International
Russland

Rumänien baut grösste NATO-Basis Europas

Servicemen of the United States 101 Airborne Division run during an exercise at the Mihail Kogalniceanu Air Base, near the Black Sea port of Constanta, Romania, Friday, March 31, 2023. The United Stat ...
US-Soldaten beim Training auf dem Luftwaffenstützpunkt «Mihail Kogălniceanu», wo die grösste NATO-Basis Europas entsteht.Bild: keystone

«Wenn dieses Tor fällt, dann fällt ganz Europa»

In Rumänien entsteht derzeit eine militärische Kleinstadt für NATO-Soldatinnen und -Soldaten. Es ist ein Mammutprojekt, von dem sich das westliche Verteidigungsbündnis viel erhofft.
06.04.2024, 11:33
Simon Cleven / t-online
Mehr «International»
Ein Artikel von
t-online

Die Veränderung ist tiefgreifend: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat dazu geführt, dass die NATO ihre Flanken so sehr stärkt wie nie zuvor.

Multinationale Kampfgruppen sind an der Ostgrenze des Bündnisses in Ländern wie Bulgarien, Litauen, Polen und der Slowakei stationiert. Mit Schweden und Finnland wurden zwei wichtige Mitglieder hinzugewonnen, die vor allem rund um die Ostsee die Position der NATO stärken. Und ein weiterer wichtiger Meilenstein wird nun am Schwarzen Meer gelegt.

Dort entsteht derzeit eine militärische Kleinstadt. Rumänien baut dazu seinen Luftwaffenstützpunkt «Mihail Kogălniceanu» nahe der Hafenstadt Constanța aus. Es ist ein Mammutprojekt – denn einmal fertiggestellt, soll es flächenmässig die grösste NATO-Basis Europas werden.

Das Land will damit zur tragenden Säule an der NATO-Ostflanke werden. Schon lange hat Rumänien eine stärkere NATO-Präsenz gefordert. Der rumänische Politikanalyst Dorin Popescu erklärt das im Gespräch mit T-Online mit dem «hohen Mass an Bedrohung»: «Die Notwendigkeit einer angemessenen Reaktion auf diese Bedrohung kennt Rumänien besser als jeder andere Staat.»

Doch wie genau läuft der Ausbau ab? Und was erhofft sich die NATO davon? Hier erfährst du das Wichtigste.

Der neue NATO-Stützpunkt wird doppelt so gross wie Ramstein

Mitte März haben die Bauarbeiten begonnen, wie das Nachrichtenportal «Euronews» berichtete. Zunächst gehe es dabei um die grundlegende Infrastruktur, also Zufahrtsstrassen und den Aufbau eines Stromnetzes, das dem Energiebedarf des künftigen Stützpunktes standhält.

Bald soll dann der Bau einer weiteren Start- und Landebahn parallel zur bereits existierenden starten. Zudem kommen weitere Rollfelder und Hangars für Militärmaschinen hinzu.

Militärbasis Mihail Kogӑlniceanu.
Die Militärbasis Mihail Kogӑlniceanu am Schwarzen Meer.Bild: T-Online

Nicolae Crețu, der Kommandeur des Stützpunktes, macht im Gespräch mit «Euronews» deutlich, was es noch braucht:

«Wartungshallen, Treibstofflager, Munition, Ausrüstung, luftfahrttechnisches Material, Simulatoren, Verpflegungseinrichtungen, Unterkünfte, alles wird benötigt, um den Betrieb und die Aufgaben einer Basis dieser Grössenordnung zu unterstützen.»

Auch Schulen, Kindergärten, eine Klinik und sogar Geschäfte sollen dort entstehen. Rumänien lässt sich all das laut Planung rund 2,5 Milliarden Euro kosten. Bis zu 20 Jahre Bauzeit sind veranschlagt.

Grösster NATO-Stützpunkt Europas in Rumänien im Bau.

Die Grösse der künftigen NATO-Basis sucht ihresgleichen: Mehr als 10'000 Soldaten samt ihren Familien sollen hier Platz finden, insgesamt also womöglich mehr als 30'000 Menschen. Das Areal bemisst sich auf knapp 3000 Hektar. Schon jetzt sind dort einige Hundert US-amerikanische Soldaten sowie ein rumänisches Hubschrauberschwadron stationiert. Zudem nutzt die NATO den Stützpunkt bereits für Einsätze zur Überwachung des Luftraums an der Ostflanke.

