International
USA

Das wünschte sich Christa Pike anstelle einer letzten Mahlzeit

Vor gescheiterter Hinrichtung: Das wünschte Christa Pike anstelle einer letzten Mahlzeit

04.10.2026, 13:0404.10.2026, 15:54

Am Vorabend der gescheiterten Hinrichtung verzichtete die US-Amerikanerin Christa Pike laut einem Bericht der «New York Times» auf ihre letzte Mahlzeit. Stattdessen habe sie darum gebeten, die dafür vorgesehenen 20 Dollar für Pizza für Obdachlose in der Innenstadt von Nashville im US-Bundesstaat Tennessee zu verwenden. Pike sollte am vergangenen Mittwoch hingerichtet werden, überlebte allerdings zwei Giftspritzen. Die 50-Jährige war nach Angaben ihrer Anwälte zuletzt weiter bewusstlos und an ein Beatmungsgerät angeschlossen.

Pike war 1996 für den Mord an der 19 Jahre alten Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Sie selbst war zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt. 1995 hatten drei Teenager das Opfer in einem abgelegenen Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville gefoltert und getötet. Während ihrer Haftzeit wurde Pike US-Medien zufolge nach einem Angriff auf eine Mitgefangene in einem separaten Fall wegen versuchten Mordes verurteilt.

This photo provided by the Tennessee Department of Correction shows Christa Pike on Jan. 12, 2023. (TDOC via AP)
Christa Pike,Christa Gail Pike
Hat zwei Giftspritzen überlebt: Christa Pike.Bild: keystone

Pike weiter bewusstlos

Tage nach ihrer gescheiterten Hinrichtung ist Pike mutmasslich weiter in kritischem Zustand. Nach dem letzten öffentlich bekannten Stand ihrer Anwälte vom Freitag war die 50-Jährige bewusstlos, intubiert und wurde in einem Krankenhaus im Raum Nashville künstlich beatmet. Das Krankenhauspersonal arbeitet daran, ihr Leben zu retten und das verabreichte Pentobarbital aus ihrem Körper zu entfernen.

Pikes Anwälte schilderten nach dem Hinrichtungsversuch schwere Komplikationen. Demnach dauerte es etwa eine Stunde, die intravenösen Zugänge zu legen. Allein am linken Arm hätten sie mindestens sieben Einstiche gezählt. Während der Prozedur habe Pike über starke Schmerzen geklagt und ihr rechter Arm habe sich violett verfärbt. Nach der ersten Dosis habe sie noch gesprochen und gesungen. Bei der Einlieferung ins Krankenhaus seien beide Arme geschwollen, verbrannt und mit Blasen übersät gewesen.

Die Verteidigung vermutet, dass zumindest ein Teil des Pentobarbitals wegen Problemen mit den Zugängen nicht in die Blutbahn, sondern in umliegendes Gewebe gelangte.

Der Staat hat diese Darstellung bislang nicht bestätigt. Die genaue Ursache soll nun eine unabhängige Untersuchung klären. Gouverneur Bill Lee hatte die letzte noch für dieses Jahr geplante Hinrichtung abgesagt.

Erste Konsequenzen gezogen

Nach wachsender Kritik an der Qualifikation und Ausbildung des an der Hinrichtung beteiligten Personals, kündigte Gefängnischef Frank Strada am Samstag an, sein Amt noch im Laufe des Monats niederzulegen. Er halte zwar daran fest, dass die Behörde ihre Aufgaben entsprechend dem geltenden Protokoll erfüllt habe. Ein Rückzug sei aber im besten Interesse der Bevölkerung, erklärte er. Als Behördenchef war er für die Zusammenstellung der Hinrichtungsteams mitverantwortlich und überwachte deren Training und Einsatz. Wer die Behörde vorübergehend leiten soll, ist noch offen.

