49'000 Migranten kommen in 24 Stunden nach Ceuta: Meloni will Schengen-Ausschluss Spaniens
Was ist passiert?
In Ceuta, einer spanischen Exklave in Nordafrika, herrscht Ausnahmezustand. In den letzten 24 Stunden sind gemäss dem spanischen Innenministerium rund 49'000 Menschen aus Nordafrika in die Stadt gelangt. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Unter den Ankömmlingen seien viele Minderjährige und Kinder, berichtete der staatliche TV-Sender RTVE.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Guardia Civil, Rachid Sbihi, sprach von «reinstem Chaos». Die Grenze sei so gut wie zusammengebrochen. Er sprach gar von «Tausenden Migranten», welche versuchen würden, die Grenze zu überqueren. Es sei nicht möglich, genaue Zahlen zu nennen.
Videos und Fotos zeigten überwiegend junge Männer, aber auch Familien mit Frauen und Kindern, die über die Felsblöcke gelangten, die zu dem künstlichen Damm gehören, der die Grenze zwischen Ceuta und Marokko markiert und sichern soll. Man sieht auch, wie die Menschen jubelnd über die Strassen laufen und unter anderem «Viva España!» rufen. «An den Stränden liegen viele Gegenstände, die die Migranten bei der Überquerung genutzt haben, darunter Schwimmringe und -flossen sowie Neoprenanzüge», berichtete RTVE.
Die Lage ist angespannt: Bereits am Mittwoch hatte Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas erklärt, die Aufnahmeeinrichtungen seien völlig überlastet. Hunderte Migranten müssten auf den Strassen übernachten. Zudem sind laut der Nachrichtenagentur EFE in den letzten Tagen die Leichen von insgesamt 19 Menschen gefunden worden, die vermutlich versucht hatten, schwimmend nach Ceuta zu gelangen. Vivas sagte zuvor, in den vergangenen zwölf Monaten seien bereits rund 60 Leichen von Migranten geborgen worden.
Die Regionalregierung forderte von der Zentralregierung die Ausrufung des nationalen Notstands und den Einsatz des spanischen Militärs an der Grenze zu Marokko.
Wie ist die Lage in Melilla?
Auch in der zweiten spanischen Nordafrika-Exklave haben mittlerweile Hunderte Migranten die Grenze überwunden. Etwa 400 Menschen seien über zwei Grenzübergänge von Marokko aus auf dem Landweg und über einen Damm im Süden der Stadt in das Gebiet gelangt, sagte der Präsident der autonomen Stadt, Juan José Imbroda, dem Radiosender Cope am Donnerstagabend. Die Sicherheitskräfte hätten die Lage unter Kontrolle gehalten.
Was macht die spanische Regierung?
Madrid will bislang keinen Notstand ausrufen. Allerdings ordnete die Regierung unterdessen den Einsatz von in Ceuta stationierten Armeeeinheiten zur Unterstützung der Grenzbeamten an, wie die Zeitung «El País» und andere Medien am Abend unter Berufung auf die Regierung berichteten. Diese Massnahme war bereits während der Migrationskrise im Mai 2021 in Ceuta ergriffen worden. Es seien insgesamt 120 Einsatzkräfte des Militärs, schreibt «El País».
Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte davor am Nachmittag auf der Plattform X mitgeteilt, man setze «alle Hebel in Bewegung, um umgehend auf die Lage in Ceuta zu reagieren», war aber nicht konkreter geworden. Am Abend teilte die Regierung in Madrid mit, Sánchez werde am Freitag nach Ceuta reisen.
Laut RTVE schliesst das Innenministerium die Ausrufung des Notstands aus. Nach den geltenden Zivilschutzvorschriften zählen Migrationsbewegungen demnach nicht zu den Risiken, für die das nationale Zivilschutzsystem vorgesehen sei. Spanien und Marokko hätten vereinbart, ihre Zusammenarbeit zur Bewältigung der Migrationsbewegungen zu verstärken. Zudem sollten möglichst rasch alle Menschen zurückgeführt werden, die illegal nach Ceuta eingereist seien, hiess es unter Berufung auf das Ministerium.
Wie reagieren Gegner?
Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo von der konservativen Volkspartei PP sprach von einer «verzweifelten Situation». Auf X kritisierte er den sozialistischen Politiker Sánchez mit scharfen Worten: Die Regierung dürfe «nicht wegsehen, denn wir befinden uns in einer Krise der nationalen Sicherheit».
Auch im Ausland schlägt die Lage in Ceuta derzeit hohe Wellen. Italiens Ministerpräsidentin fordert nun den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum. Man sei dabei, «die zuständigen Stellen zusammenzubringen», erklärte Meloni am Donnerstag im Onlinedienst X. Und weiter: «Sobald diese Treffen abgeschlossen sind, sind wir bereit zu handeln, auch durch aussergewöhnliche Massnahmen wie etwa das Aussetzen des Schengen-Abkommens mit Spanien.»
Le immagini che arrivano da Ceuta sono impressionanti e dimostrano, ancora una volta, che l’immigrazione clandestina fuori controllo rappresenta una minaccia concreta per la sicurezza dei confini europei.