«Die Sicherheitslage hat sich alarmierend verschlechtert.»

Zum Vergleich: In Ramstein, dem deutschen Europa-Hauptquartier der US-Luftwaffe, lebten und arbeiteten im vergangenen Sommer auf rund 1400 Hektar Fläche mehr als 9000 Soldaten und rund 12'000 Angehörige.

Im gesamten US-Militärkomplex rund um die Stadt Kaiserslautern, von dem der Stützpunkt Ramstein nur ein Teil ist, leben gut 56'000 Menschen. Es ist die grösste US-Militärbasis ausserhalb der Vereinigten Staaten.

Allerdings wird davon lediglich Ramstein auch von der NATO genutzt, der restliche Komplex nur von den US-Streitkräften.

Vergleich Ramstein und Mihail Kogălniceanu.

Warum braucht die NATO den neuen Stützpunkt?

Doch wozu wird überhaupt eine weitere Riesenbasis benötigt, wenn in Deutschland schon grosse Strukturen bestehen? Die Antwort auf diese Frage hat mit dem Krieg in der Ukraine zu tun. Denn Wladimir Putin erschütterte spätestens mit seiner Invasion in das Nachbarland im Februar 2022 die europäische Sicherheitsarchitektur in ihren Grundfesten.

Dabei gehe es der NATO vor allem um Abschreckung, sagt Politikanalyst Dorin Popescu T-Online: «In der erweiterten Schwarzmeerregion hat sich die Sicherheitslage im Zusammenhang mit dem Krieg alarmierend verschlechtert.» Da sich der Ukraine-Krieg und die russische Bedrohung der NATO länger hinzögen, sei eine Präsenz des Verteidigungsbündnisses «zwingend erforderlich», sagt der ehemalige Diplomat und Direktor der Denkfabrik Black Sea House Association.

Hinzu komme ein Bedürfnis nach Schutz und Verteidigung, das die östlichen NATO-Partner angesichts des russischen Angriffskriegs hätten. Und der Experte erklärt:

«An der NATO-Ostflanke ist eine stärkere Verteidigung erforderlich als in Mittel- oder Westeuropa, weil die Bedrohungen geografisch näher an Rumänien und anderen Nato-Staaten liegen.»

Russland wolle zudem die gesamte ukrainische Schwarzmeerküste erobern. Rumänien befinde sich daher nicht nur in der Nähe des Kriegs, «sondern auch in der möglichen Vormarschrichtung der russischen Armee», so Popescu.

Schwarzes Meer ist zentraler Kriegsschauplatz

Die Entscheidung zum Ausbau des Luftwaffenstützpunkts «Mihail Kogălniceanu» fiel jedoch bereits vor der russischen Invasion: Schon im Juli 2015 beschloss die NATO die Pläne angesichts der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland und des Konflikts in der Ostukraine. 2019 wurden sie von der rumänischen Regierung genehmigt.

Das Schwarze Meer ist ein zentraler Schauplatz des Kriegs in der Ukraine. Russlands Schwarzmeerflotte galt lange als grosse Bedrohung. Ihre Kreuzer feuern immer wieder Raketen auf die Ukraine. Zu Kriegsbeginn befürchteten Beobachter eine Landungsoperation zur Eroberung Odessas. Und nicht zuletzt blockierte Russland über viele Monate hinweg erfolgreich ukrainische Exporte über das Schwarze Meer.

«Wenn dieses Tor fällt, dann fällt ganz Europa.»
Politikanalyst Dorin Popescu

Die Ukraine konnte Russlands Vormachtstellung auf dem Binnenmeer zwar weitgehend brechen. Doch das Meer und die gesamte Region bleiben strategisch wichtig. Neben Rumänien sind auch Bulgarien und die Türkei – zwei weitere NATO-Staaten – sowie die Ukraine und Russland Anrainer. Ein NATO-Luftwaffenstützpunkt würde die Vormachtstellung des Bündnisses und seine Abschreckung in der Region weiter stärken.

