Bolsonaro erklärt sich zum «Anführer» und will Opposition aus USA führen
In einem offenen Brief auf X erklärte Bolsonaro zunächst: «Ich bin der gewählte Präsident.» In Brasilien habe ein «abscheulicher Wahlbetrug» stattgefunden und der Sieg von Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva sei nur mithilfe eines korrupten Justizsystems zustande gekommen. Wenig später löschte Bolsonaro die Mitteilung und veröffentlichte eine abgeschwächte Version. Darin bezeichnete er sich nicht mehr als «Präsident», sondern lediglich als «Anführer» Brasiliens. Die ursprüngliche Wortwahl hätte ihm womöglich weitere Probleme mit der brasilianischen Justiz bereiten können.
CARTA À NAÇÃO BRASILEIRA 🇧🇷 28.10.26 https://t.co/QqOGZuF8G0
— Flávio Bolsonaro (@FlavioBolsonaro) October 28, 2026
Bolsonaro will Opposition aus USA führen
An seiner grundlegenden Botschaft änderte Bolsonaro allerdings nichts. «Ich bin nicht aus Brasilien geflohen. Ich habe das Land im Interesse Brasiliens verlassen», schrieb der 45-Jährige. Vom Ausland aus wolle er verhindern, dass Lula ein «diktatorisches Regime» festige, und die Opposition anführen. Bolsonaro verglich sich dabei mit Charles de Gaulle, der während des Zweiten Weltkriegs von London aus die Bewegung Freies Frankreich führte. Gegen ihn gebe es keinen Haftbefehl, sondern eine «politisch motivierte Hexenjagd», erklärte Bolsonaro.
Trotz Ausreiseverbot nach Miami
Bolsonaro war nach seiner Wahlniederlage trotz eines gerichtlichen Ausreiseverbots heimlich aus Brasilien ausgereist. Zuvor war er einer Anordnung des Obersten Gerichts nicht nachgekommen, seine Reisepässe binnen 24 Stunden abzugeben. Medienberichten und Behördenangaben zufolge gelangte er auf dem Landweg nach Argentinien, flog von dort nach Ecuador und anschliessend weiter nach Miami. Hintergrund des Ausreiseverbots sind Ermittlungen wegen mutmasslicher Geldwäsche im Zusammenhang mit Unternehmen und Online-Sportwetten. Bolsonaro bestreitet die Vorwürfe.
Dank an Trump und Milei
Für seine Ausreise bedankte sich Bolsonaro ausdrücklich bei Argentiniens Präsident Javier Milei und US-Präsident Donald Trump. Milei soll ihm die Weiterreise über Argentinien ermöglicht haben, während die Trump-Regierung Bolsonaro und seiner Familie Visa für die USA gewährte. Trump hatte nach der Wahl ebenfalls Zweifel am Resultat geäussert und die Abstimmung als «manipuliert» bezeichnet, ohne Belege für Wahlbetrug vorzulegen.
Partei erkennt Lulas Sieg an
Bolsonaro selbst hat seine Wahlniederlage weiterhin nicht anerkannt. Lula gewann die Stichwahl mit 51,79 Prozent der Stimmen, Bolsonaro kam auf 48,21 Prozent. Seine rechte Liberale Partei hat das Ergebnis hingegen anerkannt, wenn auch unter Vorbehalt. Bolsonaro will nun vom Ausland aus gegen Lula mobilisieren – während in Brasilien zugleich mehrere Ermittlungen gegen ihn laufen. (mke/leh/sda/dpa)
