Einer der Accounts nennt sich «Eva» (@eva_maga1996). «Eva» lebt in den USA, liebt es, an den Strand zu gehen, und beschreibt das alles für ihre über 5000 Follower auf X. «Eva» postet aber auch gerne ihre deutliche Meinung: gegen die LGBTQ-Community, zum Beispiel, oder auch zum US-Wahlkampf, wo sie Donald Trump unterstützt und gegen die Demokraten schiesst.
«Eva» ist ein Beispiel von vielen. Auf X erklärt der Investigativ-Reporter Benjamin Strick, was er bei seinen Recherchen vorgefunden hat. Strick arbeitet für die Non-Profit-Organisation Centre for Information Resilience, die in Zusammenarbeit mit CNN zu den Fake-Profilen recherchiert hat.
Die blonde Frau, die sich als Eva ausgibt, ist keineswegs eine Pro-Trump-Amerikanerin – sondern eine dänische Mode-Influencerin. Die Fotos wurden von ihrem Instagram-Profil geklaut und ohne ihr Wissen bearbeitet und weiterverwendet. «Wir haben mindestens 17 weitere aufgedeckt, von denen einige jeweils Tausende von Anhängern haben, die sich als amerikanische Pro-Trump-Frauen ausgeben und sich hinter gestohlenen und manchmal manipulierten Fotos verstecken», erklärt Benjamin Strick. Viele der Fotos seien ursprünglich von Mode-Influencerinnen, die meisten aus Europa, gepostet worden.
«Luna», eine angeblich 32-jährige «MAGA-Trump-Supporterin» aus dem Swing State Wisconsin, ist ein weiteres Beispiel. Seit sie sich im März auf X angemeldet hat, wurde sie auf der Plattform immer sichtbarer, mittlerweile folgen ihr fast 30'000 Profile. Ihre Timeline sei zu einem «digitalen Leuchtfeuer» für die «Make America Great Again»-Bewegung geworden, schreibt CNN. «Luna» propagiert vehement eine Wiederwahl des ehemaligen Präsidenten Donald Trump, verbreitet Verschwörungstheorien über seine Gegnerin, Kamala Harris, und verkündet republikanische Parolen.
«Würdet ihr Trump als Präsident für immer unterstützen? Ich frage mich, ob ihr alle Trump als Präsident unterstützt, genauso wie ich», postete das Profil @Luna_2K24 zum Beispiel am 29. Juli. Die Frau teilte dabei ein Strand-Selfie in einem weissen Bikini und forderte ihre Follower auf, mit einem Emoji der amerikanischen Flagge zu antworten, wenn sie zustimmten.
«Luna» ist in Tat und Wahrheit Debbie Nederlof, eine deutsche Mode-Influencerin. CNN kontaktierte die alleinerziehende Mutter, die sich frustriert und wütend zeigte – davon, dass ihr Profil benutzt wurde, hatte sie keine Ahnung.
In den meisten Fällen wurden die Fotos gemäss Recherchen nicht nur gestohlen und als neue Online-Persönlichkeiten verwendet, sondern auch so manipuliert, dass es aussah, als würden sie Trump-freundliche Utensilien tragen.
So wird ein Markenhut zum Beispiel flugs zum «MAGA»-Hut:
Viele der identifizierten Fake-Accounts sind gemäss Reporter Benjamin Strich im Mai und Juni dieses Jahres aufgetaucht. Die Konten haben gemeinsame Merkmale, wie beispielsweise die Angabe, dass sie in den USA leben würden. Zudem bringen sie in ihren Biografien häufig ihre Unterstützung für Präsident Trump sowie «ihre Liebe zu Gott» zum Ausdruck. Ihre Feindbilder: Kamala Harris, Tim Walz, die LGBTQ-Community, Menschen, die Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützen. Einige der Konten erlangten auf X eine «beachtliche Popularität», so Strich: Sie erreichten teilweise Zehn- oder sogar Hunderttausende Views.
