«Ich wollte nur noch sterben»: Wie die Dürre den Menschen in Äthiopien alles nimmt
«Ich wollte nur noch sterben», sagt Elema Wario, eine 56-jährige Frau, als ich sie in ihrer kleinen fensterlosen Lehmhütte etwas ausserhalb von Dubuluk im Süden Äthiopiens treffe. Hier lebt sie seit der letzten grossen Dürre, die Ende 2021 einsetzte und fast zwei Jahre anhielt. Rund 3,3 Millionen Nutztiere – Kühe, Schafe, Ziegen, Kamele – verhungerten in dieser Zeit in Borana, dem südlichsten Zipfel Äthiopiens. 90 Prozent des ganzen Viehbestandes.
Dieses Massensterben vernichtete die Existenz Hunderttausender Menschen in der Region. Da in Borana wegen der grossen Trockenheit kaum Ackerbau möglich ist, leben die knapp eineinhalb Millionen Menschen in der Region fast ausschliesslich von der Viehwirtschaft: Die Tiere sind ihre Währung, das Fleisch der Tiere ihre Nahrung. Das war schon immer so, aber jetzt wächst wegen des Klimawandels auch praktisch kein Gras mehr, und damit wird das Futter für das Vieh immer knapper.
Auch Elema lebte mit ihrer Familie von der Nutztierhaltung. Vor der grossen Dürre hatten sie knapp 70 Kühe und etwas Kleinvieh. «Als ab dem Herbst 2021 der Regen immer länger ausblieb, verkauften wir unsere Ziegen und Schafe, in der Hoffnung, mit dem Erlös Futter für unsere Kühe erwerben zu können», erinnert sich Elema. «Doch es gab nirgends mehr Futter. Unsere Kühe starben eine um die andere, bis wir keine einzige mehr hatten.»
Das war der Moment, als Elema ans Sterben dachte, denn ohne ihre Tiere wusste sie nicht, wofür sie noch leben sollte. Zum Glück hörte dann aber eine ihrer Töchter, dass internationale Organisationen, unter ihnen Helvetas aus der Schweiz, in der ganzen Region Auffanglager für die von der Dürre getroffenen Menschen errichtet hatten.
Mit ein paar Habseligkeiten unter dem Arm liefen Elema und ihr Mann in zwei Tagen und Nächten von ihrem Dorf nach Dubuluk, einer Kleinstadt, etwa 60 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Dort befand sich das nächstgelegene Camp. Rund 11'000 Menschen flüchteten damals hierhin, auf ein offenes Feld ohne einen einzigen Baum. Hier bekamen sie ein notdürftiges Dach über dem Kopf, Essen – und etwas Geld, um sich das Nötigste zu kaufen.
Heute lebt immer noch fast die Hälfte der damals Vertriebenen auf der grossen Ebene bei Dubuluk, Elema ist eine von ihnen. Zwar hat sich die Region etwas erholt von der grossen Dürre, auch ist der Viehbestand wieder etwas angewachsen. Aber das Leben ist nicht einfacher geworden. Jetzt, in der Zeit von September bis Mitte November, wäre eigentlich Regenzeit, die kürzere von zwei, die es im Jahr normalerweise gibt. Aber es ist trocken. In über einer Woche, in der ich in der Gegend unterwegs bin, erlebe ich nur einmal, dass es regnet – heftig zwar, aber nur kurz. Zu wenig auf jeden Fall, als dass frisches Futter für die Tiere und Getreide für die Menschen wachsen könnten.
Der tiefe Wasserpegel setzt zu
«An Wasser zu kommen, war in unserer Gegend schon immer eine grosse Herausforderung», sagt Galgalo Dika, als ich ihn an der Universität von Yabello treffe, der grössten Stadt der Region. «Und das Problem verschärft sich mit dem Klimawandel.» Galgalo ist Assistenzprofessor im Departement für die Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen. Er sagt, weil es in Borana keine Flüsse gebe, seien sie hier auf den Regen angewiesen, doch auf den sei immer weniger Verlass. «Er kommt immer unregelmässiger, und auch das Volumen schwankt stark, was wiederum einen Einfluss auf den Pegel des Grundwassers hat.»
