DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Das Seeufer in Milwaukee wurde von den sozialistischen Bürgermeistern öffentlich zugänglich gemacht. Heute ist es ein wichtiges Argument des Stadtmarketings.
Das Seeufer in Milwaukee wurde von den sozialistischen Bürgermeistern öffentlich zugänglich gemacht. Heute ist es ein wichtiges Argument des Stadtmarketings.
Bild: Shutterstock

Sozialismus in den USA? In Milwaukee hat es funktioniert

Das von deutschen Einwanderern geprägte Milwaukee ist die einzige amerikanische Stadt, in der der Sozialismus Fuss zu fassen vermochte. Bernie Sanders möchte an diese Tradition anknüpfen – doch es gibt einen wichtigen Unterschied.
21.02.2020, 09:5721.02.2020, 20:21
johann aeschlimann, milwaukee

In Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin hält im kommenden Juli der Sozialismus Einzug. Am Konvent der Demokratischen Partei wird der Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders ein flammendes Plädoyer für sozialistische Rezepturen gegen Armut und Ungleichheit halten, sei es als nominierter Gegner von Präsident Trump oder als ehrenvoller Zweiter im Vorwahlmarathon.

Seine Anhänger werden sozialistische «Planken» in die «Plattform» nageln. So redet man in Amerika über Wahlprogramme und Inhalte: Eine Bretterbühne für die nächste Wahl, nach dem Match dem Rückbau überantwortet. Fox News und die Radiotalkshow-Hosts – Donald Trumps Abteilung für Volksaufklärung und Propaganda – werden 24/7 «Sozialismus» heulen und «Kommunismus» meinen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn der alte Sanders in eine Reihe mit Lenin, Stalin und Mao gestellt würde. Nicht Kim aus Korea – den kann Trump eventuell noch brauchen.

Der Motorradhersteller Harley-Davidson ist ein Beispiel für die Industrie in Milwaukee.
Der Motorradhersteller Harley-Davidson ist ein Beispiel für die Industrie in Milwaukee.
Bild: AP/AP

Milwaukee, am Ufer des mächtigen Michigansees gelegen, ist eine gute Wahl, von beiden Seiten her betrachtet. Aus Wisconsin kam der unselige Senator Joseph McCarthy, der in den fünfziger Jahren die Hatz gegen Kommunisten und Homosexuelle ins Absurde trieb – ein früher Pionier der Verschwörungs-, Diffamierungs- und Verzerrtaktiken, die Trumps Herrschaft kennzeichnen.

Vier links regierte Jahrzehnte

Für die andere Seite ist Milwaukee der richtige Ort, weil hier alte amerikanische Industrie zuhause ist, mit ihrem Niedergang und den Nöten der früheren Arbeiterschaft. Vor vier Jahren haben die Demokraten in Staaten wie Wisconsin die Wahl verloren, weil Hillary Clinton es versäumte, ein Wort für die Gewerkschaften zu finden, und weil sie die Abgehängten und Abgehalfterten nicht ansprach, sondern verspottete (basket of deplorables). Vor zwei Jahren gelang es in Wisconsin, den hart rechten Gouverneur Scott Walker abzuwählen, der die gewerkschaftlichen Rechte von Staatsangestellten beschnitten und den Bürgern jahrelang verheissen hatte, seine Steuererleichterungen würden Arbeitsplätze schaffen.

Milwaukee ist auch die einzige amerikanische Stadt, in der der Sozialismus in grösserem Mass Fuss zu fassen vermochte. Während mehr als vier Jahrzehnten im 20. Jahrhundert regierten hier linke Bürgermeister, Mitglieder einer Sozialistischen Partei. Auch von dieser Tradition wird am demokratischen Konvent zu hören sein – wie viel und wie präzise, ist offen. Denn der Sanders-Sozialismus macht zahlreichen Demokraten grosses Bauchweh, und der Milwaukee-Sozialismus – als sewer socialism (Kläranlagen-Sozialismus) belächelt – unterscheidet sich in einigen Punkten von der Sanders-Variante.

Die Milwaukee-Sozialisten schauten wie heute Sanders auf Europa als Modell. Das hatte mit der Herkunft zu tun: Die Stadt gehörte zu den wichtigen Destinationen der deutschen Einwanderung im 19. Jahrhundert. Zahlreiche dieser Einwanderer waren von der gescheiterten 1848er Revolution geprägt, von Karl Marx inspiriert und von der deutschen Sozialdemokratie geleitet. Alle drei roten Bürgermeister von Milwaukee stammten aus deutschen Einwandererfamilien: 1910 bis 1912 Emil Seidel, 1916 bis 1940 Daniel Hoan und 1948 bis 1960 Frank Zeidler. Mit Ausnahme der wenigen Seidel-Jahre war ihre Socialist Party eine politische Minderheit. Die roten Bürgermeister konnten sich auf keine verlässlichen Mehrheiten stützen. Sie mussten Koalitionen bilden.

