Ausgelacht und angefasst: Wie Frauen bei Gottschalk zur Pointe wurden
Lachen stiftet Gemeinschaft. Wer nicht mitlacht, gilt schnell als Spielverderber. So funktionierte der Fernsehhumor, der in den Neunzigern Millionen vor den Bildschirm brachte: Man sass mit der Familie vor «Wetten, dass..?», Thomas Gottschalk plauderte, Frauen lächelten auf dem Sofa, selbst wenn er ihnen zu nahe kam oder ihren Körper kommentierte. Das war der perfekte Samstagabend, niemand verdarb die Stimmung.
Die Dokumentation «Was haben wir gelacht» von Eva Müller und Isabel Schneider blickt mit den Comedians Hella von Sinnen, Gaby Köster, Maren Kroymann, Esther Schweins und Bettina Böttinger zurück. Der Film zeigt, wie selbstverständlich Frauen damals im Unterhaltungsfernsehen als Anschauungs- und Vorführmaterial dienten. Gottschalks Hand wanderte auf Knie, er und andere Moderatoren machten Aussehen, Dekolleté und sexuelle Verfügbarkeit zur Pointe. Das letzte Wort blieb damals immer beim Gastgeber.
Das Revier der Männer
Die Macht lag auch darin, welche Reaktion von Frauen erwartet wurde. Maren Kroymann beschreibt das Mitlachen als Reflex: Wer widersprach, galt rasch als humorlos. So konnte der Moderator nicht nur den Witz setzen, sondern auch annehmen, dass sein Gegenüber ihn mittrug. Kroymann schuf später eine Gegenposition: Von 1993 bis 1997 lief in der ARD ihre eigene Satiresendung «Nachtschwester Kroymann». In Sketchen nahm sie Geschlechterrollen aufs Korn und machte weibliche Erfahrungen zum Stoff der Satire. Entscheidend war nicht nur, worüber sie sprach, sondern wer die Pointe bestimmte: Kroymann konnte selbst festlegen, worauf ihre Satire zielte.
Andere Komikerinnen veränderten das Bild weiblicher Komik ebenfalls durch ihre eigenen Auftritte. Hella von Sinnen spielte als Putzfrau Schmitz im Kölner Sitzungskarneval eine laute, selbstbewusste Figur. Laut ihrer Erinnerung gingen Männer lieber Kölsch trinken, sobald eine Frau auftrat. Trotzdem machte sie weiter. Gaby Köster wiederum beanspruchte den derben, proletarischen Humor für sich, der männlichen Komikern oft selbstverständlich zugestanden wurde. Beide zeigten, dass Frauen nicht gefällig oder angepasst sein mussten, um komisch zu sein.
Wie schwer die alten Regeln zu brechen waren, zeigt Böttingers Konfrontation mit Schmidt. Schmidt zufolge hatte sie ihn bei einer privaten Begegnung aufgefordert, seine Sendung müsse härter werden. Seine zynische Antwort: 1995 stellte er ihr Foto neben eine Klobrille, «Emma» und Eierlikör. Die Pointe: Kein Mann würde sie freiwillig anfassen. Wochen später stellte Böttinger ihn in seiner Sendung zur Rede und verliess sie vorzeitig. Sie verweigerte damit die Rolle, die der Witz ihr zugedacht hatte: den Angriff hinzunehmen oder mitzulachen. Plötzlich musste sich der Gastgeber erklären.
Ein Witz ist kein Freipass
Die Dokumentation überzeugt dort, wo sie einfache Täter-Opfer-Gegensätze vermeidet. Bei «RTL Samstag Nacht» blieb Esther Schweins bei sexistischen Texten oft nur, mit Grimassen zu reagieren. Ihr Gesichtsausdruck konnte Widerspruch ausdrücken, wurde aber zugleich Teil der Unterhaltung. Der Sketch lief weiter, die Pointe blieb bestehen. Schweins' Reaktion zeigt, wie wenig Kontrolle eine Darstellerin darüber hatte, ob ihr Widerstand überhaupt als solcher wahrgenommen wurde. Selbst ein sichtbares Unbehagen konnte in einem Format aufgehen, dessen Regeln andere bestimmten.
Die Archivbilder zeigen nicht nur die Gags, sondern auch ihre Inszenierung: Studiolachen, Applaus und der schnelle Übergang zum nächsten Programmpunkt liessen Grenzüberschreitungen wie beiläufige Unterhaltung erscheinen. Der Film richtet den Blick damit über einzelne Moderatoren hinaus auf eine Fernsehlandschaft, in der solche Auftritte ihren festen Platz hatten. Die Aufnahmen dokumentieren nicht bloss, was gesagt wurde, sondern auch, was damals unwidersprochen gesendet werden konnte.
Am Ende sagt Maren Kroymann: «Wir lachen erst seit kurzem besser.» Damit behauptet sie nicht, dass Frauen automatisch die besseren Witze machen. Die Dokumentation ist auch kein Plädoyer für zahme Comedy: Derbheit, Provokation und Tabubruch bleiben legitime Mittel. Eine Kränkung allein macht einen Witz noch nicht schlecht; entscheidend ist, worauf er zielt. Ein Witz kann Vorurteile infrage stellen oder sich über Menschen lustig machen, die sich kaum wehren können. Gerade darin besteht der Unterschied zwischen einer Pointe, die etwas riskiert, und einer, die bloss auf den Beifall der eigenen Seite setzt.
«Was haben wir gelacht», ab 22. Oktober im Kino (schweizheute.ch)
