Gadi Eisenkot: Der Mann, der Netanjahu herausfordert
Am 27. Oktober finden in Israel Parlamentswahlen für die 26. Knesset statt. Der wichtigste Herausforderer des amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ist Gadi Eisenkot. Seine 2025 gegründete Partei Yashar («Geradeaus») liegt in den jüngsten Umfragen knapp vor Netanjahus Likud. Ob das Oppositionslager unter Eisenkots Führung jedoch genügend Sitze für die Bildung einer Regierungskoalition gewinnen kann, ist derzeit noch offen.
Wie ist die politische Stimmung in Israel? Wofür steht Gadi Eisenkot, der ehemalige Generalstabschef und Herausforderer Benjamin Netanjahus? Und in welchen zentralen Punkten unterscheidet er sich vom langjährigen Ministerpräsidenten? Hier folgt ein Überblick über die politische Stimmung im Land und die wichtigsten Positionen der beiden Politiker:
Das sagen die aktuellen Umfragen
Um in die israelische Knesset einzuziehen, muss eine Partei mindestens 3,25 Prozent der Stimmen erreichen – das entspricht vier der insgesamt 120 Sitze. Gemäss einer aktuellen Umfrage des israelischen Fernsehsenders Channel 13 mit rund 2000 Teilnehmern dürften rund 13 Parteien und Parteienbündnisse diese Hürde überwinden. Sie werden grob in drei Gruppen eingeteilt: das Pro-Netanjahu-Lager, das Anti-Netanjahu-Lager und die übrigen Parteien.
Das Pro-Netanjahu-Lager
Zum kolportierten Pro-Netanjahu-Lager zählen insgesamt sechs Parteien und Parteienbündnisse, darunter einige Parteien, die an der aktuellen Regierung beteiligt sind oder waren:
- Netanjahus rechtspopulistische Partei Likud mit 18 prognostizierten Sitzen, bei der letzten Wahl konnte die Partei noch 32 Abgeordnete stellen,
- die rechtsextreme und religiös-fundamentalistische Partei Otzma Jehudit («Jüdische Stärke») mit neun prognostizierten Sitzen,
- das religiös-konservative Bündnis Vereinigtes Thora-Judentum mit acht prognostizierten Sitzen,
- die ultraorthodoxe Partei Schas («Sephardische Thora-Wächter») mit sieben prognostizierten Sitzen sowie
- das Bündnis aus der rechten religiös-zionistischen Partei Mafdal – HaTzionut HaDatit («Religiöse Nationale Partei – der religiöse Zionismus») und der rechtslibertären Partei Zehut («Identität»), welches laut Prognosen auf sechs Sitze kommt.
Hinzu kommt die erst im vergangenen August gegründete Rechtsaussenpartei Amcha Yisrael («Volk Israels»), der vier Sitze prognostiziert werden. Damit käme das Lager von Benjamin Netanjahu insgesamt auf 52 Sitze.
Das Anti-Netanjahu-Lager
Zum Lager um den ehemaligen Chef des israelischen Generalstabs Gadi Eisenkot gehören vier Parteien:
- seine liberal-demokratische Partei Yashar («Geradeaus»), der laut Prognosen 21 Sitze zufallen würden,
- das wirtschaftsliberale Bündnis Bejachad («Gemeinsam») mit 13 Sitzen,
- die sozialdemokratische Partei HaDemokratim («Die Demokraten») mit 9 Sitzen
- sowie die säkular-nationalistische Partei Jisra'el Beitenu («Unser Zuhause Israel») mit 7 Sitzen.
Zusammen kämen die vier Parteien gemäss den aktuellen Prognosen auf 50 der 120 Sitze in der Knesset.
Die übrigen Parteien
Keinem der beiden Lager eindeutig zugeordnet sind das mehrheitlich arabisch geprägte Mitte-links-Bündnis Vereinte Liste mit acht prognostizierten Sitzen, die arabisch-konservative Partei Ra'am (Vereinigte Arabische Liste) mit fünf Sitzen sowie das Mitte-rechts-Bündnis Reservisten+Neue Ökonomische Partei, für das ebenfalls fünf Sitze erwartet werden.