Ex-Nato-General: «Rumänien ist geopolitisch exponiert»

Italienische Eurofighter fliegen über dem Schwarzen Meer: Rumänien baut für die NATO seinen Luftwaffenstützpunkt "Mihail Kogălniceanu" deutlich aus. (Quelle: Italian Ministry Of Defence via  ...
Italienische Eurofighter fliegen über dem Schwarzen MeerBild: Italian Ministry Of Defence

Experte Popescu nennt die Schwarzmeerregion ein «Tor nach Europa». Als solches müsse es verteidigt werden, damit Bedrohungen wie etwa russische Schläge mit konventionellen Waffen nicht nach Europa eindringen könnten.

«Wir werden erheblich mehr Ressourcen aufwenden müssen, wenn wir diese Bedrohungen durch dieses Tor eindringen lassen», sagt Popescu mit Blick auf die hohen Ausgaben für das Projekt. «Es ist besser, unseren Frieden, unser Leben, unsere Sicherheit und unsere Lebensweise zu verteidigen», fügt er hinzu und macht deutlich: «Wenn dieses Tor fällt, dann fällt ganz Europa.»

Rumänien selbst wird mehr und mehr zu einem wichtigen Akteur, bestätigt der ehemalige NATO-General Hans-Lothar Domröse im Gespräch mit T-Online:

«Rumänien ist geopolitisch exponiert und nach dem russischen Überfall in der Ukraine vor zwei Jahren besonders wichtig für die NATO-Verteidigung Europas.»

Das Land liegt zentral zwischen mehreren Konfliktherden Osteuropas: Moldau mit der Separatistenregion Transnistrien sowie der Balkan sind nicht weit. Besonders diese Regionen seien durch «russische machtpolitische Bestrebungen gefährdet», sagt Domröse. «Die sichtbare US- und NATO-Präsenz in Südosteuropa trägt zur Stabilität erheblich bei.»

Rumänische Soldaten nehmen an einer Übung am Luftwaffenstützpunkt "Mihail Kogălniceanu" teil (Archivbild): Die Basis soll die Nato-Präsenz am Schwarzen Meer stärken. (Quelle: IMAGO/U.S. Army ...
Rumänische Soldaten nehmen an einer Übung auf dem Luftwaffenstützpunkt teil.archivBild: imago-images.de

Ähnlich sieht es Dorin Popescu und übt Kritik an den Staaten Mittel- und Westeuropas. Dort habe man die Sicherheitslage «genauso falsch eingeschätzt wie vor 80 Jahren», sagt der Politikanalyst. Mit Blick auf die Minsker Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine meint Popescu:

«Europa kann es sich nicht mehr leisten, so kurzsichtig zu sein wie damals, als es glaubte, Vereinbarungen mit Russland seien eine Garantie für den Frieden.»

Der neue NATO-Stützpunkt sei deshalb «die Antwort auf die grösste Bedrohung für unsere kollektive Sicherheit». Die Basis werde zu einer Verteidigungslinie für ganz Europa.

Rumänien ist zudem bereits jetzt ein Logistikdrehkreuz für die militärische Unterstützung der Ukraine. Daneben erklärte Präsident Klaus Iohannis Mitte März, dass rund 50 ukrainische Soldaten am rumänischen Luftwaffenstützpunkt in Fetești an den US-amerikanischen Kampfjets vom Typ F-16 ausgebildet werden sollen.

Warum bleibt der deutsche US-Stützpunkt Ramstein wichtig?

«Ramstein behält eine herausragende Bedeutung für ganz Europa.»

Könnte Ramstein als zentraler Stützpunkt der USA und NATO also künftig an Bedeutung verlieren? Hans-Lothar Domröse ist sich sicher, dass dies nicht der Fall sein wird: «Ramstein behält mit dem NATO Air Command eine herausragende Bedeutung für ganz Europa», sagt der ehemalige NATO-General.

Damit ist die Kommandobehörde der NATO-Luftstreitkräfte gemeint, die ihren Sitz in Ramstein hat. Zudem werde dort noch immer die westliche Ukraine-Unterstützung koordiniert, so Domröse. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs trifft sich auf dem Stützpunkt regelmässig die sogenannte Ukraine-Kontaktgruppe, zu der neben NATO-Mitgliedern noch weitere Staaten gehören, die Kiew mit Militärhilfe unterstützen.

