DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild: EPA/US ARMY

Geben die USA 32 Millionen Dollar pro Stunde für Krieg aus?

22.05.2019, 07:2422.05.2019, 16:21

Wer in der heutigen Zeit online einen Diskurs führt, wird auch schon damit Bekanntschaft gemacht haben: Meme-Argumente. Die Diskussion, ob diese sinnvoll sind oder nicht, lassen wir aussen vor – sie sind auf jeden Fall Zeitgeist. Und im Moment kursiert gerade das da:

bild: irgendwo ims Internet
  • Aber stimmt es, dass die USA 32 Millionen pro Stunde für Krieg ausgeben?
  • Stimmt es, dass die USA NICHT 32 Millionen pro Stunde ins Gesundheitswesen, in die Bildung oder in die Infrastruktur stecken?
  • Und was hat der Herr im untersten Bild, der verstorbene Komödiant George Carlin, damit zu tun?

Frage 1: Stimmt es, dass Amerika 32 Millionen pro Stunde für Krieg (to kill people) ausgibt?

Zum Glück gibt es Watson. Also das Watson Institute der renommierten Brown University. Das Institut unterhält das Programm «Costs of War» – im März erschien der jüngste Bericht. Es handelt sich dabei um den Versuch, zu berechnen, wie viel Geld die USA jährlich für Kriegshandlungen – also nicht einfach generell fürs Militär und die eigene Verteidigung – ausgeben. Diese Kosten zu berechnen, ist kein leichtes Unterfangen; gewisse Budgets sind intransparent – zum Beispiel bei der Terrorabwehr. Deshalb beruft sich «Costs of War» auch auf die Informationen des Wissenschaftlichen Dienstes des Kongresses. Ausserdem ist die trennscharfe Definition von «Kriegskosten» zu anderen militärischen Ausgaben schwierig. Fast die Hälfte der Gesamtsumme beansprucht aber das Budget für «Einsätze im Ausland» (Overseas Contingency Operations [OCO]). Ebenfalls grosse Posten sind Erhöhungen des Verteidigungsbudgets aufgrund von Kriegsaktivitäten, die Betreuung von Kriegsveteranen und der Kampf gegen Terrorismus.

In diesem Paper heisst es:

«So for the past 19 years, we have spent $260 billion annually for war-related expenses.»
«In den letzten 19 Jahren wendeten wir jährlich 260 Milliarden für mit Krieg verbundene Ausgaben auf.»

Daraus folgt die Milchbüechlirechnung:

  • 1 Jahr = 365 x 24 Stunden = 8760 Stunden
  • 260 Milliarden = 260'000 Millionen.
  • 260'000 / 8760 = 29.7 Millionen pro Stunde.

Die erste Aussage des Memes stimmt somit nicht ganz. Mit weniger als 10% Abweichung befinden sich die 32 Millionen aber in der tolerierbaren Region. Wir sind uns aus den USA mittlerweile andere Verfälschungen gewohnt.

Ein Onlinetool, welches sich auf ältere Brown-Zahlen beruft, kommt übrigens auf diese 32 Millionen. Es ist anzunehmen, dass sich der oder die Erschafferin des Memes dort inspirieren liess.

Sind diese Ausgaben höher als die fürs Gesundheitswesen, die Bildung oder die Infrastruktur?

Die Krux des Memes liegt *Überraschung* an seiner Simplifizierung. Es fehlt eine Definition, was mit «the U.S.» gemeint ist. Die Staatskasse in Washington? Oder grundsätzlich die öffentliche Hand in Amerika?

Die öffentliche Hand, also die Zentralregierung in Washington und die einzelnen Bundesstaaten, geben jährlich deutlich mehr als 290 Milliarden (30 Millionen pro Stunde) für das Gesundheitswesen, die Bildung und Infrastrukturprojekte aus.

  1. Fürs Gesundheitswesen sind es 1,5 Billionen.
  2. Für die Bildung (Primärer und Sekundärer Bildungsbereich) sind es 620 Milliarden.
  3. Für die Infrastruktur waren es 2017 441 Milliarden.

Während im Gesundheitswesen der Löwenanteil der Ausgaben direkt oder indirekt von der Zentralregierung gedeckt wird, fallen die grössten Ausgaben in den Bereichen Bildung (90%) und Infrastruktur (77%) auf die einzelnen Bundesstaaten.

Der zweite Teil des Memes ist demnach zu einem Drittel falsch und zu zwei Dritteln – je nach Definition von «U.S.» ungenau.

Was hat George Carlin mit dem Meme zu tun?

George Carlin war ein amerikanischer Komiker und vor allem Sozialkritiker. Im Verlaufe seiner langen und erfolgreichen Karriere sagte er viele kluge Dinge. Carlin sagte derart viele kluge Dinge, dass ihm am Ende seines Lebens viele Dinge in den Mund gelegt wurden – um sie klug erscheinen zu lassen.

Dies nahm gegen Ende ein epidemisches Mass an und deshalb soll er laut einer Zitateseite einmal auf seiner Homepage geschrieben haben:

Wenn man heutzutage durchs Internet surft ... trifft man immer wieder auf Material, das von mir stammen soll ... Doch die meisten sind es nicht ... das meiste im Internet ist einfach nur lahm.
... und auch dieses Quote lässt sich nicht überprüfen.

In dem Sinn: Ob George Carlin irgendwann irgendwo diesen Satz einmal gesagt haben soll, lässt sich aufgrund des enormen Umfangs seines Lebenswerkes schlecht überprüfen. Was hingegen sicher ist: George Carlin ist auch 2019, neun Jahre nach seinem Tod, immer noch sehr erhellend.

Hier geht es zu seinem gesamten Lebenswerk.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Diese Demokraten kandidieren gegen Trump

1 / 7
Diese Demokraten kandidieren gegen Trump
quelle: epa/epa / tannen maury
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Ueli Maurer diskutiert mit Magdalena Martullo-Blocher

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Das Rechtschreibquiz der schwierig(st)en Wörter

In der Zeit von Korrekturprogrammen nimmt die Bedeutung der Rechtschreibung kontinuierlich ab. Trotzdem solltest du dir bewusst sein, dass es immer noch einen guten Eindruck macht, wenn man Texte abliefert, die fehlerfrei sind, vor allem auch bei Bewerbungen. Um dir das in Erinnerung zu rufen, gibt es heute ein Quiz zu «deutschen» Wörtern, die am häufigsten falsch geschrieben werden. Wenn es dich interessiert, warum man welches Wort wie schreibt, kannst du jeweils die Erklärung dazu lesen.

Artikel lesen
Link zum Artikel