der Frau im Islam», erzählt die Imamin. «Aber wenn ich den Schülern islamische Texte vorlege, stelle ich immer wieder fest, wie wissbegierig sie sind. Die Weisheit der Schriften bringt sie regelmässig zum Denken.» Denn die tiefere Ursache der Banlieue-Radikalisierung sieht Bahloul in der Ignoranz: «Schuld ist die Unkenntnis der Religion, nicht das Gegenteil.»

Die liberale Imamin ist in den Freitagsgebeten landauf, landab eine einsame Ruferin. Ihre Moschee «Fatima» wird weder von Frankreich noch aus islamischen Staaten finanziell unterstützt und verfügt über keine eigenen Örtlichkeiten; sie muss für jedes Gebet ein neues Lokal mieten. Während es heute in mehreren westlichen Ländern von Dänemark bis Kanada Imaminnen gibt, kämpft die Fatima-Moschee ums Überleben.

Für Bahloul ist das nur ein Ansporn mehr, nicht aufzugeben, wie sie in ihrem soeben erschienenen Buch «Mon islam, ma liberté» («Mein Islam, meine Freiheit», erschienen im Verlag Albin Michel) schreibt. (bzbasel.ch)

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Museum für Kulturen des Islam in La Chaux-de-Fonds

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