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Droht den USA ein neuer Bürgerkrieg?

In this May 1, 2018 photo, protesters prepare to set fire to an effigy depicting U.S. President Donald Trump dressed in a Nazi uniform, during a demonstration marking May Day to honor workers, in Bogo ...
Bild: AP/AP

Droht den USA ein neuer Bürgerkrieg?

Präsident Trump spricht von einem «Coup», will «Verräter» hinrichten und politische Gegner verhaften lassen. Wie ernst ist dies zu nehmen?
02.10.2019, 19:2203.10.2019, 14:44

Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861 bis 1865) war eine Art Vorbote des Ersten Weltkrieges und ebenso blutig. In seiner Biographie von Ulysses Grant, dem Oberkommandierenden der Streitkräfte des Nordens, stellt Ron Chernow fest:

«Der Bürgerkrieg war ein Kampf von unvorstellbarer Grausamkeit, er hat alles andere in der amerikanischen Geschichte in den Schatten gestellt. Er hat 750’000 Menschen das Leben gekostet, das sind mehr Tote als in allen Kriegen zwischen dem Unabhängigkeits- und dem Vietnamkrieg.»
Lt. General Ulysses S. Grant poses for Mathew B. Brady in this 1864 photo. History's slant that he was a war-winning general but a failed president is undergoing revision in a biography by politi ...
Hat die Streitkräfte des Nordens kommandiert: Ulysses Grant.Bild: AP

Heute ist die amerikanische Gesellschaft zutiefst zerstritten. Liberale und Konservative begegnen sich mit offenem Hass. Wer von den TV-Sendern MSNBC und CNN auf Fox News oder von der «New York Times» zu Breitbart wechselt, wechselt gewissermassen den Planeten. Es gibt keine Gemeinsamkeiten mehr, eine Verständigung oder gar Versöhnung scheint unmöglich geworden zu sein.

Dazu kommt ein Präsident, wie es ihn noch nie gegeben hat. Donald Trump tweetet neuerdings von einem «Coup» und retweetet einen Pastor, der von einem «neuen Bürgerkrieg» schwafelt. Er bezeichnet den Whistleblower und dessen Informanten als «Spione» und «Verräter» und deutet an, dass sie eigentlich hingerichtet werden müssten. Den Vorsitzenden des Intelligence Committee Adam Schiff will er verhaften lassen.

Gleichzeitig versinkt Trump geradezu in Selbstmitleid. «Noch nie in der Geschichte unseres Landes ist ein Präsident so schlecht behandelt worden wie ich», heulte er auf Twitter.

House Intelligence Committee Chairman Adam Schiff, D-Calif., walks to a secure facility in the Capitol to prepare for depositions in the impeachment inquiry of President Donald Trump. (AP Photo/J. Sco ...
Ihn will Trump verhaften lassen: Adam Schiff.Bild: AP

Die Kombination von pathologischem Narzissmus und grenzenlosem Selbstmitleid ist brandgefährlich. Ernstzunehmende Stimmen bezweifeln, dass Trump je freiwillig das Weisse Haus räumen wird. In der «New York Times» warnt Frank Bruni:

«Es gab sicher bei seinen Vorgängern bereits Narzissten, aber gab es je einen Nihilisten wie Trump? Ich bezweifle es. Deshalb befinden wir uns in unbekannten Gewässern, und ein Verrückter hat das Steuerrad in der Hand.»

Trumps Verhalten gibt auch den Rechtsradikalen und Verrückten Auftrieb. Davon gibt es jede Menge. Charlie Warzel zählt in der «New York Times» einige davon auf:

Alex Jones von der Newsplattform Infowars verkündet – spätestens seit Barack Obama in Weisse Haus einzog – einen neuen Bürgerkrieg. Diesen Sommer prophezeite er: «Die Demokraten werden am 1. Juli einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen.»

epa06913532 (FILE) - US radio host Alex Jones (C) uses a megaphone to speak to crowds near the Quicken Loans Arena, the venue for the 2016 Republican National Convention (RNC), in Cleveland, Ohio, USA ...
Träumt von einem Bürgerkrieg: Alex Jones.Bild: EPA/EPA

Auf obskuren Websites wie Gateway Pundit sind Schlagzeilen zu lesen wie «Millionen von Antifa-Soldaten werden alle weissen Eltern köpfen». Kurt Schlichter, der gelegentlich auf Fox News zu sehen ist, gibt bereits Tipps, wie die konservativen Rebellen mit einer Guerillataktik den Bürgerkrieg gewinnen können: «Sie locken Benzin- und Munitionslastwagen in einen Hinterhalt. Dann warten sie, bis die Soldaten die Lastwagen verlassen, und erschiessen sie. Dann verschwinden sie wieder.»

Die regulären Fox-News-Moderatoren rasseln ebenfalls mit dem Kriegssäbel. So kommentierte etwa Tucker Carlson eine Verschärfung der Waffengesetze wie folgt: «Diese Massnahmen sind der Aufruf für einen neuen Bürgerkrieg.»

FILE - In this March 2, 2017 file photo, Tucker Carlson, host of "Tucker Carlson Tonight," poses for photos in a Fox News Channel studio in New York. A partnership between the U.S. Census Bu ...
Hassprediger bei Fox News: Tucker Carlson.Bild: AP

Die Bürgerkriegs-Rhetorik könnte sich jedoch als Bumerang erweisen. Trump macht damit zwar seine Basis heiss, stösst jedoch die für ihn bei der nächsten Wahl so wichtigen unabhängigen Wähler ab. Jüngste Umfragen zeigen einen dramatischen Meinungsumschwung, was das Impeachment betrifft.

Dazu gesellen sich ernsthafte praktische Probleme. Wie hätte man sich denn einen solchen Bürgerkrieg vorzustellen? Klare Fronten wie zwischen Nord und Süd im 19. Jahrhundert gibt es nicht.

Wie wird sich die Armee verhalten? Trump hat zwar einst geprahlt, die Militärs, die Polizei und die Biker würden hinter ihm stehen. Doch das ist mehr als fraglich: Die amerikanische Armee hat sich noch nie in einen innerstaatlichen Konflikt eingemischt.

History

Anders als im 19. Jahrhundert hätten die Amerikaner heute auch sehr viel mehr zu verlieren. «Wir sind daher heute einem (offen gesagt lächerlichen) Bürgerkrieg nicht näher als vor zwei Wochen oder zwei Jahren» schreibt Warzel. «Aber es fühlt sich so an, als ob es möglich geworden wäre, und das zählt. Der Zyklus füttert sich selbst. Die Angst gewinnt. Wir alle verlieren.»

Ein Blick in die Geschichtsbücher wäre daher ratsam. Zurückblickend stellte Ulysses Grant, zu seiner Zeit als «blutiger Metzger» verschrien, fest: «Wenn künftige Generationen einst auf den Bürgerkrieg zurückblicken, werden sie sich ungläubig fragen, wie sich solche Dinge in einer christlichen und zivilisierten Gesellschaft ereignen konnten.»

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