Gadi Eisenkot – vom Militärchef zum Politiker
Gadi Eisenkot war lange Zeit eine der prägenden Figuren des israelischen Militärs. Nach 41 Jahren im Dienst der israelischen Streitkräfte (IDF) übernahm er 2015 das Amt des Generalstabschefs, das er bis 2019 innehatte. 2022 stieg er in die Politik ein und zog für das Parteienbündnis Nationale Einheit von Benny Gantz in die Knesset ein. Nach dem Hamas-Angriff des 7. Oktobers 2023 gehörte er der israelischen Notstandsregierung an und nahm als Beobachter an den Sitzungen des Kriegskabinetts teil. Im Juni 2024 verliess er gemeinsam mit Gantz die Regierung. Im September 2025 gründete er schliesslich seine eigene Partei Yashar.
Eisenkot setzt im Wahlkampf auf ein Image als geradliniger, sachorientierter Gegenentwurf zu Netanjahu. Statt politischer Inszenierung verspricht er eine professionellere Regierungsführung und mehr Verantwortungsbewusstsein. Er setzt auf eine starke Armee und sieht insbesondere den Iran als zentrale strategische Herausforderung. Gleichzeitig fordert er eine umfassende Aufarbeitung der Fehler, die zum Hamas-Angriff des 7. Oktober geführt haben. Eine staatliche Untersuchungskommission soll nach seinen Vorstellungen auch die Entscheidungen der politischen und militärischen Führung in den Jahren vor dem Angriff sowie den Verlauf des anschliessenden Krieges untersuchen.
Der Gaza-Krieg ist für Eisenkot auch persönlich: Sein Sohn Gal und zwei seiner Neffen kamen bei Einsätzen im Gazastreifen ums Leben. Netanjahus Sohn Yair hingegen hielt sich während eines grossen Teils des Kriegs in Miami auf, bevor er Ende August 2026 nach Israel zurückkehrte.
Das könnte sich unter Eisenkot ändern
Eisenkot verspricht einen klaren Zeitplan für den Gazastreifen: Innerhalb von 18 Monaten nach seinem hypothetischen Amtsantritt soll die Hamas dort nicht mehr herrschen, ihr militärischer Arm zerschlagen sein. Damit stellt er Netanjahus wiederholtem Versprechen eines «absoluten Sieges» eine konkrete Frist entgegen.
Auch innenpolitisch will Eisenkot einen anderen Kurs einschlagen. Er fordert, die Ausnahmen ultraorthodoxer Männer vom Militärdienst zu beenden und grundsätzlich alle Bevölkerungsgruppen zu einem Militär- oder Nationaldienst zu verpflichten. Im Westjordanland will er den Einfluss der rechtsextremen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich zurückdrängen und stärker gegen gewalttätige Siedler vorgehen, indem er der israelischen Armee wieder die Führung der besetzten Gebiete überlassen will.
Ein grundsätzlicher Kurswechsel im Umgang mit der Palästina-Frage ist jedoch nicht zu erwarten. Eisenkot lehnt eine Zweistaatenlösung ausdrücklich ab und nennt die Idee in der aktuellen Situation nach dem 7. Oktober «verrückt». Auch zur Siedlungspolitik im Westjordanland äussert er sich ambivalent. Während er sich gegen bestimmte Siedlungsvorhaben und die Politik der rechtsextremen Regierungspartner stellt, kritisiert er vor allem die internationale Wirkung und weniger die Siedlungen an sich, so wies er auch darauf hin, dass seine Schwester in einer solchen Siedlung lebe.
In zentralen Fragen der Palästinenserpolitik bleibt Eisenkot damit nahe an Netanjahu und dem generellen politischen Konsens der jüdischen Bevölkerung Israels.
Auch militärisch steht Eisenkot für einen harten Kurs. Als Chef des Nordkommandos wurde er mit der später als «Dahiya-Doktrin» bezeichneten Strategie in Verbindung gebracht. In einem Interview von 2008 kündigte er so zum Beispiel an, Israel werde in libanesischen Ortschaften, von denen aus die Hisbollah angreife, unverhältnismässige Gewalt anwenden und massive Zerstörung anrichten.
Der Begriff geht auf die grossflächige Zerstörung des gleichnamigen Beiruter Vororts während des Libanonkriegs 2006 zurück. Eine wissenschaftliche Analyse aus dem Jahr 2018 ordnet das Konzept allerdings weniger als Doktrin denn als Strategie zur Abschreckung ein.
