
Ausschreitungen am vergangenen Samstag in Paris. Solche Szenen will die französische Regierung mit einem starken Polizeiaufgebot verhindern. Bild: keystone
Wegen der angekündigten landesweiten Proteste herrscht in ganz Frankreich höchste Anspannung. Die Sicherheitskräfte befürchten eine Wiederholung der schweren Ausschreitungen vom letzten Wochenende.
24.10.2026, 11:2624.10.2026, 18:48
Die aktuelle Krise trifft die französische Regierung in einer politisch äusserst schwierigen Phase, rund ein halbes Jahr vor den Präsidentschaftswahlen.
Präsident Emmanuel Macron fordert rigorose Strafverfolgung. Gleichzeitig prüft die Regierung, eine Erhöhung des Mindestlohns vorzuziehen, um die Lage zu beruhigen.
Ausserdem hat die Regierung angekündigt, fehlende Lehrkräfte ersetzen und Schulhäuser renovieren zu wollen.
Anschlag am Vortag
Ein mutmasslich rassistisch motivierter Terrorangriff nahe Paris verschärft die Sicherheitslage zusätzlich – ein Mann erschoss einen Menschen und verletzte fünf weitere.
Der französische Innenminister Laurent Nuñez hat 70'000 Sicherheitskräfte mobilisiert. In der Hauptstadt Paris wurde nur ein einziger Marsch bewilligt und die Route stark verkürzt.
In Lyon sind Demos im Stadtzentrum komplett untersagt, in Marseille ist nur eine einzige Kundgebung zugelassen. Ladenbesitzer verrammeln ihre Schaufenster.
Wut und existenzielle Sorgen
Die Protestierenden kommen aus einem breiten Bündnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Die Hauptgründe sind existenzielle Sorgen sowie die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und strukturellen Reformen.
Das Bündnis vereint auch klima- und agrarpolitische Anliegen. Neben der Forderung nach konsequentem Klimaschutz machen Bauern auf ihre prekäre finanzielle Situation nach einem extremen Dürresommer aufmerksam.
Gerade bei jungen Leuten richtet sich die Wut zunehmend auch gegen empfundene staatliche Repression. Das harte Vorgehen der Polizei bei vorherigen Schülerprotesten sowie Massenfestnahmen und zum Teil schwer verletzte Jugendliche haben die Mobilisierung weiter angefacht.
Der News-Ticker
Nach Angaben des französischen Innenministeriums haben heute rund 410'000 Menschen an den Protesten im Land teilgenommen. 110'000 davon demonstrierten demnach in der Hauptstadt Paris. Der von Gewerkschaften organisierte Aufmarsch war zuvor von den Behörden an den Rand der Stadt verlegt worden. Der Gewerkschaftsverband CGT meldete laut Medienberichten dagegen rund 800'000 Teilnehmende.
Während zunächst keine grösseren Zwischenfälle gemeldet wurden, kam es am späten Nachmittag und Abend zu ersten Spannungen in den Städten. Bilder aus Paris zeigten Wolken von Tränengas sowie den Einsatz von Wasserwerfern, in Fernsehaufnahmen waren Knallgeräusche zu hören.
Auch in Städten wie Lyon, Bordeaux und Marseille waren Tränengaswolken zu sehen. Medien berichteten von Zusammenstössen mit der Polizei. In der Stadt Nantes im Nordwesten Frankreichs seien Beschädigungen und Plünderungen in einem Geschäft gemeldet worden, teilte die zuständige Präfektur mit. Die Sicherheitskräfte hätten sechs Personen festgenommen. Auch andernorts wurden Berichten zufolge Plünderungen beobachtet.
Denn seit Wochen für eine bessere Ausstattung von Schulen demonstrierenden jungen Leute haben sich weitere Gruppen angeschlossen, unter anderem um gegen zu hohe Lebenshaltungskosten zu demonstrieren. Wegen befürchteter Ausschreitungen und Plünderungen, wie sie am vergangenen Wochenende am Rande der Kundgebungen stattgefunden hatten, gab es in mehreren Städten Versammlungsverbote für bestimmte Zonen sowie Ausgangssperren. Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez hatte den Einsatz von 70'000 Beamten auf den Strassen angekündigt. (sda,dpa)
Während des laufenden Protesttages in Frankreich hat die Gelbwesten-Bewegung bereits neue Demonstrationen für kommende Woche angekündigt. Am 31. Oktober soll es einen «3. Akt» geben, teilten die Organisatoren der vergangenen Veranstaltungen auf ihrer Webseite mit. Sie riefen zu Kundgebungen und Sitzstreiks vor der Nationalversammlung sowie vor sämtlichen Rathäusern Frankreichs auf.
Am kommenden Freitag soll es zudem eine Protestveranstaltung geben, bei der mit Küchenutensilien wie Töpfen und Pfannen Lärm gemacht wird – eine sogenannte Casserolade.
Der Protest der Gelbwesten gegen hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit hatte Frankreich zwischen November 2018 und Frühjahr 2019 in Atem gehalten. Ihr Name geht darauf zurück, dass viele der Demonstranten gelbe Warnwesten trugen. Im Zuge der nun stattfindenden Proteste in Frankreich zeigt die Bewegung wieder Präsenz.
