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Storytime

Wie mein Freund es geschafft hat, den Schatten abzuschütteln

verbosus



Herzlich willkommen zu Storytime!

Weil ihr, die beste Community der Welt, in der Kommentarspalte leider sehr wenig Platz zur Verfügung habt, um ausschweifende Geschichten zu erzählen, haben wir hier ein neues Gefäss für euch: Storytime! Unter dieser Rubrik werdet ihr in Zukunft Artikel lesen, die von watson-Userinnen und Usern selbst verfasst und mit unserer Hilfe umgesetzt wurden.

Falls du jetzt denkst «Ha! Perfekt, ich habe viele spannende/lustige/aufmunternde Geschichten zu erzählen»: Weiter unten habt ihr die Möglichkeit, selbst etwas einzureichen.

Und jetzt: Viel Spass beim Lesen!

Im Januar 2019 wollte mein Freund nicht mehr leben. Der Suizid war akribisch geplant, aber die Dauerkifferei hatte ihn lethargisch gemacht. Bevor er zur Tat schritt, gab er sich eine letzte Chance und suchte Hilfe im Notfall des Berner Inselspitals. Er verbrachte die nächsten paar Wochen in stationärer Akutpsychiatrie, gefolgt von einigen Monaten in einem Ambulatorium.

Nach längerer Funkstille treffe ich meinen Freund in seiner kleinen, spartanisch möblierten und noch immer eher schmucklosen Einzimmerwohnung. Sie liegt im Holligenquartier, nahe des heruntergekommenen Loryplatzes in Bern. Wir sitzen am kleinen, wackligen Küchentisch auf reichlich unbequemen Ikeastühlen, trinken Leitungswasser und reden. Es ist Spätsommer 2019 und mein Freund hat das Gröbste der letzten Monate hinter sich. Er wirkt aufgeräumt und lebensfroh, trägt seine Lieblingskombi: Graue Jeans und schwarzes Langarmshirt.

Liebe

«Weisst Du, ich dachte immer, meine eigenen Bedürfnisse seien irrelevant. Ich hatte früh gelernt, wie man Liebe und Aufmerksamkeit primär bekommt, indem man die Bedürfnisse und Erwartungen anderer befriedigt, seine Rolle als Kind richtig spielt: Bloss nicht stören. Beim Vater war wenig zu holen, er lebte in seiner eigenen Welt aus Beruf und Hobbys. Ich glaube, sein Motiv für die Zeugung zweier Kinder ist die naive Gewissheit gewesen: ‹Mann muss Familie gründen›. Oder vielleicht war mein Bruder einfach nur ein Un- und ich dann der zwingende Folgefall. Auch bei Mutter war Zuneigung kaum zu kriegen, der Alkoholismus absorbierte sie weitgehend. Nach aussen wahrten wir aber sorgsam den Schein einer intakten Familie und funktionierten – als diesen Zweck heiligende Mittel – glücklos vor uns hin.»

Mein Freund denkt nach. «Keine Ahnung, ob mir da meine Erinnerung einen bösen Streich spielt, aber ich kann in mir keinerlei Indizien abrufen, dass mich meine Eltern liebten. Ich glaube zwar zu wissen, dass das immer der Fall gewesen ist, richtig zu spüren bekommen habe ich es aber leider nur selten. Trotzdem mache ich ihnen keinen Vorwurf, hege keinen Groll. Sie sind keine schlechten Menschen, sie konnten es wohl einfach nicht besser.»

Es macht mich traurig, meinen Freund so reden zu hören. Gleichzeitig bin ich erleichtert, dass er inzwischen die Ursachen durchschaut, die aus ihm dieses selbstwertarme, leise und zuverlässig drehende Zahnrädchen der Gesellschaft gemacht hatten. Ein Zahnrädchen, das meist nur dann halbwegs glücklich war, wenn es in einem Zweiergetriebe drehte: In Partnerschaften hatte er jeweils einen Menschen, auf den er sich fokussieren, dessen Bedürfnisse und Erwartungen er befriedigen durfte. Das verschaffte ihm die Liebe, Wärme und Nähe, die ihm als Kind nur allzu oft verwehrt geblieben waren, quasi sein Lebenselixier. Offensichtlich hat er nun aber auch verinnerlicht, wie eine übersteigerte Selbstvergessenheit in einem vollendeten Selbstverlust münden kann.

