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Ein Arbeiter hebt ein Grab in São Paulo aus.
Ein Arbeiter hebt ein Grab in São Paulo aus.
bild: keystone

Die Corona-Lage in Brasilien ist verheerend – und wird zur «weltweiten Bedrohung»

Die Corona-Mutante P.1 ist in Brasilien auf dem Vormarsch. Die Fallzahlen und Todesfälle schnellen in die Höhe. Auch in der Schweiz wurden erste P.1-Fälle registriert.
22.03.2021, 17:2722.03.2021, 17:36

In der Schweiz zeichnet sich langsam ein Licht am Ende des Tunnels ab. Dank der Impfungen scheint ein Sommer ohne weitreichende Corona-Massnahmen möglich. Doch die Pandemie ist damit nicht vorbei. Das Coronavirus wird uns weiter beschäftigen. Solange ein Grossteil der Weltbevölkerung nicht immun gegen das Virus ist, wird sich dieses weiterentwickeln und mutieren.

Dies stellt eine Herausforderung für unsere Impfstrategie dar, da die bisher zugelassenen Impf-Präparate möglicherweise nicht mehr genügend schützen. Und nicht nur das. US-Virologe Dennis Carroll sagte kürzlich im watson-Interview: «Die neuen Virus-Varianten könnten unter Umständen auch gefährlich für diejenigen Leute werden, die heute nicht zu einer Hochrisiko-Gruppe gehören.»

Alles nur düstere Zukunftsmusik? Nein, denn die Virus-Mutationen stellen uns bereits heute vor Probleme. Wie etwa die Verbreitung des B.1.1.7 zeigt.

Nun warnen renommierte Wissenschaftler eindringlich vor einer weiteren Virus-Variante, die vor allem in Brasilien zu beobachten ist – die Mutante P.1. Der deutsche Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bezeichnet die Mutante P.1 sogar als die «grösste Gefahr bisher». Sie verbinde mehr Ansteckung, Sterblichkeit und Teil-Resistenz gegen Impfungen. P.1 sei eine «weltweite Bedrohung».

Grund genug, die Lage in Brasilien genauer anzuschauen. Ein Überblick in 7 Punkten.

Wie haben sich die Fall- und Todeszahlen entwickelt?

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Corona-Fallzahlen. Am Mittwoch vergangener Woche wurden zum ersten Mal über 90'000 Neuansteckungen in Brasilien gemeldet. Bei 211 Millionen Einwohnern macht dies etwas mehr als 300 Fälle pro Million. Das sind zwar etwa doppelt so viele Infektionen, wie sie momentan in der Schweiz zu beobachten sind. Aber als die Schweiz den Höhepunkt der zweiten Welle erlebte, gab es über 800 Neu-Infektionen pro Million Einwohner.

Die Anzahl Todesopfer stieg in Brasilien in der vergangenen Woche stark an. Mittlerweile sterben fast 3000 Menschen pro Tag am Coronavirus. Dies entspricht etwa den Werten, die die Schweiz zum Höhepunkt der zweiten Welle hatte. Es ist damit zu rechnen, dass die Todesfälle vorerst nicht abnehmen werden, da die Fallzahlen ebenfalls gestiegen sind.

Wie sieht es mit der Belegung der Intensivbetten aus?

Die Intensivstationen sind im gesamten Land stark ausgelastet. Das Gesundheitsinstitut «Fiocruz» meldete vergangene Woche bei 24 von 26 Bundesstaaten eine Belegung von über 80 Prozent. Im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul arbeitet man bereits seit 20 Tagen über Kapazität, wie das Portal G1 berichtet. Und dies trotz sommerlicher Temperaturen.

Traurige Nachrichten von Patientinnen und Patienten machen die Runde, die keinen Platz mehr auf der Intensivstation erhielten. Am Donnerstag machte der Fall eines infizierten Mannes Schlagzeilen, der beim Warten auf ein frei werdendes Intensivbett gestorben war. «Leider hatten wir im Osten der Stadt erstmals den Fall, dass eine Person gestorben ist, ohne dass sie hätte versorgt werden können», sagte São Paulos Bürgermeister Bruno Covas im brasilianischen Fernsehen.

Auch im Norden des Landes ist die Lage nicht besser. Pedro Carvalho, Arzt aus dem Bundesstaat Penambuco, sagt gegenüber dem Guardian, dass der Kollaps des Gesundheitssystems nicht bevorstehe, sondern schon da sei. «Wir sind komplett kollabiert», stellt der Mediziner fest. Im Bundesstaat Mato Grosso sollen die Leute in den Krankenwagen behandelt werden, da es keine freien Betten mehr gibt, sagt eine andere Ärztin der Zeitung.

