«Stille Front»: Polens Geheimdienst bittet Bürger um Hilfe gegen Sabotage
Polens Inlandsgeheimdienst ABW hat die Bevölkerung erneut zur Mithilfe bei der Abwehr von Sabotage und anderen hybriden Angriffen aufgerufen. In einem aktuellen Beitrag auf X warnt die Behörde vor Personen, die Brücken, Bahnhöfe oder Bahnknoten auffällig lange beobachten, Infrastruktur fotografieren oder ungewöhnliche Fragen stellen.
Aufmerksam werden sollen Bürger demnach auch, wenn plötzlich Kameras in der Nähe wichtiger Anlagen auftauchen oder Drohnen zu ungewöhnlichen Zeiten über strategischen Einrichtungen fliegen. Solche Beobachtungen sollten sie auf Bitte der Behörden melden. Der ABW warnt zugleich davor, Verdächtige selbst anzusprechen oder Bilder und Standorte in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen.
Der Appell ist Teil der im Juni gestarteten Kampagne «Cichy Front», auf Deutsch «Stille Front». Gemeinsam mit dem öffentlich-rechtlichen Sender TVP will der Geheimdienst die Bevölkerung für Sabotage, Spionage, Desinformation und andere Aktivitäten ausländischer Nachrichtendienste sensibilisieren. Dabei zeigt der ABW auch, wie aus zunächst harmlos wirkenden Kontakten konkrete Aufträge für Spionage oder Sabotage werden können. Die Kampagne stützt sich nach Angaben der Behörde auch auf Erkenntnisse aus eigenen Ermittlungen.
Aus kleinen Aufträgen wird Sabotage
Auf der Kampagnenseite beschreibt der ABW ein typisches Muster: Ein Unbekannter nimmt im Internet Kontakt auf und bietet zunächst einfache Aufgaben gegen schnelles Geld an. Das kann etwa ein Foto von einem bestimmten Ort sein. Später können weitere Aufträge folgen; bezahlt wird mitunter in Kryptowährungen. Als mögliche Ziele nennt der Geheimdienst Bahnstrecken, Stromleitungen und Sendemasten.
Solche Anwerbungen hat der ABW bereits in Ermittlungen dokumentiert. Ende Juli wurde ein belarussischer Staatsbürger angeklagt, der nach Angaben des Geheimdienstes im Auftrag eines ausländischen Nachrichtendienstes die Brandstiftung in einem Lagerhaus in der Woiwodschaft Lublin vorbereitet haben soll. Der Mann habe das Gebäude ausgekundschaftet, gefilmt und die Aufnahmen an seinen Auftraggeber geschickt. Für seine Arbeit sei er in Kryptowährung bezahlt worden. Zur Anwerbung und für weitere Anweisungen sei Telegram genutzt worden. Welcher ausländische Geheimdienst hinter dem Auftrag gestanden haben soll, teilte der ABW nicht mit.
Dass die Methode kein Einzelfall ist, zeigen weitere Ermittlungen. In einem Verfahren zu Sabotageakten in mehreren polnischen Städten seien Verdächtige nach Angaben des ABW ebenfalls über Telegram angeworben worden. Sie hätten kritische Infrastruktur fotografiert und die Aufnahmen weitergegeben. Bezahlt worden seien sie aus einer Kryptowallet. Der Geheimdienst ordnete dieses Vorgehen dem bekannten Muster russischer Nachrichtendienste zu.
Bahnnetz unter zweithöchster Alarmstufe
Die Sorge vor russischen Angriffen geht inzwischen über verdeckte Sabotage hinaus. Erst am Sonntag traf eine russische Drohne einen Zug bei Jahodyn in der Ukraine, nur rund zwei Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Kurz dahinter fuhr dort ein Zug mit mehreren westlichen Politikern und Sicherheitsexperten, der nach dem Angriff gestoppt und evakuiert werden musste.
Polens Ministerpräsident Donald Tusk sprach anschliessend von einer Eskalation russischer Aktivitäten. Die kommenden Wochen und Monate könnten von verstärkten russischen Aktionen geprägt sein; auch polnisches Gebiet könne davon betroffen sein, warnte er.
Wie angespannt die Sicherheitslage eingeschätzt wird, zeigt auch die derzeitige Alarmstufe für das polnische Bahnnetz. Für die von den Betreibern PKP PLK und PKP LHS verwalteten Strecken gilt derzeit CHARLIE, die dritte von vier und damit zweithöchste Alarmstufe. Sie ist bis zum 30. November angesetzt. Im übrigen Land gilt die niedrigere Stufe BRAVO; zusätzlich ist landesweit BRAVO-CRP für Cyberbedrohungen in Kraft.
Die polnischen Behörden bringen die erhöhte Wachsamkeit ausdrücklich mit der geopolitischen Lage in Verbindung. Als Hintergrund für die Alarmstufen nennt die Regierung hybride Aktivitäten Russlands und Belarus' gegen Polen und andere EU-Staaten sowie die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Der ABW will nun auch Hinweise aus der Bevölkerung nutzen. Meldungen zu möglichen Sabotage- oder Spionageaktivitäten nimmt der Geheimdienst rund um die Uhr entgegen; zudem verweist er auf einen eigenen Telegram-Kanal. Bürger sollen verdächtige Vorgänge lediglich melden und nicht versuchen, sie selbst zu überprüfen.
Verwendete Quellen:
- X-Post des Polnischen Inlandsgeheimdienstes
- cichyfront.gov.pl: "CICHY FRONT"

