«Wir werden unerbittlich sein»: Frankreich bietet Armee und Elitepolizisten auf
Nichts, so scheint es, bleibt Frankreich verschont. Am Freitagmorgen schoss ein 39-jähriger Mann in der Pariser Vorstadt Trappes mit einem Gewehr in die Menge. Er tötete eine Person; vier weitere, darunter ein zwölfjähriges Mädchen, wurden teilweise schwer verletzt. Der Täter wurde verhaftet. Noch bevor seine Motive klar waren, schaltete sich die Anti-Terror-Justizbehörde PNAT ein, wie Innenminister Laurent Nuñez bekanntgab. Sie ermittelt auch wegen eines womöglich rassistischen Motivs. Dem Vernehmen sind alle Opfer afrikanischer Herkunft.
Nuñez’ Pressekonferenz war eigentlich der Vorbeugung neuer Gewaltakte durch demonstrierende Ultralinke und Plünderer gewidmet. Der aus den Golf-Staaten zurückgekehrte Staatschef Emmanuel Macron scheint das Ausmass der am letzten Samstag angerichteten Schäden erfasst zu haben. Er bietet für diesen Samstag 70'000 Polizeikräfte auf, siebenmal mehr als vor Wochenfrist.
Nuñez kündigte «die grösstmögliche Entschlossenheit» der Polizei an. Den «casseurs» (Schlägern) sandte er eine «Warnung», wie er sagte: «Wir werden unerbittlich sein. Un-er-bitt-lich!»
Wie sich diese neue Härte auf den Strassen auswirken wird, lässt sich kaum vorhersagen. Nuñez bestätigte den Beizug der Armee-Einheit «Sentinelle», die seit den Terroranschlägen von 2015 unter anderem öffentliche Gebäude sichert. Auch Elitetruppen wie Raid und GIGN werden am Samstag im Einsatz sein. Die französische Menschenrechtsliga übt scharfe Kritik an den, wie sie sagte, «erschreckenden» Vorkehrungen der Behörden.
Hotelbesitzer denken über Selbstverteidigung nach
In Städten wie Montpellier, Lyon oder Nizza erlässt die Regierung am Samstag auch nächtliche Ausgangssperren für Minderjährige oder, wie in Bordeaux, für die gesamte Bevölkerung. Auch untersagt sie vielerorts Demonstrationen. In Paris erhalten nur die Gewerkschaften das Recht zu einem Umzug, weil sie über einen internen Sicherheitsdienst verfügen. In vielen Städten verkehren weder Trams noch Busse, Läden und Restaurants bleiben geschlossen. Eine Journalistin des Senders BFM kommentierte: «Das ist ja wie im Covid.»
Oder noch einschneidender: In Paris, Marseille und anderswo schützen Ladenbesitzer ihre Schaufenster durch Holzplatten, sodass ganze Strassenzüge wie ausgestorben wirken. Die Pariser Präfektur wird kritisiert, sie habe das Kleingewerbe sich selbst überlassen. Sie empfiehlt den Betroffenen, private Wächter mit Hunden zu engagieren.
Die Inhaberin eines Pariser Coiffeur-Geschäftes, Solenn Amiel, verlangte dagegen mehr Polizeischutz. Der Vorsteher des Hotelverbandes UMIH, Patrick Delvau, teilte mit, einzelne Mitglieder dächten über die Bildung von «Selbstverteidigungsmilizen» nach. Sie glaubten nicht, dass die Bereitschaftspolizei Plünderungen verhindern könne.
Ein Grossteil der Ordnungskräfte wird in Orléans – eine Fahrstunde südlich von Paris – im Einsatz sein. Dort organisiert die Rechtsaussenpartei Rassemblement Nation (RN) am Samstag und Sonntag ihren Kongress, der Marine Le Pen als Kandidatin bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen küren soll. Nachrichtendienste rechnen laut internen Stimmen mit einen Grossauflauf von 20'000 bis 30'000 Gegnern. Sie wollen im Stadtzentrum von Orléans demonstrieren. Die Präfektur hat das Parkieren dort verboten, um Brandstiftungen zu verhindern.
Showdown in Orléans
Rund 3000 Polizisten werden entlang der Loire stationiert, damit die Demonstrierenden oder zumindest die radikalen Elemente nicht zum RN-Kongresszentrum vorstossen können. Zusammenstösse mit der Polizei sind programmiert.
Sie werden vielleicht nicht ganz so blutig ausfallen wie im Jahre 1429, als Jeanne d’Arc die Engländer an der gleichen Stelle aus der Stadt Orléans warf. Marine Le Pen wird es sich nicht nehmen lassen, ihren eigenen Kampf mit dem der französischen Nationalheldin zu vergleichen. Laut Meinungsfragen profitiert die Präsidentschaftsfavoritin zusätzlich vom anhaltenden Chaos. (schweizheute.ch)
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