Kamala Harris begeistert zurzeit die amerikanische Wählerschaft. Sie füllt Stadien, wird von Promis sowie Ex-Präsidenten unterstützt und nimmt Rekordsummen an Spenden ein. Die einst unbeliebte Vizepräsidentin hat für die US-Demokraten als Präsidentschaftskandidatin im letzten Monat eine Bilderbuch-Comeback-Story geschrieben. Das ist auch in den Umfragewerten klar ersichtlich.
Vor einigen Wochen ist Harris gar an Herausforderer Donald Trump vorbeigezogen. In nationalen Umfragen sprechen sich mittlerweile rund 49 Prozent für Harris aus, gegenüber 45 Prozent für Trump. In nur fünfeinhalb Wochen hat Harris damit das Rennen gedreht: Präsident Joe Biden lag zuletzt fast fünf Prozentpunkte hinter Trump.
In den sieben entscheidenden Bundesstaaten – den Swing States, die je nach Wahl mal republikanisch, mal demokratisch wählen – hat Harris ebenfalls aufgeholt. Nimmt man den Durchschnitt mehrerer Umfragen, liegt Harris mittlerweile in drei bis sechs Staaten vor Trump. Auch im siebten Bundesstaat, im hart umkämpften Georgia, führt Harris in einzelnen Umfragen. Das ist eine gewaltige Steigerung gegenüber Biden, der nach seiner desaströsen Darbietung in der Präsidentschaftsdebatte überall hinter dem Republikaner lag.
Trotz der Euphorie sagen die wichtigsten Prognostiker der USA auch heute noch eine hauchdünne Entscheidung für den Wahltag vom 5. November voraus, allerdings mit einem leichten Vorteil für Harris. Ein Blick in die Vergangenheit dämpft die Freude der Demokraten jedoch: Vor acht Jahren lag Donald Trump in den Umfragen noch deutlich weiter zurück. Hillary Clinton führte damals in den nationalen Erhebungen und auch in den meisten Swing States klar vor dem späteren Sieger. Der komfortable Vorsprung nützte nichts, Trump zog ins Weisse Haus ein.
Im Vergleich zu Joe Biden vor vier Jahren und Hillary Clinton vor acht Jahren, ist Harris' Vorsprung deutlich geringer. Die konservative Polit-Seite realclearpolitics.com sieht Trump in mehreren Swing States nach wie vor vorne, während Clinton und Biden zum gleichen Zeitpunkt des Wahlkampfs fast durchgängig vor Trump lagen (siehe Grafik unten). Teilweise war der Vorsprung damals sogar im zweistelligen Prozentbereich. Auch nach einer Reihe von negativen Schlagzeilen scheint die Unterstützung für den Republikaner ungebrochen.
Hinzu kommt, dass einige Forschende davon ausgehen, dass es sich bei den guten Umfragewerten von Kamala Harris um einen momentanen Schub handelt, der bald wieder verfliegen wird. Bisher ist dies aber nicht passiert.
Der Vergleich mit 2016 und 2020 zeigt aber auch, dass Umfragen nicht immer verlässlich sind. Selbst scheinbar sichere Vorsprünge können trügerisch sein, wie Trumps überraschender Sieg vor acht Jahren bewies. Dies könnte auch daran liegen, dass Umfragen die Zustimmung für eine kontroverse Figur wie Donald Trump oft unterschätzen, weil die Anhänger ihre wahre Präferenz lieber nicht offenlegen. Schon ein Handicap von nur wenigen Prozentpunkten würde Trump den Einzug ins Weisse Haus praktisch sichern.
In einer Simulation der «Washington Post» lassen sich die heutigen Umfragen mit dem Umfragefehler früherer Jahre darstellen. Und siehe da: Mit der Abweichung von 2016, als Trump die Wahl als krasser Aussenseiter gewann, läge der Ex-Präsident in sämtlichen Swing States vorne – teilweise deutlich. Die Wahl wäre ihm so kaum mehr zu nehmen. Selbst mit dem kleineren Umfragefehler von 2020, als Trump verlor, läge Harris hinter dem Ex-Präsidenten.
Auch wenn Kamala Harris in wenigen Wochen einen Rückstand in der Wählergunst spektakulär aufgeholt hat, ist es noch viel zu früh, Donald Trump abzuschreiben. In einem engen Rennen wie diesem kommt es auf jede Stimme an, besonders in den Swing States, die am Ende das Zünglein an der Waage sein werden.