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Die Schlacht um unsere Köpfe ist in vollem Gange: Wie Menschen und Medien durch Kriegsparteien manipuliert werden

Während Russlands Propaganda früher vor allem polternd war, hat Moskau inzwischen begriffen, was die Stunde geschlagen hat. Geschickt vermarktet der Kreml heute seinen Syrien-Feldzug – und steht den USA inzwischen in nichts nach, wenn es um die Manipulation der Öffentlichkeit geht.
15.10.2015, 16:57

Wenn Russland im Herbst 2015 massiv in den Syrien-Konflikt eingreift, wird vor allem eines klar: Moskau hat, wenn es um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung geht, gelernt. Und zwar von den Besten: von den Amerikanern.

Rückblende: Die USA haben im Zweiten Golfkrieg den modernen Medienkrieg in seiner heutigen Form erfunden. Als im Januar 1991 eine von Washington geführte Koalition den Irak angriff, berichteten CNN und Co. laufend über die Erfolge der «Operation Desert Storm». Bilder zeigten, wie Präzisionsbomben eine gegnerische Stellung nach der nächsten ausradierten, während die Bodentruppen vorrückten – scheinbar ohne Verluste verbuchen zu müssen. 

Kein Blut, keine Toten: So erlebten TV-Zuschauer 1991 die Luftangriffe auf den Irak.

Doch die Medien konnten nur die Bilder zeigen, die ihnen die kriegsführenden Parteien zur Verfügung stellten. Und selbst wenn die Presse mit eigenen Vertretern vor Ort war, handelte es sich um Embedded Journalists – also Reporter, die in den Verbände der Koalition mitfuhren. Sie freundeten sich an, sie wurden mit den Soldaten angegriffen, sie wurden selbst zu Verbündeten – und berichteten nicht unabhängig.

Oder die Journalisten zeigten von einem sicheren Hotel in Baghdad aus, wie entfernt Ziele bebombt wurden, ohne dass sie dieses jemals aus der Nähe verifizieren – oder gar den zivilen Opfern ein Gesicht geben konnten. Der kanadische Journalist Chales Lynch brachte das Problem auf den Punkt: «Wir waren der Propaganda-Arm unserer Regierung. Anfangs erzwungen durch die Zensur, aber am Ende waren wir unsere eigenen Zensoren. Wir waren Cheerleader.» 

Ein Fox Journalist hautnah bei der Truppe.
Keine Distanz: Ein «Embedded Journalist» 1991 auf einem US-Flugzeugträger.

Sprung ins Jahr 2015: Mit dem Beginn russischer Angriffe auf Ziele in Syrien startet auch Moskaus Medien-Offensive. Bei ihrer Taktik im Umgang mit der Presse hat der Kreml dazugelernt. Statt CNN oder «Fox» ist nun «Russia Today» (RT) der Sender, der «aus erster Hand» berichtet. Exklusiv zeigt das staatlich finanzierte russische Fernsehen Filme der ersten Bombardements, die angeblich Stellungen des IS treffen.

Wie die Bilder sich ähneln: «Russia Today» zeigt den Film eines angeblichen Bombenangriffs auf IS-Stellungen, der am 5. Oktober auf YouTube landet.

Diese Bilder bekommen aber nicht nur Zuschauer von «Russia Today» zu sehen: Sie werden auch internationalen Agenturen zur Verfügung gestellt, die sie an Medien auf der ganzen Welt verteilen. Das unten stehende Foto aus dem obigen YouTube-Clip wurde am 5. Oktober in die Bild-Datenbanken gespeist. In der Beschreibung wird auch erwähnt, dass dieses Foto aus einem Video vom russischen Verteidigungsministerium kommt.

Das dazugehörige Foto, das von den Bildagenturen angeboten wird.<br data-editable="remove">
Das dazugehörige Foto, das von den Bildagenturen angeboten wird.
Bild: EPA/RUSSIAN DEFENCE MINISTRY

Auch andere Bilder, die heute vom Kreml veröffentlicht werden, gleichen frappierend jenen, die die USA und ihre Verbündeten 1991 im Golfkrieg veröffentlicht haben. 