— Giorgia Meloni (@GiorgiaMeloni) July 30, 2026
Mi sono confrontata con il Ministro dell’Interno Matteo Piantedosi.…
Die Bilder aus Ceuta nannte Meloni «schockierend». «Italien wird nicht tatenlos zusehen», kündigte sie an. Ähnlich wie seine Regierungschefin hatte sich zuvor bereits Italiens Aussenminister Antonio Tajani geäussert. «Ich bin dafür, den Schengen-Raum für Spanien zu schliessen», erklärte er bei X. Er begründete die Forderung mit der «irregulären und unkontrollierten Einwanderung». Diese stelle «eine Gefahr für die nationale Sicherheit» dar.
Wie reagiert die EU?
Die EU bot Spanien Unterstützung an. Migrationskommissar Magnus Brunner habe «die Bereitschaft der EU zum Ausdruck gebracht, Spanien – unter anderem über Frontex – verstärkt zu unterstützen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen», teilte er am Abend auf der Plattform X mit. Der Schutz der EU-Aussengrenzen sei «ein wesentlicher Bestandteil unserer Bemühungen zur Bekämpfung der illegalen Migration».
Warum ausgerechnet Ceuta?
Obwohl Marokko 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien erlangte, hat Spanien dort weiterhin zwei Exklaven: Ceuta an der Meerenge von Gibraltar und das 250 Kilometer weiter östlich gelegene Melilla. Beide werden von Marokko beansprucht. In der Nähe beider Gebiete warten oft Tausende Afrikaner, vorwiegend aus Ländern südlich der Sahara, auf eine Gelegenheit, in das zur EU gehörende Gebiet zu kommen.
Oft versuchen mehrere Hundert Menschen auf einmal, die Grenzbeamten zu überraschen. Um einen Ansturm zu verhindern, gibt es einen meterhohen Grenzzaun zwischen dem marokkanischen Staatsgebiet und Ceuta. Aus diesem Grund versuchen zahlreiche Migranten, schwimmend über das Meer nach Ceuta zu gelangen. Der Weg birgt allerdings grosse Risiken: Immer wieder ertrinken Menschen auf dem Weg in Richtung EU-Gebiet.
Wie ist die Lage auf marokkanischem Boden?
Auch in der marokkanischen Grenzstadt Fnideq kommt es Medienberichten zufolge zu Ausschreitungen. Aufnahmen zeigen mehrere verbrannte Fahrzeuge. Die marokkanischen Sicherheitskräfte setzen Wasserwerfer gegen Randalierer sein. Auf Tränengas soll zum Einsatz gekommen sein.
Warum spitzte sich die Lage ausgerechnet jetzt zu?
Dies ist nicht ganz klar, es gibt verschiedene Theorien. Einige Medien spekulieren über einen Zusammenhang mit einer Algerien-Reise von Regierungschef Sánchez vergangene Woche. Marokko und Algerien stehen sich im Westsahara-Streit seit Jahren unversöhnlich gegenüber. Einige halten es für möglich, dass Rabat die Kontrollen der eigenen Polizei an der Grenze zu Ceuta gelockert haben könnte, um ein politisches Signal an Madrid zu senden. Auch Achraf Maimouni von der marokkanischen Menschenrechtsvereinigung sagte gegenüber ARD, die Grenze bei Tarajal sei «unter ungewöhnlichen Umständen geöffnet» worden.
Belege dafür gibt es bislang allerdings nicht. Die marokkanischen Behörden haben sich nicht zu den Vorwürfen geäussert.
Andere spekulieren, die aktuelle Lage könne mit einem Gerichtsurteil des Obersten Gerichts am 16. Juni zusammenhängen: Dieses besagt, dass Menschen, welche schwimmend nach Ceuta gelangen, nicht direkt abgeschoben werden können. So könne man diesen nicht vorwerfen, gewaltsam in spanisches Staatsgebiet eingedrungen zu sein. Möglicherweise könne sich dies unter Migranten herumgesprochen haben, so Stefan Ehler, ARD-Korrespondent in Marokko, gegenüber SRF.
Gab es schon ähnliche Vorfälle?
Die Bilder wecken Erinnerungen an die Ereignisse vor fünf Jahren. Im Mai 2021 waren innerhalb von 36 Stunden mehr als 8000 Menschen von Marokko aus in die Exklave gestürmt. Madrid warf Rabat damals «Erpressung» vor. Man war davon überzeugt, dass die Grenzkontrollen gelockert oder gar ausgesetzt wurden, um Madrid im Streit um die Westsahara unter Druck zu setzen.
Hintergrund des damaligen Konflikts war der Streit um die frühere spanische Kolonie, die grösstenteils von Marokko kontrolliert wird und von der Unabhängigkeitsbewegung Polisario für einen eigenen Staat beansprucht wird. Spanien hatte den Anführer der Polisario 2021 aus humanitären Gründen zur Behandlung aufgenommen, was in Rabat heftige Verstimmung auslöste.
Die Beziehungen entspannten sich erst 2022, nachdem Sánchez den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara als «die ernsthafteste» Grundlage für eine Lösung bezeichnet hatte. Seither arbeiten Madrid und Rabat in Migrations- und Sicherheitsfragen wieder enger zusammen. (dab, mit Material von Keystone-SDA)