Ich fahre Richtung Süden, vorbei an weiten Feldern, aus denen vertrocknete Grasstoppeln und blätterlose Büsche ragen. Immer wieder wirbelt der Wind den gelben Sand auf, es ist heiss und sehr trocken. Bei Miyo, etwas mehr als 50 Kilometer von der Grenze zu Kenia entfernt, erlebe ich, wie tief der Wasserpegel zurzeit ist. Ich mache Halt bei einer «Eela», einer grossen Trinkstelle für Tiere. Das Wasser für die Tränke kommt aus einem in den Felsen geschlagenen Brunnen, zurzeit liegt der Pegel etwa 20 Meter unter dem Grund.
Um das Wasser an die Oberfläche zu holen, steigen die Hirten in den Brunnenschacht und bilden eine menschliche Kette. Manchmal sind dafür zehn oder mehr Männer nötig. Schon nach ein paar Metern im Boden sehen sie nichts mehr, kein Lichtstrahl schafft es so tief ins Erdreich. Und es ist sehr kalt, alle paar Minuten müssen sich die Männer abwechseln.
Begleitet von einem rhythmischen Gesang reichen sie die Eimer Stufe um Stufe nach oben und schütten das Wasser schliesslich in eine lange Wassertränke, um die sich eine grosse Schafherde drängt. Der monotone Gesang, der tief aus dem Erdreich dringt, hat den Wassertränken in dieser Gegend den Übernamen «Die singenden Brunnen von Borana» gegeben.
Die Arbeit, die die Hirten hier verrichten, ist nicht ungefährlich: Vor zwei Jahren stürzte einer von ihnen bei einer Wasserstelle ganz in der Nähe in die dunkle Tiefe und ertrank. Die Hirten wollten deshalb das Wasser nicht mehr auf diese traditionelle Art schöpfen. Sie gelangten an Helvetas: Die Organisation kannten sie, weil sie den Viehbäuerinnen und -bauern in der Gegend schon länger dabei hilft, ihre Tiere auf den Markt zu bringen, zum Beispiel indem sie Mastbetriebe unterstützt. In der Folge installierte Helvetas eine solarbetriebene Pumpe, die jetzt anstelle der Männer das Wasser aus der Tiefe holt. Als ich mir diese moderne Tränke anschaue, treiben Hirten gerade grosse Herden Kühe und Kamele an die gut gefüllten Tröge.
Streit um Wasser und Weideland
Nicht nur die Tiere, auch die Menschen spüren den Wassermangel. Als ich weiter Richtung Süden fahre, sehe ich, nur wenige Kilometer von den Wassertränken für das Vieh entfernt, am Strassenrand einen Lastwagen mit einem Wassertank. Hinter dem Lastwagen stehen Frauen und Kinder, auf dem staubigen Boden liegen Dutzende gelbe Wasserkanister.
Bewohnerinnen des nahen Dorfes hätten den Lastwagen gestoppt, erzählt mir eine Frau – in der Hoffnung, von ihm Wasser beziehen zu können. Dann müssten sie nämlich die nächsten Tage nicht zu den meist kilometerweit entfernten Wasserstellen laufen. Der Fussmarsch zur nächsten Wasserstelle dauert für die Frauen oft zwei oder drei Stunden – für einen Weg.
Ich höre, wie sich beim Lastwagen einige Frauen streiten. Der Lastwagenfahrer, der eigentlich auf dem Weg in die Stadt war, um dort den Wassertank eines Hotels mit Wasser zu füllen, hat eingewilligt, das Wasser an die Frauen zu verteilen. Jetzt fürchten einige, dass es nicht für alle reichen könnte. Für einen Haushalt gibt es höchstens fünf 20-Liter-Kanister – 100 Liter, die für die nächsten Tage, vielleicht für die nächsten Wochen reichen müssen.
Gespräche unter dem Baum
Die Verteilung des Wassers und die Nutzung des spärlichen Weidelandes führen immer öfter zu Streit, nicht nur zwischen einzelnen Menschen, auch zwischen Dörfern und Gemeinschaften. Weil es wegen der grossen Trockenheit immer mehr Flächen gibt, auf denen nichts wächst, treiben Hirtinnen und Hirten ihr Vieh nämlich auch auf Felder, auf denen es mehr grünes Gras gibt als auf ihren eigenen.
Die Konflikte, die dadurch entstehen, werden in der Regel durch ein Treffen der «Räte der Älteren» von zwei Dörfern oder Gemeinschaften gelöst – ein jahrhundertealtes System, das in der Region mit ihren vielen Stämmen hervorragend funktioniert.
