International
Russland

Zum Tag des Sieges könnte Putin den Krieg weiter eskalieren lassen

epaselect epa09935227 Russian President Vladimir Putin attends the Victory Day military parade in the Red Square in Moscow, Russia, 09 May 2022. The Victory Day military parade takes place annually to ...
Wladimir Putin beobachtet am 9. Mai 2022 die Militärparade: Wird er auch ein Jahr später wieder auf der Tribüne sitzen?Bild: keystone

Heute ist der «Tag des Sieges»: Was plant Putin?

Wladimir Putin könnte die Drohnenangriffe auf den Kreml als Vorwand nehmen, um am 9. Mai eine weitere Eskalationsstufe im Ukraine-Krieg zu verkünden. Aber ist das realistisch?
09.05.2023, 06:1209.05.2023, 06:12
Ein Artikel von
t-online

Immer wenn Wladimir Putin eine grosse Rede halten möchte, wächst in der Ukraine die Sorge vor einer neuen Eskalation. Gebannt richten sich deshalb am Dienstag, 9. Mai, alle Blicke nach Moskau: Im Zuge der grossen Militärparade auf dem Roten Platz zum «Tag des Sieges» über Nazideutschland wird auch der russische Präsident sprechen.

Der wichtigste nicht-religiöse Feiertag in Russland wird dabei in diesem Jahr von dem Drohnenangriff auf den Kreml überschattet. Umso mehr dürfte Putin am 9. Mai Stärke demonstrieren wollen. Aber was bedeutet das?

In jedem Fall ist zu erwarten, dass der russische Präsident sein Kriegsnarrativ bedienen und vor allem den USA vorwerfen wird, mithilfe von angeblichen «Faschisten» in Kiew einen Krieg gegen Russland zu führen. Trotzdem ist es äusserst unwahrscheinlich, dass Putin am «Tag des Sieges» eine weitere Eskalationsstufe im Ukraine-Krieg, etwa eine weitere Mobilmachung, verkünden wird.

Russian President Vladimir Putin, centre, attends a wreath-laying ceremony at the Tomb of the Unknown Soldier after the military parade marking the 77th anniversary of the end of World War II, in Mosc ...
Wladimir Putin am 9. Mai 2022: Der russische Präsident versuchte den Feiertag zu nutzen, um seinen Krieg in der Ukraine zu legitimieren.Bild: keystone

Zwar hat der russische Aussenminister Sergej Lawrow nach dem Drohnen-Vorfall in Moskau am Mittwoch «konkrete Aktionen» angekündigt. Kreml-Propagandisten forderten im Staatsfernsehen oder auf Telegram gar einen Atomschlag.

Experten halten das jedoch für Propagandagetöse, das vor allem auf eines hindeutet: Putin hält seine Feiertagsrede in einer Phase des Krieges, in der der Druck auf die russische Führung wächst – und die Erfolge bei dem Angriff auf die Ukraine ausbleiben. Er muss Stärke demonstrieren, kann aber kaum mehr auffahren als ohnehin schon.

So jedenfalls sieht es der Russland-Experte Gustav Gressel. Im Gespräch mit t-online sagt er: «Im Westen wird dieser Tag etwas überschätzt. Die russische Propaganda braucht keine tatsächlichen Siege, um Siege feiern zu können – das vergessen wir manchmal.»

In Russland selbst ist der 9. Mai vielmehr ein Feiertag für die Bevölkerung. Im Zweiten Weltkrieg starben bis zu 27 Millionen Menschen aus der Sowjetunion, fast jede Familie hatte in diesem Krieg Opfer zu beklagen. Deswegen hält Russland das Gedenken an diese Menschen am Leben.

Und so gibt es am «Tag des Sieges» nicht nur die bekannten Militärparaden, sondern am Abend auch Feuerwerke und Konzerte. Tagsüber gehen viele Menschen in die Natur, der 9. Mai gilt allgemein als ein Familienfeiertag.

Auch deswegen ist es unwahrscheinlich, dass Putin genau an dem Tag, an dem viele Russinnen und Russen ihrer toten Vorfahren gedenken, noch weitere Teile seiner Bevölkerung in den Krieg schickt. Das würde in Russland Empörung auslösen und wäre für den russischen Präsidenten ein unkalkulierbares Risiko.

Für den Präsidenten wäre es dagegen besser, seiner Bevölkerung Normalität vorzuspielen und die Opfer seiner sogenannten «Spezialoperation» kleinzureden. So hat er es auch im vergangenen Jahr gemacht, wo er die ukrainische Regierung zwar als «Faschisten» beschimpfte, aber mit Blick auf seine eigene Bevölkerung nicht weiter eskalierte. Auch vor zwölf Monaten hatten Beobachter im Westen befürchtet, Russland könne der Ukraine am 9. Mai den Krieg erklären. Das passierte nicht.

Für weitere Mobilisierungen dagegen braucht der Kremlchef keine grossen Ankündigungen, die können heimlich im Hintergrund passieren. Putin möchte die Menschen in Russland ruhig halten, keine Panik auslösen. Deswegen sind weitere Spitzen und rhetorische Anfeindungen gegen den Westen am 9. Mai wahrscheinlich, die Ankündigung von weiteren militärischen Eskalationen dagegen nur im äussersten Notfall. Wenn Putin dieses Risiko eingehen würde, wäre das ein Zeichen, dass ihm das Wasser bis zum Hals steht.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Anschläge auf Gegner von Putin und der russischen Elite
1 / 14
Anschläge auf Gegner von Putin und der russischen Elite
Der russische Despot Wladimir Putin lässt politische Gegner und kritische Journalistinnen nicht nur mundtot machen, sondern umbringen. Diese Bildstrecke ruft einige der schlimmsten Fälle in Erinnerung...
quelle: ap/pool sputnik kremlin / alexei druzhinin
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Hilferufe von der Front – russische Soldaten appellieren mit Videos an Putin
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Geheimdokumente offenbaren Spender für Trumps Ballsaal
Für Trumps Ballsaal sind Hunderte Millionen Dollar zusammengekommen. Viele Geldgeber haben auch geschäftliche Interessen gegenüber der US-Regierung.
Die Technologiekonzerne Nvidia und Apple spendeten jeweils 25 Millionen Dollar für den Ballsaal, den Donald Trump im Weissen Haus bauen lässt. Das geht aus einer Liste hervor, die der «Washington Post» vorliegt. Enthüllt wurden alle wichtigen Spender für das Projekt, darunter auch bisher nicht genannte Geldgeber, die von regulatorischen Entscheidungen, Regierungsaufträgen und in einem Fall von einer Begnadigung für ein Familienmitglied durch das Trump-Kabinett profitiert haben.
Zur Story