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Kongo: «Wir sind im Krieg, und die haben nichts Besseres zu tun»

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Flüchtlinge tragen ihre Habseligkeiten, nachdem sie die Grenze von Goma in der Demokratischen Republik Kongo nach Gisenyi, Ruanda, überquert haben.Bild: keystone

Demokratische Republik Kongo: «Wir sind im Krieg, und die haben nichts Besseres zu tun»

Im Ostkongo haben die M23-Rebellen die Millionenstadt Goma erobert. Die Menschen dort sind ohne Strom, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Mut wird zur Überlebensstrategie.
28.01.2025, 10:2728.01.2025, 10:28
Constantin Leclerc, goma / Zeit Online
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Zeit Online

In der kongolesischen Millionenstadt Goma knallen die Schüsse. Die Miliz mit dem Namen «Bewegung des 23. März», auf Französisch M23 abgekürzt, hat die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu in der Nacht zu Montag eingenommen. Sie hat den Flughafen geschlossen und den staatlichen Radiosender besetzt. Er spielt jetzt Musik.

Versprengte Soldaten und Milizionäre, die mit der Armee gekämpft haben, plündern in einzelnen Vierteln. Manche haben sich der Blauhelmtruppe der Vereinten Nationen ergeben, andere sind mit dem Boot über den Kiwusee in die Stadt Bukavu geflüchtet. Auch die meisten weissen Söldner aus Rumänien und Bulgarien sind in letzter Sekunde aus Goma abgereist; einige haben es nicht mehr rausgeschafft und sich ebenfalls der UN-Truppe ergeben. Sie hatten aufseiten der Armee gekämpft. Die M23 verfolgt die Militärs und kontrolliert Häuser und Hotels, ob sich dort Armeeangehörige versteckt haben.

So unruhig wie die Nacht waren auch die Tage davor in Goma. Es ist Krieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Lastwagen mit Soldaten der kongolesischen Armee rasen durch die Strassen. Truppen der südafrikanischen Staatengemeinschaft sind unterwegs. Panzer der UN-Mission rollen zur Front. Menschen fliehen vom Stadtrand ins Zentrum von Goma. Sie tragen Matratzen und Kochtöpfe. Sie rennen vor den Einschlägen davon.

Die M23 hat den Krieg in Nord-Kivu vor bald vier Jahren angezettelt. Die Region ist reich an fruchtbaren Feldern und Bodenschätzen. Das Nachbarland Ruanda unterstützt die M23 mit Waffen und Soldaten. Das hat die Chefin der Blauhelm-Mission im Kongo, Bintou Keita, am Sonntag in einer Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats noch einmal bestätigt.

Mut als Überlebensstrategie

«Ich habe Angst vor einem Massaker, wenn sie kommen», sagt Paul Buyana. «Dort, wo die M23 schon ist, haben sie junge Männer umgebracht», erzählt der 27-jährige Kongolese einen Tag bevor die Miliz die Stadt einnimmt. Seit Buyana auf der Welt ist, kennt er nur Krise, ganz besonders mit dem Nachbarland Ruanda. Der Konflikt geht in die Kolonialzeit zurück. Damals teilten die belgischen Herrscher die verschiedenen Volksgruppen in der Region in Ethnien ein und hetzten sie gegeneinander auf. Die Belgier sind gegangen, die Gewalt ist geblieben. Sie gipfelte 1994 im Genozid in Ruanda. Innerhalb von drei Monaten töteten Angehörige der Hutu-Ethnie fast eine Million Tutsi.

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Auf dem Boden liegen Waffen, die den sich ergebenden Mitgliedern der Streitkräfte der Demokratischen Republik Kongo (FARDC) abgenommen wurden.Bild: keystone

Heute behauptet die M23, sie müsse die Tutsi beschützen. Nach dem Genozid sind Mörder in den Ostkongo geflüchtet. Sie haben die Miliz Forces démocratiques de libération du Rwanda (FDLR) gegründet. Die FDLR drangsaliert wie 100 andere Milizen die Bevölkerung in der Region. Der ruandische Präsident Paul Kagame wirft der FDLR vor, sie wolle sein Tutsi-Regime stürzen. Der Kongo bezichtigt Ruanda dagegen, das Nachbarland wolle sich seine Bodenschätze unter den Nagel reissen.

In jedem Fall schadet der Krieg der Wirtschaft des Landes. Das spürt auch Buyana. Er ist Tagelöhner. Aber es ist schon eine Woche her, dass er einen Job hatte. Für einen Ladenbesitzer zählte er Kisten und trug die Zahlen in eine Liste ein. An jenem Abend wurde er satt. «Jetzt ist alles kompliziert», klagt er. Wenn geschossen wird, kann er keinen Job suchen. Und die Geschäftsleute schliessen dann sowieso alle ihre Läden. Aber so bald wie möglich wird Buyaya rausgehen. Das muss sein. Er muss ja essen. Mut ist im Ostkongo eine Überlebensstrategie.