Auch Dorin Popescu zweifelt daran, dass die neue Nato-Basis den Standort in Ramstein überflügeln wird: «Ich glaube nicht, dass der Stützpunkt in Rumänien grösser sein wird als Ramstein.» Doch das hänge auch davon ab, wie der Ukraine-Krieg verlaufe. «Unsere Verteidigungsmechanismen werden ständig auf der Grundlage der Bedrohungen und Risiken neu konfiguriert», erklärt Popescu. Fest stehe nur: «Die Bedrohung in der Schwarzmeerregion nimmt stetig zu.»

Die NATO feiert Jubiläum
Im Schatten des russischen Angriffskrieges in der Ukraine und begleitet von Vorwürfen Moskaus hat die NATO ihr 75-jähriges Bestehen gefeiert. Die Aussenminister der 32 Alliierten schworen sich dabei am Donnerstag (4. April 2024) auf die Fortsetzung der gemeinsamen Verteidigung und Abschreckung gegen Russland ein. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete das Bündnis als «das stärkste, beständigste und erfolgreichste» der Geschichte. «Am Anfang hatten wir 12 Mitglieder. Heute sind wir 32. Wir müssen also etwas richtig machen», sagte er.

Überschattet wurde die Feier von dem anhaltenden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und Sorgen wegen einer möglichen Rückkehr von Donald Trump ins US-Präsidentenamt. Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock mahnte in diesem Zusammenhang, die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte entschlossen fortzusetzen.
(sda)​

Quellen

(t-online/dsc)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die Geschichte der Nato
1 / 27
Die Geschichte der Nato
1949: In Washington wird am 4. April der Nordatlantikvertrag unterzeichnet. Das Bündnis hat anfangs zwölf Mitglieder: Belgien, Dänemark, Frankreich, Grossbritannien, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal und die USA.
quelle: epa/u.s. national archives / u.s. national archives and records administration / handout
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Putins Luxus-Palast an der NATO-Grenze – «Das detaillierteste Video aller Zeiten»
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
86 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Schlaf
06.04.2024 13:40registriert Oktober 2019
Und da gibt es immer noch fehlgeleitete Meinungen hier im Westen, dass der arme Putin sich doch nur gegen die NATO verteidigt🙄.
Es ist jetzt halt so, dass die NATO sich vor Russland fürchtet und jetzt das einzig Richtige macht, mit dem Ausbau, das den Aggressor in die Schranken weist.

Es ist zum Kotzen, dass die Ukraine nicht richtig unterstützt wird, der Westen hätte die Möglichkeit, den Russen in der Ukraine zu zeigen, dass Putins feuchte Träume von einer Ausdehnung Russlands Richtung Westen nichts geht.
22636
Melden
Zum Kommentar
avatar
skeptic_
06.04.2024 13:24registriert Februar 2017
Es ist besorgniserregend, wie $VP und Kreise um Trump versuchen, die Situation weiter anzuheizen und die NATO-Bemühungen zu untergraben. Statt Verantwortung zu übernehmen und die Ukraine zu unterstützen, betreiben sie billige Oppositionspolitik. Sie spielen Putin in die Hände und gefährden den Frieden in Europa.

Die Rechten schwadronieren von "Neutralität", während sie de facto die russische Aggression unterstützen. Sie scheuen sich nicht, sogar mit Verschwörungstheorien zu operieren, um die westlichen Bemühungen zu diskreditieren. Das ist unverantwortlich.
18841
Melden
Zum Kommentar
avatar
Collina_grey
06.04.2024 12:51registriert August 2023
Und ich war mal als Kind wirklich der Überzeugung ,das ich den Weltfrieden erleben werde. Dass mann mit 2.Weltkriegen etwas gelernt hätte. HÄTTE...
15610
Melden
Zum Kommentar
86
Urteil gegen «Hongkong 47»: Demokratie-Aktivisten schuldig gesprochen
Ein Gericht in Hongkong hat im bislang grössten Prozess wegen angeblicher Verstösse gegen das umstrittene Sicherheitsgesetz in der chinesischen Sonderverwaltungsregion 14 Demokratie-Aktivisten für schuldig befunden.

Zwei Angeklagte seien freigesprochen worden, teilte das Gericht am Donnerstag mit. Alle 16 hatten auf nicht schuldig plädiert. Die restlichen 31 der insgesamt 47 Angeklagten haben sich schuldig bekannt, hier stehen die Urteile noch aus. Das Strafmass wird ohnehin zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben. Die Anklage wegen Verschwörung zum Umsturz der staatlichen Ordnung kann im schlimmsten Fall zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe führen.

Zur Story