Doch durch die Klimakrise gehen die Streitigkeiten immer öfter auch über die Landesgrenze hinaus. Manchmal regnet es in Kenia, während es in Äthiopien noch trocken ist. In solchen Perioden treiben äthiopische Hirtinnen und Hirten ihr Vieh auf der Suche nach Futter auch mal ins Nachbarland, was ihre kenianischen Kolleginnen und Kollegen natürlich nicht gerne sehen. Dann kann es zu Handgreiflichkeiten kommen.
Um solche grenzüberschreitenden Konflikte zu lösen, hat sich vor zwei Jahren – unter anderem mit der Unterstützung von Helvetas – ein «Crossborder Peace Committee» formiert, ein grenzüberschreitendes Friedenskomitee der Bezirke Sololo in Kenia und Hidi in Äthiopien.
Heute trifft es sich in Meti, einem kleinen äthiopischen Dorf nahe der Grenze. Am Dorfrand, unter einem ausladenden Baum, sitzen 35 Frauen und Männer, Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Dörfern, etwa gleich viele aus beiden Ländern. Die Berge, die ich auf der anderen Talseite sehe, und die weite Ebene darunter gehören bereits zu Kenia.
Als ich ankomme, ergreift gerade Dabo Raro, eine 45-jährige Bäuerin und Mutter von acht Kindern das Wort. Sie erzählt, wie während der letzten Trockenzeit äthiopische Hirtenkinder das Vieh, ohne es zu merken, auf die kenianische Seite getrieben hätten, weil es dort geregnet hatte, und ihr Vieh ohne Erlaubnis dort grasen liessen. «Darauf wurden sie von kenianischen Hirten so heftig geschlagen, dass sie ins Spital mussten. Das darf doch nicht sein. Was können wir tun, um solche Zwischenfälle zu verhindern?», fragt sie in die Runde.
Das Komitee kommt zum Schluss, dass eine frühzeitige Information, dass die Kinder kommen würden, geholfen hätte. «Die kenianische Seite sagt, dass man dann wahrscheinlich ein Feld gefunden hätte, auf dem die Bauern nicht ihr eigenes Vieh grasen lassen wollen», sagt Dabo Raro. «Künftig wollen wir uns absprechen.»
Die Besprechung unter dem Baum dauert bis in den Nachmittag hinein. Es wird auch darüber geredet, dass immer wieder Leute aus Kenia in den äthiopischen Wäldern nahe der Grenze Holz schlagen und mit nach Kenia nehmen würden, um es dort zu verkaufen. Denn Holz ist in diesem Teil Kenias Mangelware. Aber auch im Süden Äthiopiens gibt es kaum mehr Wälder, weshalb der Holzschlag hier verboten ist.
Das Komitee beschliesst, dass man die Netzwerke zwischen den Dörfern noch stärker spielen lassen möchte, um so eine Art Überwachungssystem aufzuziehen, das den Holzdiebstahl verhindern soll. Diese urdemokratische Form der Konfliktbewältigung beeindruckt mich, noch lange höre ich den Gesprächen zu.
Leben mit der Dürre
Später fahre ich nach Yabello zurück, die Hauptstadt des äthiopischen Teils der Borana-Region. Dort treffe ich zum Abschluss meiner Reise Jalla Dullacha Guyyoo, den Leiter der regionalen Behörde für Landwirtschaft und natürliche Ressourcen. Ich möchte von ihm wissen, was die Regierung macht, um den Menschen in der Region auch in Zukunft ein Leben vor Ort zu ermöglichen. Sie seien daran, ein Netzwerk an Leitungen zu bauen, das die verschiedenen Wasserstellen miteinander verbindet, so dass die Menschen auch dazwischen an das kostbare Gut gelangten, sagt Jalla: «3000 Kilometer Leitungen sind geplant.» Ausserdem würde die Regierung Mikrodämme bauen, um das Regenwasser zu fassen und in Reservoirs zu leiten.
«Es sind grosse Aufgaben, die wir lösen müssen.» Deshalb sei man auch sehr dankbar für die Unterstützung aus der Schweiz. «Denn eines ist für die Menschen hier klar», sagt Jalla: «Sie wollen nicht weggehen, sondern bleiben.» Nie würden sie das Leben mit dem Vieh, das Leben in ihren Gemeinschaften und mit ihren Traditionen aufgeben wollen. «Das Einzige, was wir tun können, ist sicherzustellen, dass dieses Leben auch in Zukunft möglich bleibt.»
Patrick Rohr ist freier Fotojournalist. Diese Reportage wurde von Helvetas ermöglicht. (schweizheute.ch)