Mit der Untersuchung des Falls wurde der ehemalige US-Bundesstaatsanwalt Ed Stanton beauftragt. Er kennt Tennessees Hinrichtungssystem bereits: 2022 leitete er ebenfalls eine Untersuchung, nachdem eine Hinrichtung wegen Problemen kurzfristig gestoppt worden war. Die Untersuchung stellte damals fest, dass die Strafvollzugsbehörde über Jahre Teile ihres eigenen Protokolls nicht eingehalten hatte. Ausserdem hatte demnach die damals eingesetzte, mit Hinrichtungen betraute Person keine formale medizinische Ausbildung.

Gouverneur Lee ordnete daraufhin Veränderungen in der Führung sowie eine Überarbeitung des Hinrichtungsprotokolls und der Ausbildung an. Wenige Wochen später wurde Strada zum neuen Behördenchef ernannt.

Zweite Panne bei Hinrichtungen in diesem Jahr in Tennessee

Doch auch seitdem gab es Probleme. Bereits im Mai musste Tennessee die Hinrichtung von einem anderen verurteilten Straftäter abbrechen, nachdem es nicht gelungen war, die erforderlichen intravenösen Zugänge zu legen. Nach Berichten von US-Medien war der daran beteiligte Arzt auch bei Pikes Hinrichtung anwesend.

Gerichtsdokumente hatten Fragen zu dessen Erfahrung aufgeworfen. Der Arzt sagte in einer eidesstattlichen Aussage, er habe in seiner Laufbahn etwa ein Dutzend zentrale Venenkatheter gelegt – zuletzt aber ungefähr 2013. Ein von Pikes Verteidigung beauftragter Anästhesiologe kam vor ihrer Hinrichtung zu dem Schluss, der Arzt verfüge nicht über die fortlaufende praktische Erfahrung, die medizinische Einrichtungen üblicherweise für solche Eingriffe verlangen.

Auch die Ausbildung steht im Fokus. Das geltende Protokoll sieht monatliche Übungen vor, bei denen die Abläufe einer Hinrichtung simuliert werden. Seit 2025 wird dabei an den Freiwilligen aber kein echter intravenöser Zugang mehr gelegt. Vorgesehen ist aber weiterhin eine jährliche externe Schulung.

Neue Debatte über die Giftspritze

Pikes Anwälte hatten bereits vor der Hinrichtung auf Schwierigkeiten beim Zugang zu ihren Venen hingewiesen. In Gerichtsverfahren schlugen sie unter anderem die Verwendung einer kleineren Nadel durch entsprechend qualifiziertes Personal sowie Hängen als Alternative vor.

Tennessee hielt dagegen, dass eine Hinrichtung durch Hängen gesetzlich nicht vorgesehen und praktisch nicht verfügbar sei. Pike hätte wegen des Zeitpunkts ihrer Verurteilung – vor mehr als 30 Jahren – nach dem Recht Tennessees ausserdem die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl wählen können.

Der Fall hat die Debatte über die Todesstrafe und ihre Vollstreckung in den USA neu angefacht. In 27 der 50 Bundesstaaten ist die Todesstrafe weiterhin gesetzlich vorgesehen. Nach Angaben des Death Penalty Information Center wurden in diesem Jahr bislang 29 Menschen in sechs Bundesstaaten hingerichtet. Nach einer häufig zitierten Auswertung des US-Rechtswissenschaftlers Austin Sarat galten rund sieben Prozent der bis 2010 untersuchten Hinrichtungen per Giftspritze als misslungen. (hkl/sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Nach russischer Warnung: Deutsche Botschaft bleibt in Kiew
Nach einer wiederholten russischen Warnung haben die Botschafter Deutschlands und der Europäischen Union demonstrativ verkündet, nicht aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew wegzugehen. «Amen – wir bleiben», schrieb der deutsche Botschafter Boris Ruge auf der Plattform X. Er antwortete damit auf einen Beitrag der EU-Botschafterin Katarina Mathernova. Diese hatte ebenso bekräftigt, trotz der Gefahr in der Dreimillionenstadt bleiben zu wollen. «Drohungen werden die Unterstützung Europas für die Ukraine nicht aufhalten. Sie erinnern uns nur daran, warum diese Unterstützung so wichtig ist!», schrieb die Diplomatin.
Zur Story