Bernie Sanders und Hillary Clinton während einer Fernsehdebatte im Februar 2016 in Milwaukee.
Bernie Sanders und Hillary Clinton während einer Fernsehdebatte im Februar 2016 in Milwaukee.
Bild: AP/AP

Genauso wird es einem Präsidenten Sanders und allen anderen ergehen, wenn sie ihre Wahlplattform ernsthaft umzusetzen gedenken. Denn die parlamentarischen Mehrheiten im Kongress werden dünn sein und die Bereitschaft der demokratischen Gesetzgeber viel kleiner als diejenige des Weissen Hauses. Man kennt das aus der Vergangenheit. Der demokratische Präsident Clinton scheiterte mit seinem massiven Infrastrukturprogramm für die Städte an einem demokratisch beherrschten Kongress, und der Gesundheitsgesetzgebung des demokratischen Präsidenten Obama zog eine demokratische Kongressmehrheit die ersten Zähne.

Erfolg dank Clean Government

Wie viel Sozialismus in Sanders steckt, ist weniger klar, als er selbst behauptet. Er spricht von «Sozialdemokratie» nach europäischem Muster, ohne Rücksicht darauf, dass in Europa kaum jemand weiss, was Sozialdemokratie noch bedeuten soll. Für Sanders ist Europa ein sozialdemokratisches Paradies: Die staatlichen Universitäten gratis, das Recht auf Gesundheitsversorgung verbrieft, der Minimallohn durchgesetzt, das Recht auf Abtreibung gesichert. Auch immigration reform ist im Angebot, aber ohne Verweis auf Europa, weil Europas Linke hier nicht weiter weiss.

Wie haben es die Milwaukee-Sozialisten gemacht? Womit haben sie Wahlen gewonnen? Clean Government, sagt Aims McGuinness, Historiker an der University of Wisconsin und Biograph des letzten sozialistischen Bürgermeisters Frank Zeidler. Saubere Regierungsführung. Kampf gegen corruption – will heissen gegen die Vermischung von privaten und öffentlichen Interessen. Das ist deckungsgleich mit den Parolen von Sanders und seiner Konkurrentin Elizabeth Warren.

Kein Geld für private Gewinne

«Korruption» heisst in ihrer Sprache die Einflussnahme der starken Wirtschaftsinteressen auf Gesetzgebung und Verwaltung – die Pharmalobby, die Öl- und Gaslobby, die Rüstungsindustrie, die Banken, die Raubtiere an der Börse. Dazu die schamlose, direkte Bereicherung der Trump-Familie an Amt und Staat – die Regierungsjobs für Tochter und Schwiegersohn, die Nutzung der Trump-Anlagen mit Steuergeld, der Einsatz von Vaters Amtsbonus für das Immobiliengeschäft der Söhne.

Frank Zeidler, der letzte sozialistische Bürgermeister von Milwaukee, starb 2006 mit 93 Jahren.
Frank Zeidler, der letzte sozialistische Bürgermeister von Milwaukee, starb 2006 mit 93 Jahren.
Bild: AP MILWAUKEE JOURNAL SENTINEL

Den Milwaukee-Sozialisten war «Korruption» das, was in Europa heute Public Private Partnership (PPP) heisst und von der Sozialdemokratie des «Dritten Wegs» gerne als Ei des Kolumbus angepriesen wurde. Eine Hand wäscht die andere, respektive: Jede Hand darf ein bisschen in den Staatssäckel greifen. Win Win, sagen sie auf beiden Seiten des Atlantiks. Milwaukee-Sozialisten machten hier den schärferen Unterschied: Keine öffentlichen Gelder für private Gewinne. «Zu jener Zeit finanzierten die Banken politische Kandidaten, die nach der Wahl teure öffentliche Projekte anschoben», erklärt Historiker McGuinness. «Diese wurden dann mit privaten Krediten bezahlt, für welche die Banken Zinsen einstrichen. Die Amtsträger wurden mit kickbacks geschmiert.»

Sorgfalt mit öffentlichen Finanzen

Milwaukee-Sozialisten dachten anders. «Bürgermeister Zeidler war strikte dagegen, Steuergelder für die Verzinsung staatlicher Schulden zu verwenden», sagt Historiker McGuinness. «Sie forderten den Abbau der Staatsschulden.» Allerdings nicht, um den Staat zu Tode zu sparen. Im Gegenteil. Es galt als unbestritten, dass der Staat aktiv werden muss, wo der Kapitalismus untätig bleibt. Die Milwaukee-Sozialisten steckten Steuergeld in Impfaktionen, in Abendschulen für Arbeiter, in Kanalisationssysteme und saubere Wasserversorgung (deshalb sewer socialists), in öffentliche Bibliotheken und Parks, aber immer unter der Maxime pay as you go: Nur so viel ausgeben, wie eingenommen werden kann. Ein Linker, der das heute fordert, steht verloren in der Landschaft.