Währenddessen verlief der grosse Demonstrationsaufmarsch in der Hauptstadt Paris, zu dem Gewerkschaften aufgerufen hatten, grundsätzlich ruhig. Medien berichteten von Spannungen in einzelnen anderen französischen Städten. (sda)
Vor Beginn der grossen Demonstrationszüge in Städten wie Paris hat die Polizei nach Angaben von Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez bis 13 Uhr bereits 135 Menschen festgenommen. Dabei gab es bisher keine grösseren Zwischenfälle, wie Nuñez vor der Presse am Mittag sagte.
In der Region Paris wurden nach Angaben des Innenministers mehr als 1000 Kontrollen durchgeführt. Dabei seien viele gefährliche Gegenstände sichergestellt worden – Boule-Kugeln, Schleudern und auch eine Softair-Waffe.
Die Kontrollen seien «extrem produktiv», sagte Nuñez. Man bleibe äusserst vorsichtig, und sei noch weit vom Ende des Tages entfernt.
Den seit Wochen für eine bessere Ausstattung von Schulen demonstrierenden jungen Leute haben sich weitere Gruppen angeschlossen, unter anderem um gegen zu hohe Lebenshaltungskosten zu demonstrieren.
Wegen befürchteter Ausschreitungen und Plünderungen, wie sie am vergangenen Wochenende am Rande der Kundgebungen stattgefunden hatten, gab es in mehreren Städten Versammlungsverbote für bestimmte Zonen sowie Ausgangssperren.
(sda/dpa)

Zu Beginn des Protesttages in Frankreich hat die Polizei zahlreiche Menschen kontrolliert.
Die Polizeipräfektur von Paris teilte mit, bei 635 Kontrollen viele verbotene Gegenstände beschlagnahmt und mehrere Verdächtige festgenommen zu haben. Sie führe «massive Kontrollen» durch, insbesondere in Bahnhöfen und öffentlichen Verkehrsmitteln, «um jene abzuschrecken, die mit schlechten Absichten in die Hauptstadt kommen wollen». In Paris sei die Lage nach den ersten Angaben zur Mittagszeit aber «ruhig».
Wegen befürchteter Ausschreitungen und Plünderungen, wie sie am vergangenen Wochenende stattgefunden hatten, gab es in mehreren Städten Versammlungsverbote für bestimmte Zonen sowie Ausgangssperren. In Nizza, wo laut Präfektur alle Versammlungen verboten sind, wurden Polizeikräfte, Gendarmen und Spezialeinheiten im Stadtzentrum eingesetzt.
Innenminister Laurent Nuñez besuchte am Morgen Sicherheitskräfte in Paris und teilte auf der Plattform X mit, dass ein grosses Aufgebot an Einsatzkräften mobilisiert sei. «Wir sind bereit», schrieb er. Zuvor hatte er den Einsatz von 70'000 Beamten angekündigt.
Für Empörung seitens Gewerkschaften sorgte, dass der von ihnen angemeldete Demonstrationszug in Paris von der Präfektur an den Rand der Stadt verlegt wurde. Das Verwaltungsgericht bestätigte die Route in einer Eilentscheidung. Am Mittag fanden sich die ersten Demonstranten an der Porte d'Italie ein, von wo der Protestzug um 14 Uhr starten sollte.
Ein besonderes Augenmerk in der angespannten Lage im Land lag auf der Stadt Orléans, wo am Wochenende der Parteitag des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) stattfindet. Laut Präfektur fanden sich dort zur Mittagszeit 11'000 Menschen ein, um dagegen zu protestieren. 3000 Sicherheits- und Rettungskräfte seien demnach am Wochenende mobilisiert.
(sda/dpa)
Eines der ersten von Nachrichtenagenturen verbreiteten Pressefotos vom heutigen Samstag zeigt eine friedliche Kundgebung: Die Generalsekretärin der französischen Gewerkschaft CGT, Sophie Binet (Mitte), nimmt an einer Protestkundgebung am Rande des 19. Parteitags des Rassemblement National (RN) in Orléans teil.

In Frankreich sind für heute erneut landesweite Demonstrationen angekündigt, bei denen die Behörden Ausschreitungen wie schon am vergangenen Wochenende befürchten. Mit einem massiven Polizeiaufgebot sollten Gewalt und Plünderungen verhindert werden, kündigte Innenminister Laurent Nuñez an. Landesweit seien 70'000 Beamte im Einsatz. Es gebe zahlreiche Aufrufe zu Gewalttaten und Plünderungen.
(sda)
Die Vorgeschichte
Bei Demos mit bis zu 800'000 Teilnehmenden eskalierte am vergangenen Wochenende die Gewalt. Die Bilanz: 1200 Festnahmen und über 150 verletzte Polizisten. Randalierer plünderten Geschäfte, setzten Autos in Brand und zerstörten das über 140 Jahre alte Rathaus in Limoges.
Die rechtspopulistische US-Regierung nutzte die dramatischen Bilder und Videos für ihren eigenen Wahlkampf. Präsident Donald Trump und Vize JD Vance machten fälschlicherweise Migranten für die Ausschreitungen verantwortlich.
(dsc)