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Flut-Katastrophe Deutschland: Gewarnt aber nicht gehandelt

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Unwetter in Deutschland, Juli 21
quelle: keystone / rhein-erft-kreis
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«Monumentales Systemversagen»: Deutschland war vier Tage vor der Flut bereits gewarnt

Die extremen Fluten in Deutschland haben über 150 Menschen das Leben gekostet. Nun erhebt eine Wissenschaftlerin schwere Vorwürfe: Das Desaster wurde ziemlich präzise vorhergesagt. Warum kam es dennoch zur Katastrophe?
19.07.2021, 12:2219.07.2021, 13:29

Deutschland ist fassungslos.

Tage nach der Flutkatastrophe wird das Ausmass der Schäden erst richtig fassbar. Knapp 160 Menschen verloren ihr Leben. Dutzende Häuser weggespült. Und noch mehr beschädigt oder unbewohnbar.

epa09351796 Residents of the Rhineland-Palatinate village of Schuld clear debris out of the way after the flooding of the Ahr River, in Schuld, Germany, 18 July 2021. Large parts of Western Germany we ...
Aufräumarbeiten im Dorf Schuld im Bundesland Rheinland-Pfalz, 18. Juli.Bild: keystone

Schnell kommt die Frage auf, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Eine britische Forscherin erhebt nun schwere Vorwürfe: Die Flut sei vorhergesagt worden – und das sogar ziemlich präzise. Dennoch blieb eine Reaktion aus.

Was hiess es in den Voraussagen?

Hannah Cloke ist Professorin für Hydrologie an der britischen Universität Reading. Sie ist eine der Mitentwicklerinnen des Europäischen Hochwasser-Warnsystems, kurz EFAS. Gegenüber der Sunday Times und Politico zieht sie eine harte Bilanz: «Monumentales Systemversagen» sei der Grund für eine der tödlichsten Katastrophen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie sagt:

«Die Tatsache, dass Menschen nicht evakuiert wurden oder die Warnungen nicht erhalten haben, legt nahe, dass etwas schiefgegangen ist.»

Was sie zu so einem Urteil bewegt?

  • Satelliten erfassten neun Tage vor der Katastrophe die ersten Zeichen eines Hochwassers.
  • Das EFAS warnte die Regierungen der deutschen Bundesländer vier Tage vor den Fluten vor Hochwasser.
  • 24 Stunden vorher sei den deutschen Behörden ziemlich präzise vorhergesagt worden, welche Bezirke von Hochwasser betroffen sein würden. Darunter etwa Gebiete an der Ahr, wo dann über 90 Menschen starben.
15.07.2021, Rheinland-Pfalz, Schuld: Die mit einer Drohne gefertigte Aufnahme zeigt die Verw�stungen die das Hochwasser der Ahr in dem Eifel-Ort angerichtet hat. In Schuld bei Adenau waren den Angaben ...
Wenn aus einem grösseren Bach plötzlich ein reissender Strom wird: die Ahr im Ort Schuld, Rheinland-Pfalz.Bild: keystone

Wieso wurde nicht gehandelt?

Das ist die grosse Frage. Hydrologin Cloke sagte am Sonntagabend gegenüber ZDF, dass man die Daten zur Warnung über ein umfassend grosses Gebiet an Deutschland übermittelt habe. Aber:

«Irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Warnungen nicht bei den Menschen angekommen sind.»

Der Deutsche Wetterdienst (DWD), das Pendant zum Schweizer MeteoSwiss, sagte gegenüber Politico.eu, dass man alle Warnungen an die lokalen Behörden weitergegeben habe. Jedoch sagt Sprecher Uwe Kirsche: «Als Bundesbehörde ist der DWD nicht dafür zuständig, Evakuierungen oder andere Massnahmen vor Ort einzuleiten ... das ist Aufgabe der örtlichen Behörden.»

This satellite image provided by Maxar Technologies shows a destroyed bridge and mud covered streets near the flooded Ahr River in Liers, Germany, Sunday, July 18, 2021. (Steve Wood/Satellite image ©2 ...
Satellitenbilder des Ortes Liers am Fluss Ahr, 18. Juli.Bild: keystone

Besser reagiert hatten etwa die belgische Stadt Lüttich/Liège und etliche Städte in Luxemburg. Dort wurde die Bevölkerung angewiesen, ihre Häuser zu verlassen. Oder etwa die Niederlande, wo die Regierung schnell den Katastrophenfall ausgerufen hat.

Hatten die deutschen Behörden die Warnungen nicht ernst genug genommen? Cloke sagte, die EFAS gab eine Warnung der «Extrem-Kategorie» aus. Und weiter:

«Was bedeutet, dass Gefahr für das Leben besteht. Die Warnung sagt nicht, dass man evakuieren sollte. Diese Entscheidung liegt bei den nationalen Behörden. Aber wenn man eine Warnung erhält und man weiss, wo es passieren könnte, stellt man im Normalfall sicher, dass man für die Evakuierung bereit ist. So funktioniert das Katastrophenrisiko-Management.»

Aber die Bevölkerung habe dies offensichtlich nicht mitbekommen. Es habe sie mit Horror erfüllt, als sie die Bilder von Menschen sah, die durch das tiefe Flutwasser wateten oder fuhren. «Das ist so ziemlich das Gefährlichste, was man bei einem Hochwasser tun kann.»

Was sagen die Behörden?

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) will nichts von Behördenversagen wissen. Natürlich habe nicht alles hundertprozentig funktioniert, sonst hätte es keine Toten gegeben. Aber: «Es gab nach meinem heutigen Kenntnisstand keine grossen grundsätzlichen Probleme.»

Armin Schuster, Leiter des deutschen Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), verteidigte sich ebenfalls: «Unsere Warninfrastruktur hat geklappt im Bund. Wir haben 150 Warnmeldungen über unsere Apps und über die Medien ausgesendet.» Die Warnapp NINA (ähnlich wie etwa Alertswiss) habe neun Millionen Nutzer. Allerdings konnte er nicht sagen, wo die Menschen auch durch Sirenen gewarnt wurden – und wo nicht, schreibt der «Tagesspiegel».

Thomas Linnertz, Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), die in Rheinland-Pfalz den Katastrophenschutz koordiniert, meint: «Diese Wetterlage konnte in dieser Heftigkeit nicht so frühzeitig vorhergesagt werden, um noch mehr Massnahmen zu treffen.»

Seine Vermutung: Viele Menschen hätten die Warnungen falsch eingeschätzt. Er sagt: «Es gab schon am Mittwoch Warnungen des DWD, auch Katwarn und Nina haben ausgelöst. Viele Menschen haben jedoch gedacht, dass vielleicht der Keller volllaufen würde. Aber so hohe Pegelstände wie bei der Ahr, das hat noch niemand erlebt, das hat uns alle überrascht.»

Anders sieht das Meteorologe Jörg Kachelmann. Seiner Meinung nach hätten die Medien besser warnen sollen. Gerade jene, die Mittel hätten, über eine solche Wetterlage rund um die Uhr zu berichten und damit Leben zu retten. «Aber sie senden irgendeinen Scheiss und lassen die Leute ersaufen.»

Für die britische Hydrologin Cloke ist klar: Das Versagen fand auf mehrere Ebenen statt. Sie meint: «Es fehlt eine bundesweit einheitliche Herangehensweisen an Flutrisiken. Es braucht unterschiedliche Flutpläne für verschiedene Szenarien.»

Quellen:

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quelle: keystone
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