Die Illusion vom «sauberen Krieg»: Ein Tornado wirft 1991 lasergelenkte «Präzisionsbomben» ab.<br data-editable="remove">
Die Illusion vom «sauberen Krieg»: Ein Tornado wirft 1991 lasergelenkte «Präzisionsbomben» ab.
Screenshot: youtube
Geschichte wiederholt sich: Eine Su-34 wirft 2015 lasergelenkte «Präzisionsbomben» ab. Das Foto ist am 9. Oktober veröffentlicht worden..<br data-editable="remove">
Geschichte wiederholt sich: Eine Su-34 wirft 2015 lasergelenkte «Präzisionsbomben» ab. Das Foto ist am 9. Oktober veröffentlicht worden..
Bild: AP/Russian Defense Ministry Press Service
Nicht nachprüfbare Clips für die Öffentlichkeit: So sieht der «präzise» Treffer im Irak 1991 aus.<br data-editable="remove">
Nicht nachprüfbare Clips für die Öffentlichkeit: So sieht der «präzise» Treffer im Irak 1991 aus.
screenshot: youtube
So sieht der «präzise» Treffer in Syrien 2015 aus. Das Bild wurde am 11. Oktober veröffentlicht.&nbsp;<br data-editable="remove">
So sieht der «präzise» Treffer in Syrien 2015 aus. Das Bild wurde am 11. Oktober veröffentlicht. 
Bild: HANDOUT/REUTERS
Die USS Wisconsin schiesst 1991 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk auf den Irak ab.
Bild: AP
Russische Kriegsschiffe schiessen im Oktober 2015 Marschflügkörper auf Syrien ab.
Bild: EPA/RUSSIAN DEFENCE MINISTRY

Die US-geführte Koalition von 1991 hat stets betont, dass so genannte Kollateralschäden nach Kräften vermieden würden. Darauf legt auch Russland im Jahr 2015 besonderen wert. Stellvertretend für den Kreml besorgt das Murad Gazdiev, der «Emebedded Journalist» bei «Russia Today». Er führt den Zuschauer in einem der Filme des Staatssenders um einen der modernen Kampfjets Su-34 herum.

Tödliche Technik: Murad Gazdiev erklärt den Zuschauern die Su-34.<br data-editable="remove">
Tödliche Technik: Murad Gazdiev erklärt den Zuschauern die Su-34.
bild: watson/phi

«Jede Mission braucht ihr eigenes Werkzeug», erzählt er und zeigt auf die lasergelenkten Bomben unter dem Rumpf des Flugzeugs. Unter dem Flügel hängt ein anderes Kriegsgerät. «Es ist eine lasergelenkte Rakete aus Russlands Arsenal von Präzisionswaffen», erklärt er. Und weiter: «Russland hat deutlich gemacht, dass es weiterhin zivile Opfer vermeiden wird. Das, verspricht Moskau, wird ein schneller, sauberer und klinischer Schlag gegen den Terror.»

Als wären Bombenangriffe jemals «chirurgisch» gewesen!

Gazdiev führt eine lasergelenkte Rakete bei «Russia Today» vor.<br data-editable="remove">
Gazdiev führt eine lasergelenkte Rakete bei «Russia Today» vor.
bild: watson/phi
Ein Foto der Rakete, das von den Bildagenturen am 4. Oktober veröffentlicht wurde.<br data-editable="remove">
Ein Foto der Rakete, das von den Bildagenturen am 4. Oktober veröffentlicht wurde.
Bild: EPA/RUSSIAN DEFENCE MINISTRY

Selbst neben dem (Kriegsschau-)Platz spielt Moskau im Spiel um die Meinungshoheit virtuos mit. Auch an das «Menschelnde» wird gedacht. Mal berichtet Murad Gazdiev, die Piloten der Su-34 hätten sogar eine Toilette an Bord, auch wenn ihre Einsätze in Syrien jeweils nur von kurzer Dauer sind. Und mal zeigt er, wie die Unterbringung der russischen Soldaten auf dem Flugplatz aussieht: Denen steht doch tatsächlich ein Sauna-Truck zur Verfügung!