Der Arzt Pedro Carvalho ist mit seiner Einschätzung übrigens nicht alleine. Die viertgrösste Zeitung des Landes «O Estado de S. Paulo» titelte vergangenen Donnerstag: «Kollaps – Brasilien steht vor seiner grössten Gesundheitskrise».

screenshot: twitter/drericding

Wie stark ist P.1 in Brasilien verbreitet?

Die erste bestätigte Infektion wurde mit der P.1-Mutante datiert vom 6. Dezember. Allerdings geht man davon aus, dass sie schon seit November 2020 in der Stadt Manaus kursierte. Die Amazonas-Metropole erlebte zu Beginn des Jahres eine starke zweite Welle, welche das Gesundheitssystem überforderte. Seither hat sich die P.1-Mutante in ganz Brasilien verbreitet, wie Daten von Fiocruz zeigen. In einigen Landesteilen hat sie die bisherigen Virus-Varianten bereits weitgehend verdrängt und ist jetzt dominant.

Angehörige trauern vor einem Spital in Manaus: In der Millionenstadt wütete das Coronavirus sowohl in der ersten als auch in der zweiten Welle besonders stark.
Angehörige trauern vor einem Spital in Manaus: In der Millionenstadt wütete das Coronavirus sowohl in der ersten als auch in der zweiten Welle besonders stark.
Bild: keystone

Was weiss man über den Nutzen der Impfungen bei P.1?

Die Heftigkeit, mit der die zweite Welle Manaus traf, sorgte für Aufsehen. Denn eine Studie mit Blutspenderinnen und Blutspendern von Oktober 2020 zeigte, dass sich rund zwei Drittel der Bevölkerung bereits in der ersten Welle infiziert hatten. Deshalb stellte sich die Frage, ob eine erste Corona-Infektion vor einer Re-Infektion mit der P.1-Mutante schützt.

Eine Studie aus Brasilien kam nun zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit einer Re-Infektion mit P.1 bei 6,4 Prozent liegt. Allerdings ist die Studie noch nicht peer-reviewed. Eine Studie vom Imperial College in London geht von einer viel höheren Wahrscheinlichkeit aus.

Ob und wie stark die Impfungen gegen die P.1-Mutante schützen, ist derzeit ebenfalls noch Gegenstand von Untersuchungen. Eine Harvard-Studie kam kürzlich zum Schluss, dass die Pfizer- und Moderna-Präparate gegen P.1 weniger wirksam sind.

Für die meisten Brasilianerinnen und Brasilianer spielen die Impfungen derzeit sowieso nur eine untergeordnete Rolle. Erst zehn der 211 Millionen Einwohner haben eine erste Impfdosis erhalten.

Verbreitet sich P.1 schneller?

Auch hier braucht es weitere Untersuchungen. Es gibt jedoch Anlass zur Sorge. Der Harvard-Epidemiologe Eric Feigl-Ding zitiert auf Twitter zwei Studien, die zum Schluss kommen, dass sich P.1 100 bis 152 Prozent schneller verbreitet als die ursprünglich bekannte Variante.

Trägt P.1 alleine die Schuld am Anstieg?

Die Mutante P.1 ist mittlerweile in ganz Brasilien verbreitet. Der starke Anstieg der Todes- und Fallzahlen ist jedoch nicht alleine auf die neue Variante zurückzuführen. Die Corona-Massnahmen sind in vielen Bundesstaaten relativ locker.

Präsident Jair Bolsonaro spielte die Gefahr des Coronavirus wiederholt herunter und bezeichnete es etwa als «kleine Grippe». Über den Impfstoff von Pfizer witzelte er, dass er die Menschen «in Krokodile verwandelt».

Präsident Jair Bolsonaro will die Corona-Massnahmen der Bundesstaaten kippen.
Präsident Jair Bolsonaro will die Corona-Massnahmen der Bundesstaaten kippen.
Bild: keystone

Nun geht der Rechtspopulist aktiv gegen Bundesstaaten vor, die harte Massnahmen gegen das Coronavirus einführen wollen. Beim Obersten Gerichtshof versucht seine Regierung nun unter anderem Ladenschliessungen rückgängig zu machen.

Bolsonaro hat Millionen von Anhängerinnen und Anhängern, die sich gegen die Massnahmen wehren. Sie tragen keine Masken, halten keinen Abstand und tragen somit zur Verbreitung des Coronavirus bei.

Wie sieht es in der Schweiz aus?

Bislang wurde die P.1-Mutante in 26 verschiedenen Ländern festgestellt. Dazu zählt auch die Schweiz. Das BAG meldete bislang sieben Fälle mit der P.1-Mutante.

Dass die P.1-Mutante jedoch kein nationales, sondern ein globales Problem ist, zeigt ein Blick in Brasiliens Nachbarländer. In Peru und Uruguay etwa sind die Fallzahlen in den vergangenen Wochen ebenfalls merklich angestiegen.

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