Im westlichen Stadtteil Keshero hört man die Einschläge von der Front besonders laut. Trotzdem stehen dort Autos mit blau-gelben Schleifen und mit Blumen vor einem Gelände am Kiwusee. Es wird Hochzeit gefeiert. Die Gäste singen die kongolesische Nationalhymne, Debout Congolais (Steht auf, Kongolesen). Danach spielt der DJ kongolesische Rumba. Er dreht die Musik so laut, dass sie die Explosionen übertönt. Es ist der Tag, als die Ortschaft Sake fällt, die letzte Bastion vor Goma.

Auch die Verkehrspolizisten trauen sich an diesem Tag noch auf die Strasse. Sie stehen zu zehnt an den grossen Kreuzungen in Goma, halten Autofahrer an und die Chauffeure der Motorradtaxen. Sie erpressen Geld von den Verkehrsteilnehmern. Das ist ihr tägliches Brot, weil der mickrige Lohn nicht reicht.

«Wir sind im Krieg, und die haben nichts Besseres zu tun», schimpft die Menschenrechtsaktivistin Passy Mubalama. Als ob es der Bevölkerung nicht schon schlecht genug gehe. Goma sitzt im Dunkeln, die Hauptleitungen für den Strom wurden bei Gefechten getroffen. Nur wer einen Generator hat und sich den teuren Diesel dafür leisten kann, hat noch Licht und kann sein Handy und seinen Laptop laden. Solarlampen kosten jetzt 20 Euro statt 5 Euro.

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Mitglieder der Streitkräfte der Demokratischen Republik Kongo (FARDC) sitzen nach ihrer Kapitulation vor Ruanda.Bild: keystone

Auch die Lebensmittelpreise sind in die Höhe geschnellt. Am Tag zuvor hat Mubalama für einen Bund Sombe noch 1000 kongolesische Francs bezahlt, umgerechnet 35 Cent. Am Tag nachdem Sake fällt und Goma von den landwirtschaftlichen Anbaugebieten endgültig abgeschnitten ist, kostet das Gemüse 2.50 Euro.

Bei diesen Preisen könnten sich die Menschen nicht leisten, einen Vorrat anzulegen, schimpft Mubalama. Dabei wäre das dringend nötig im Krieg. Man weiss nie, wie lange die Gefechte andauern. Niemand kann dann zum Markt gehen, um einzukaufen.

«Das ist schlecht für uns alle»

Zola Lutundula wohnt neben einem Militärcamp in Goma. Seine Kinder spielen mit den Kindern der Soldaten, die Ehefrauen sind befreundet. Jetzt haben die Militärs Angst, dass die M23 das Lager durchkämmt. Deshalb bringen sie ihr Hab und Gut zu Lutundula. «Mein Wohnzimmer ist ein Lager für Sessel, Kochtöpfe und Tische, ich weiss nicht mehr, wo ich sitzen soll», sagt er. Dabei ist seine Hütte ohnehin schon überfüllt. Er hat Verwandte aufgenommen. Sie mussten vor dem Krieg flüchten. Statt neun Personen wohnen jetzt 14 in seinem Haushalt. Lutundula muss sie alle ernähren, und das bei den teuren Preisen für Lebensmittel. Statt dreimal am Tag isst die Familie nur noch einmal, wenn überhaupt.

So geht es vielen Familien in Goma. Der Krieg hat seit Januar 400'000 Menschen aus ihren Dörfern vertrieben. Insgesamt lebt inzwischen fast die Hälfte der Bevölkerung von Nord-Kivu bei Gastfamilien oder in Lagern.

Das Leid der Bevölkerung ist das eine, der Stolz das andere. Für den Lehrer Lutundula ist das Schlimmste «diese Demütigung, dass es unsere Armee nicht geschafft hat, die Stadt zu verteidigen. Das ist schlecht für uns alle, für das ganze Volk».

«Möglichst schnell möglichst viel abkassieren»

Die Provinz Nord-Kivu unterstand bis jetzt dem kongolesischen Militär. 2021 hatte die Regierung den état de siège, den Ausnahmezustand, verhängt. Genützt hat das wenig. Die M23 besetzt nun fast die ganze Provinz und Teile der Nachbarprovinz Süd-Kivu. Es ist gut möglich, dass sie weiter im Ostkongo vorrückt und eine eigene Regierung einsetzt. Ende der Neunzigerjahre hatten die Vorgänger der M23 schon einmal Nord-Kivu beherrscht und dem Nachbarland Ruanda fünf Jahre lang als Marionette gedient.

Jetzt auf

Mag die bisherige Militärregierung in Nord-Kivu darin versagt haben, das Territorium zu verteidigen. So war sie doch erfinderisch, wenn es darum ging, Geld zu verdienen. Seit dem vergangenen Oktober muss jeder Autofahrer eine jährliche Steuer von zehn Euro, jeder Motorradfahrer eine Steuer von drei Euro bezahlen. Mit dem Geld würden die Brücken und Unterführungen unterhalten, erklärte die Regierung. Allerdings gibt es in Goma weder Brücken noch Unterführungen.

Geschäftsleute erzählen, dass ständig Steuerbeamte kämen und mehr Geld einfordern würden. «Es ist, als ob das Regime noch möglichst schnell möglichst viel abkassieren will, weil sie fürchten, die M23 wird sie bald an der Macht ablösen», sagt ein Unternehmer, der anonym bleiben will. Und so ist es jetzt wohl gekommen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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