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So lebt der russische Soldat in Syrien: Sogar eine fahrbare Sauna ist am Start
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Die Medien stecken in einem Dilemma: Sie haben einerseits oft keine Leute vor Ort, die unabhängig von der Front berichten oder Bildmaterial liefern. Wenn sie jedoch die Bilder nehmen, die ihnen die kriegsführenden Parteien zur Verfügung stellen, laufen sie auch Gefahr, deren Sichtweise zu kolportieren. 

Erdkampfflugzeuge Su-25 in Syrien.<br data-editable="remove">
Erdkampfflugzeuge Su-25 in Syrien.
Bild: EPA/RUSSIAN DEFENCE MINISTRY

Das gilt auch für die Syrien-Kampagne Russlands. Durch die Bilder, die der Kreml verbreitet, kann beim Betrachter der Eindruck entstehen, Moskau kämpfe uneigennützig, aus gutem Grund und habe die Sache im Griff. Die Folge sind Kommentare unter watson-Artikeln wie «Dieser Krieg muss von jemandem mir Gewalt beendet werden» oder «Endlich geht etwas! Putin sei dank. Ich werde noch zu Russland Fan!».

Fazit: Trau, schau, wem

Im Krieg, heisst es so schön, gibt es keine Gewinner. Und das ist sicherlich wahr. An einem Tag meldet die NATO, man stehe mit Russland im «freundlichen und professionellen Austausch» in Sachen Syrien. Einige Tage später wird berichtet, US-Jets hätten russischen Kampfflugzeugen ausweichen müssen. Ja, was denn nun?

Eins steht fest: Dank russischer Rückendeckung stehen Syriens Präsident Assad und seine Truppen nicht mehr mit dem Rücken zur Wand. Das Bild soll am 7. Oktober vor einer syrischen Bodenoffensive aufgenommen worden sein.
Bild: AP/www.kp.ru

Oder nehmen wir den Abschuss russischer Marschflugkörper vom Kaspischen Meer aus: CNN vermeldete unter Berufung auf nicht weiter genannte Quellen, vier der Raketen seien über dem Iran abgestürzt. Moskau dementierte diese Meldungen – auch iranische Vertreter fanden dazu deutliche Worte: «Diese Medienberichte sind eklatante Lügen», sagte General Musa Kamali. «Wenn die Leute, die so etwas behaupten, Beweise dafür hätten, würden sie sie sicherlich präsentieren.»

Der Pressechef des russichen Militärs sagte: «Im Gegensatz zu CNN geben wir keine Berichte heraus, die sich auf anonyme Quellen stützen.»<br data-editable="remove">
Der Pressechef des russichen Militärs sagte: «Im Gegensatz zu CNN geben wir keine Berichte heraus, die sich auf anonyme Quellen stützen.»
bild: watson/phi

Glaubt man «Russia Today», bricht unter den IS-Anhängern ob der russischen Bombardements bereits Panik aus. Dazu fällt mir nur eines ein:

    Islamischer Staat (IS)
    AbonnierenAbonnieren
«Because everything i say is everything you ever wanted to hear»
Aus dem Lied «Liar» von Henry Rollins

Und abschliessend muss man mit Blick sowohl auf die amerikanische wie auch die russische Propaganda vor allem eines bleiben: kritisch, aufgeklärt und wachsam. Denn nach wie vor gilt:

«Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit»
Das Zitat stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Wahrscheinlich kam es vom republikanischen US-Abgeordneten Hiram Johnson.

So tickt Putin – privat wie politisch

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Russische Luftangriffe in Syrien

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Russische Luftangriffe in Syrien
quelle: epa/russian defence ministry / russian defence ministry press service
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