Was zusätzlich nicht gerade für Elon Musks Plattform spricht: Mindestens 13 Konten verfügten demnach über das blaue Verifizierungszeichen. Gemäss X-Help-Center müssen dafür aber ein Name, ein Profilbild, eine Telefonnummer und ein aktives X-Premium-Abo vorhanden sein. Zudem verlangt X, dass «keine Anzeichen von Irreführung oder Täuschung» vorhanden sind. Warum sie trotzdem alle das blaue Häkchen erhielten, ist unklar. Auf eine Anfrage habe man von X keine Antwort erhalten, so Strich. Allerdings: 24 Stunden vor Erscheinen des CNN-Artikels hat die Plattform eine Mehrheit der Fake-Accounts gelöscht.
Doch es blieb nicht beim Verbreiten von Propaganda und Fake News. So berichtet Strich, dass einige der Konten versucht haben, ihre Eigentumsrechte an den Bildern geltend zu machen. Dazu haben sie andere Konten «geoutet» und dabei behauptet, diese würden ihre Bilder ohne ihre Erlaubnis verwenden. Teilweise versichern sie dabei, die entsprechenden Konten gemeldet und gesperrt zu haben, und forderten ihre Follower auf, dasselbe zu tun.
Die grosse Frage dabei: Wer steckt hinter den Fake-X-Konten? Gemäss CNN gebe es keine Hinweise darauf, dass das Wahlkampfteam von Donald Trump dahintersteckt. Für die Analyse befragte CNN mehrere Expertinnen und Experten auf dem Gebiet. Diese finden: Das Ganze könnte nur die Spitze des Eisberges sein.
Eine Analyse von insgesamt 56 Pro-Trump-Konten offenbarte demnach ein systematisches Muster «unauthentischen» Verhaltens. Alle Konten verwenden Fotos von schönen, jungen Frauen, viele von ihnen sind gestohlen, andere schienen hingegen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erzeugt worden zu sein. Einige der Accounts verweisen aufeinander und teilen die Inhalte von anderen Fake-Accounts – eines von vielen Anzeichen dafür, dass es sich um eine orchestrierte Aktion handelt. In den englischen Texten sind zudem oft Fehler zu finden – gemäss Experten ein möglicher Hinweis auf Einmischung aus dem Ausland.
Die Erkenntnisse aus den Recherchen erinnern stark an den Wahlkampf 2016. In dessen Nachgang wurde deutlich, dass sich russische Akteure mit Hacker-Angriffen und dem Verbreiten von Fake News massiv in den US-Wahlkampf eingemischt hatten. Gemäss Emily Horne, die früher gefälschte Konten bei Twitter untersuchte, könnte es diesmal ähnlich sein:
Für die von CNN befragten Frauen, denen quasi ihre Identität gestohlen wurde, kam die Nachricht derweil als Schock. Sie fühle sich benutzt, sagte beispielsweise die 22-jährige Neriah Andersen aus Kopenhagen. «Ich möchte nicht, dass die Leute denken, dass ich das tue, wofür diese Profile werben.» Für andere ist es nicht das erste Mal, dass ihre Bilder gestohlen wurde. Eine 30-jährige Influencerin berichtet, dass ein Bikini-Foto, das sie von sich gepostet hatte, von einem anderen Profil gestohlen und so bearbeitet wurde, dass es so aussah, als wäre sie nackt.
Für Emily Horne ist es kein Zufall, dass die Betroffenen in diesem Fall alles junge Frauen sind. Dahinter stecke systematische Misogynie, also Frauenfeindlichkeit, auf den Plattformen, die ausgenutzt werde:
Was ebenfalls eine Rolle spielen dürfte: Im Licht eines der grossen Wahlkampfthemen, der Abtreibung, stehen Frauen mitunter im Zentrum der Debatte. Seit ihrer Nominierung zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten hat sich Kamala Harris als Verfechterin der Frauenrechte positioniert. Donald Trump und sein Vize J.D. Vance hingegen betonen traditionelle, konservative Familienwerte sowie das «Leben der Ungeborenen».
Wie geht es jetzt weiter? Gemäss Investigativ-Reporter Strick dürften die Fake-Accounts so schnell nicht verschwinden.
Obwohl die meisten von ihnen gesperrt wurden, scheinen sie Wege zu finden, um weiterhin operieren zu können: «Luna» hat ihren Account inzwischen umbenannt – und postet weiterhin, neu als «Anastasia» (@Princess_S2K).
Pro Trump-Werbung auf Twitter (mir egal wie es jetzt genannt werden will) ist das Equivalent zu einer Freundschaftsanfrage an einen Teen bei Facebook.