«Die Sozialisten haben der Stadt ein anderes Gesicht gegeben», sagt Historiker McGuinness. Als Beispiele nennt er eine erweiterte, über den Kern hinausreichende Stadtplanung, die öffentlichen Bibliotheken oder das Ufer des Michigansees. Es ist öffentlich zugänglich, mit Fussweg, Rastplätzen, Sandstrand – das Werk der sozialistischen Stadtverwaltung. «Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der See von Villen gesäumt. Die Stadt hat dann mit Aufschüttungen ein neues Ufer errichtet und öffentlich zugänglich gemacht. Heute ist das ein starkes Argument des Stadtmarketings.» Möglich wurden solche Projekte durch eine Koalition aus progressiven Republikanern, liberalen Demokraten und den kleinen sozialistischen Sprengseln. Zeidler, der letzte rote Bürgermeister, bildete ein Public Enterprise Committee als tragfähige Allianz hinter seinen Stadtplanungsprojekten.

Populismus von links

Clean government bedeutete auch, was heute «Transparenz» heisst. Die Sozialisten führten moderne Buchführungspraktiken im Haushalt ein, den Bürgern wurde sichtbar gemacht, wofür ihr Steuergeld verwendet wurde. Die Sorgfalt mit den öffentlichen Finanzen zahlte sich aus. In der grossen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, als andere amerikanische Städte bankrott gingen, hielt sich Milwaukee über Wasser. Die Chamber of Commerce – der Zusammenschluss der Unternehmer – nannte Milwaukee 1930 die «gesündeste Grossstadt in den USA». Dies als Anerkennung des öffentlichen Gesundheitssystems. 1957 bezeichnete das Magazin «Fortune» Milwaukee als eine der beiden am besten regierten Städte des Lands.

Der Historiker Aims McGuinness hat die Geschichte des Sozialismus in Milwaukee erforscht.
Der Historiker Aims McGuinness hat die Geschichte des Sozialismus in Milwaukee erforscht.

Sicher – die Zeiten waren damals anders. Ein grosser Teil der sozialistischen Periode in Milwaukee fiel in die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs, als der Schrecken des sowjetischen Kommunismus noch nicht allgegenwärtig war und der europäische Faschismus als existentielle Bedrohung der amerikanischen Lebensart verstanden wurde.

«Clean government war auch gegen die faschistische Idee gerichtet, der zufolge die Allmacht des Führers über dem staatlichen Regelwerk steht», sagt Historiker McGuinness. «Die Idee der Sozialisten war, dass die Bürger ihrem Staat vertrauen mussten. Die Botschaft lautete: Bei uns seid ihr und eure Steuerdollars sicher aufgehoben.» Eine weitere Parallele zur Gegenwart, die allerdings im heutigen politischen Diskurs nur ein schwaches Stimmlein findet: Was anderes zeigt das Trump-Regime als die «Allmacht des Führers über dem staatlichen Regelwerk»?

Ist Bernie Sanders die Wiederkunft der Milwaukee-Sozialisten? Nicht, wenn es um die Staatsfinanzen geht. Sanders und die meisten seiner demokratischen Mitbewerber sprechen wenig über die gigantischen Defizite, die die Trump-Administration aufhäuft, und noch weniger über die Finanzierung ihrer grossen Vorhaben. Aber in einem Punkt ist Sanders nach Milwaukee zurückgekehrt: Er ist ein «Populist». Er spricht über Politik so, dass ihn der Normalbürger versteht. Das wird heutzutage schief angesehen, beidseits des Atlantik, weil «Populismus» mit der Hetze von rechts gleichgesetzt wird. «Aber die Sprache des Populismus ist rechts und links gleichermassen verfügbar», sagt Historiker McGuinness. «Die Demokratische Partei hat sie seit den siebziger Jahren aufgegeben und sich auf die Sprache der Experten verlegt. Damit hat sie ihre tiefe Verbindung zur Arbeiterbewegung und zum kleinen Mann verloren.» Siehe Hillary Clinton.

Und heute? «Sanders und zum Teil auch Warren sprechen so, dass sie an die Arbeiterbewegung anknüpfen können. Das hat Potential. Ein Buttigieg spricht die Sprache der Experten.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Diese Demokraten kandidieren gegen Trump

1 / 7
Diese Demokraten kandidieren gegen Trump
quelle: epa/epa / tannen maury
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

So schimpft Bernie Sanders über Donald Trump

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

USA kehren in den UN-Menschenrechtsrat zurück

Nach ihrem Rückzug unter Präsident Donald Trump werden die USA wieder Teil des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen. Die Vereinigten Staaten wurden am Donnerstag von der UN-Vollversammlung in New York in das 47-köpfige Gremium mit Sitz in Genf gewählt. Auch 17 weitere Länder werden für die Zeit von 2022 bis Ende 2024 Teil des Rates sein - darunter Indien, Argentinien und Luxemburg sowie die für ihre Menschenrechtslage kritisierten Länder Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und …

Artikel lesen
Link zum Artikel