International
EU

Nach Massenansturm in Ceuta: EU berät sich in Krisensitzung

Fast alle Migranten verlassen Ceuta – EU verarbeitet Schock

01.08.2026, 07:2901.08.2026, 16:49

Nach dem Ansturm Zehntausender Migranten auf die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika erhöhen mehrere EU-Länder den Druck auf Spanien. In einem Brief, den auch Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichnet hat, äussern 22 der 27 Staats- und Regierungschefs grosse Besorgnis über die Lage und werfen Madrid indirekt vor, mit jüngsten Entscheidungen Menschen Anreize gegeben zu haben, den Weg in die EU zu wagen.

50'000 bis 60'000 Menschen hatten es innerhalb kurzer Zeit von Marokko aus nach Ceuta geschafft, mindestens 67 Menschen kamen bei dem Versuch ums Leben. Einsatzkräfte suchten das Meer weiter ab.

Migrants return to Morocco from the Spanish enclave of Ceuta, Friday, July 31, 2026. (AP Photo/Antonio Sempere)
APTOPIX Spain Ceuta
Migranten kehren von der spanischen Exklave Ceuta nach Marokko zurück.Bild: keystone

Nach Angaben der spanischen Regierung sind mittlerweile fast alle Migranten nach Marokko zurückgekehrt. Angesichts kaum vorhandener Aussichten auf eine Weiterreise sowie fehlender Unterkunft und Versorgung hätten die Menschen enttäuscht und freiwillig die Rückreise angetreten, berichtete die Zeitung «El País».

Spanien am Pranger

Die Bilder der Zehntausenden Menschen, die sich - auch schwimmend und kletternd - Zugang zur spanischen Exklave verschafften, lösten grosse Unruhe in der EU aus. Es kursieren verschiedene Erklärungsversuche, wie es so weit kommen konnte. Dabei geraten die Menschen in den Hintergrund - auch die Toten werden in dem von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen initiierten Brief an die EU-Spitzen nicht erwähnt.

Stattdessen prangert das Schreiben eine Massnahme der spanischen Regierung gegen den Arbeitskräftemangel zur Legalisierung von rund 500.000 irregulären Migranten an. Man müsse sich mit politischen Massnahmen auseinandersetzen, die Anreize für Migration geben könnten, heisst es - und an dieser Stelle wird ausdrücklich die «Legalisierung einer sehr grossen Zahl irregulärer Migranten» genannt. Profitieren sollen von dieser Massnahme allerdings Asylbewerber, die ihren Antrag vor Ende 2025 gestellt haben - keine Neuankömmlinge.

Zudem stellt der Brief eine Verbindung zwischen dem Ansturm und einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs her. Die Entscheidung sei «benutzt worden, um diesen Angriff auszulösen und unser Migrations- und Asylsystem zu missbrauchen».

Das Gericht hatte entschieden, dass die sofortige Zurückweisung von Migranten nur dann zulässig ist, wenn diese beim irregulären Grenzübertritt einen Zaun oder eine andere Sperre überwunden haben. Für Menschen, die über einen unbefestigten Abschnitt wie das Meer nach Spanien gelangen, sei eine Einzelfallprüfung nötig.

Neben Spanien und Irland haben Frankreich, Luxemburg und Portugal das Schreiben nicht unterzeichnet.

Ministerpräsident Pedro Sánchez hat sich seinerseits in einem Brief an Irlands Regierungschef Micheál Martin über das Verhalten einiger Mitgliedstaaten in der Ceuta-Krise beschwert. In dem Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, beklagt Sánchez, dass einige «von Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politischen Interessen» getrieben seien. Er erinnerte daran, dass Ceuta nicht zum Schengen-Raum gehört. Das bedeute, dass sie von dort nicht einfach in andere EU-Länder weiterreisen können. Einen identischen Brief habe auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von Sánchez erhalten, berichtete der staatliche spanische TV-Sender RTVE.

Am Freitag hatte Sánchez auf X dazu aufgerufen, an einem starken und geeinten Europa weiterzubauen - und Europa nicht zu spalten. «Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig», schrieb er. Die Achtung der europäischen Verträge sei es jedoch nicht.

EU-Kommissar versichert: Kein Migrant ist aufs Festland gekommen

EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hatte bereits am Freitag angesichts der politischen Diskussion nach einem Telefonat mit Spaniens Aussenminister José Manuel Albares versichert: «Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.»

Italien hatte am Freitag nach Angaben der rechten Regierung in Rom das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU gegenüber Spanien vorübergehend ausgesetzt. Bei Reisen mit dem Flugzeug oder Schiff sollen wieder Grenzkontrollen durchgeführt werden.

Was ist der Schengen-Raum?

Der Schengen-Raum ist ein Gebiet in Europa, in dem Menschen grundsätzlich ohne Grenzkontrollen reisen können. Dazu gehören insgesamt 29 Länder, darunter EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich, aber auch Nicht-EU-Länder wie die Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein. Ceuta und Melilla gehören nicht zum Schengen-Raum. Ein dauerhafter Ausschluss eines Landes aus dem Schengen-Raum gegen dessen Willen ist in den EU-Regeln nicht vorgesehen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bekundete Solidarität mit Spanien, liess aber zugleich die Kontrollen an der gemeinsamen Grenze verstärken. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte die spanische Regierung auf, die Situation schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. «Der Schutz der Aussengrenzen der Europäischen Union ist entscheidend für die Bekämpfung illegaler Migration», betonte der CDU-Politiker.

Ceuta ist kleiner als der Frankfurter Flughafen

Ceuta hat weniger als 85'000 Einwohner und ist mit einer Fläche von nur 18,5 Quadratkilometern etwas kleiner als der Frankfurter Flughafen. In der Nacht auf Freitag hatten Tausende Migranten in Ceuta auf den Strassen übernachtet. (cst/sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Ausnahmezustand in Ceuta: Zehntausende Migranten überrennen spanische Exklave in Marokko
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
176 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
naturwald
01.08.2026 07:48registriert Oktober 2023
Die EU sollte sich darauf einigen dass Sozialhilfe nur noch für Migranten erhältlich ist, welche aus einem Kriegsgebiet wie der Ukraine kommen. Sonst zerfällt die Unterstützung der europäischen Bevölkerung immer mehr und damit auch das Wahl- und Abstimmungsverhalten. Die Marokkaner waren überrascht, dass sie nicht wie damals bei Merkel mit Teddybären, Blumen und mit Essen zubereiteten Tischen empfangen wurden. Also gingen sie wieder zurück.
13333
Melden
Zum Kommentar
avatar
derEchteElch
01.08.2026 08:48registriert Juni 2017
Es braucht aggressive Pushbacks!
An den Schengen-Aussengrenzen!
9242
Melden
Zum Kommentar
avatar
Roman 1
01.08.2026 08:07registriert Oktober 2020
Wir werden überrannt und sie reden und reden und reden...................
10963
Melden
Zum Kommentar
176
Angriff abgesagt: Trump kündigt neue Gespräche mit Iran an
US-Präsident Donald Trump will den seinen Worten nach grössten Angriff des US-Militärs «seit dem Zweiten Weltkrieg» vorerst abgesagt haben, um neuen Verhandlungen mit dem Iran eine Chance zu geben. Die Gespräche sollen am Montagnachmittag stattfinden, wie Trump ankündigte. Es blieb zunächst unklar, wo die Verhandlungen geführt werden sollen, wie lange sie dauern dürften und wer genau daran beteiligt sein wird.
Zur Story