Als sich John F. Kennedy 1960 für die US-Präsidentschaft bewarb, sagte er: «Ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem ein Kandidat für die Vizepräsidentschaft auch nur eine Wählerstimme eingebracht hat.» Nach seiner Nomination aber entschied sich der Ostküsten-Katholik für den Texaner Lyndon Johnson als «Running Mate».
Er sollte ihm die Stimmen der konservativen Südstaaten-Demokraten beschaffen. Nach dem knappen Wahlsieg gegen den Republikaner Richard Nixon meinte Kennedy: «Wir hätten den Süden ohne Johnson nicht erobert.» Seither gilt diese vom «Economist» beschriebene Episode als Beispiel dafür, dass ein Vize-Kandidat eine Wahl gewinnen kann.
Tatsächlich ist der Johnson-Effekt ein Mythos. Zu diesem Schluss kamen die Politologen Christopher Devine und Kyle Kopko. Sie haben sich intensiv mit den Vize-Kandidaturen beschäftigt und Daten bis zurück zur Wahl 1884 analysiert. Ihr Fazit: Eine schlechte Auswahl kann einem Ticket schaden, eine gute aber hat noch nie eine Wahl entschieden.
Die Stimmberechtigten würden «in erster Linie einen Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen», schrieben Devine und Kopko in einem Gastbeitrag für die «Los Angeles Times». Was bedeutet das für die Wahl 2024? Am Dienstag hat sich Kamala Harris für Tim Walz entschieden, den Gouverneur von Minnesota. Ihn hatte kaum jemand auf dem Radar.
Als Favoriten galten Senator Mark Kelly aus Arizona und Josh Shapiro, der Gouverneur von Pennsylvania, dem vielleicht wichtigsten Swing State bei dieser Wahl. Er galt als klarer Favorit, doch als stramm proisraelischer Jude hätte er einen Teil der demokratischen Basis «abschrecken» können. Während sich Walz als Gouverneur für linke Anliegen eingesetzt hat.
Ist die Entscheidung für Tim Walz somit der erste Fehler von Kamala Harris als Kandidatin der Demokraten, wie gewisse Kommentatoren meinen? Es ist eine gewagte Behauptung, nicht nur wegen der beschränkten Relevanz der Vize-Personalie. Tim Walz hat Vorzüge, etwa seine einfache Herkunft und sein volksnahes, umgängliches Auftreten.
Er ist eine gute Ergänzung zur manchmal elitär wirkenden und rhetorisch unbeholfenen Harris, die berüchtigt ist für ihre «Wortsalate». Hinzu kommt seine politische Laufbahn. Er wurde 2006 Kongressabgeordneter in einem Wahlkreis, der als republikanische Hochburg galt. Er hielt ihn während zwölf Jahren und «wechselte» dann ins Amt des Gouverneurs.
Tim Walz weiss, wie man unter schwierigen Umständen Wahlen gewinnt. In erster Linie aber soll Kamala Harris ihn bevorzugt haben, weil die «Chemie» stimmt. Mit keinem der potenziellen Kandidaten hat sie sich laut US-Medien so gut verstanden wie mit Walz. Diesen Eindruck erhielt man auch beim ersten gemeinsamen Auftritt am Dienstag in Philadelphia.
Man fühlte sich unweigerlich an Barack Obamas Kandidatur 2008 erinnert. Bereits wird der Hype um Kamala Harris damit verglichen. Auch bei der Vize-Wahl gibt es interessante Parallelen: Obama erkor sich wie Harris einen Mitstreiter mit einem «volkstümlichen» Auftreten und einer beeindruckenden politischen Karriere – einen gewissen Joe Biden.
Sein Kontrahent John McCain hingegen leistete sich einen der peinlichsten Missgriffe der US-Geschichte. Er wählte Sarah Palin, die Gouverneurin von Alaska. McCain bereute dies bald, denn Palin machte sich mit unbedarften Auftritten lächerlich. Auch in diesem Fall sind die Parallelen zu Donald Trump und seinem Vize J.D. Vance verblüffend.
Kaum hatte sich der republikanische Kandidat für den halb so alten Senator aus Ohio entschieden, tauchten frauenfeindliche Aussagen von J.D. Vance auf. Auch bei seinen Auftritten wirkt er unbeholfen und sorgte damit für Unruhe bei den Republikanern. Weshalb sich Trump gezwungen sah, die Rolle von Vance und generell die eines Vize-Kandidaten herunterzuspielen.
Er hat damit wohl recht, denn auch die Wahl 2008 wurde nicht durch Sarah Palin – oder Joe Biden – entschieden. Nach acht Jahren mit Präsident George W. Bush waren die USA reif für den von Barack Obama verheissenen «Change». Selbst der «Heimvorteil» durch einen Kandidaten fürs Vizepräsidium wird von den Politologen Devine und Kopko relativiert.
In ihrer Forschung haben sie nur ein Beispiel gefunden, wo er die Wahl hätte entscheiden können: Mit Jeanne Shaheen, der Gouverneurin von New Hampshire, hätte der Demokrat Al Gore 2000 vielleicht deren Heimatstaat und die Wahl als Ganzes gewonnen. Den USA wäre das Nachzähl-Drama in Florida und die «Wahl» von George W. Bush erspart geblieben.
Es gibt folglich keine Garantie, dass Kamala Harris dank Josh Shapiro in Pennsylvania siegen könnte. In Philadelphia versicherte der als sehr ehrgeizig geltende Gouverneur am Dienstag dem Duo Harris/Walz seine uneingeschränkte Solidarität. Der Wille, Donald Trump zu bodigen, scheint bei den Demokraten alle Differenzen zu überdecken.
Für Christopher Devine und Kyle Kopko gibt es nur einen Faktor, mit dem ein Vize der Präsidentschaftskandidatur beim Wahlvolk helfen kann: Glaubwürdigkeit. Werde Tim Walz entsprechend beurteilt, was sie vermuten, könne er Kamala Harris nützen, hielten sie in der «Los Angeles Times» fest. Letztlich aber heisst es am 5. November: Harris oder Trump.
Ein gutes Gespann, so es denn zusammen in den Kampf zieht, ist einfach schon physisch stärker und kann, wenn es diese Stärke und ihr gemeinsames Ziel seinen Wählern glaubhaft übermitteln kann, manche Steine leichter aus dem Weg räumen.
Die Vergangenheit ist irrelevant, denn mit einer Nummer, wie Trump, musste sich Amerika ja und die Welt so noch nie beschäftigen.
Ich vertraue dem Team Harris/Walz.