Erfolg

Mein Freund ist nicht auf den Kopf gefallen. In Grundschule, Berufslehre und später an der FH holte er ohne substanzielle Anstrengungen, aber auch ledig jeder eigenen Wertschätzung, sehr gute Noten ab. Beruflich machte er einen vernünftigen Schritt nach dem anderen. Heute arbeitet als Projektleiter bei einer kleineren Softwarefirma und verdient gutes Geld. Man kann also mit Fug sagen: Er ist erfolgreich.

«Was heisst schon ‹erfolgreich›? Wozu ist beruflicher Erfolg denn gut, wenn man im privaten Menschsein versagt? Ich hatte nie einen Plan, was ich mit diesem merkwürdigen Leben anstellen sollte, weder jobmässig noch abseits. Wobei es in der Arbeitswelt für mich ohnehin relativ einfach ist: Ich konnte schon immer gut mit Zahlen und Worten umgehen, bin recht schnell von Begriff. Mit einem so in die Wiege gelegten Rüstzeug und ein paar Diplomen kriegt man in unserem Wirtschaftssystem leicht eine gut bezahlte Arbeit. Aber mir hat das nie viel bedeutet. Irgendwie muss man ja die Rechnungen bezahlen. Mein Problem war, dass ich neben dem Beruf nicht wusste, was ich tun sollte, weil mir meine eigenen Bedürfnisse ein Rätsel waren. Den Frust darüber tötete ich vor allem mit Kiffen ab. Dadurch wurde der dunkle Schatten zur watteweichen Leere und die Selbstkritik verstummte. Und so war auch schnell wieder Montag und ich durfte zurück ins Hamsterrad und funktionieren.»

Glück

Ich frage meinen Freund, was ihn letztlich davon abgehalten hatte, den geplanten Suizid zu vollziehen und wie es denn überhaupt so weit hatte kommen können. «Ach, im Verdrängen negativer Emotionen bin ich ein Weltmeister, das ist vermutlich ein Effekt meiner familiären Prägung: Wenn du als Kind nicht bekommst, was du so dringend bräuchtest, dann setzt wohl ein Überlebensmechanismus ein, der die Psyche zu begradigen versucht. Das ist zumindest meine Theorie. Der Nachteil ist halt, dass man vom Verdrängten nur wenig mitkriegt – und irgendwann ist das Depri-Fass dann übervoll und es geht einfach nicht mehr. Das Zünglein an der Waage war bei mir, dass ich im letzten Winter von einer Frau, die ich sehr gemocht und der ich voll vertraut hatte, auf ziemlich üble Weise verlassen worden war. Das fand ich dermassen ungerecht, dass ich dann zum Schluss kam ‹okay, es reicht jetzt, ich mag nicht mehr›. Aber nun bin ich ja doch noch hier. Ironischerweise dank derselben Eigenschaft, die überhaupt erst zum ganzen Eklat geführt hatte: Ich stellte die eigenen Bedürfnisse nochmals hintenan, wollte meine Mitmenschen davor bewahren, irgendwie mit meinem Suizid umgehen zu müssen.»

Wie es ihm denn heute gehe, frage ich. «Der Schriftsteller Thomas Meyer sagte mal in einem Interview: ‹Glück ist eine Subtraktionsrechnung: Man muss alles aus dem Leben rausschmeissen, was einen unglücklich macht. Und zurück bleibt dann eben Glück.› – Dieser Devise versuche ich nun zu folgen. Das Betäuben lasse ich bleiben und möglichst auch alles andere, was mir schaden könnte. Glück finde ich im Singen, der Musik, dem Lesen und Schreiben, Brett- und Kartenspielen, in der Natur, im Zusammensein mit Menschen, die mir lieb und teuer sind. Ich lerne noch immer, wer ich bin und was ich brauche, und manchmal gibt’s auch Tiefs, aber die Richtung stimmt.»

Mein Freund hat die Kurve endlich gekriegt, das ist gut so.

Ich bin mein Freund.

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Abschliessend:
Liebe Leute, deren Kommentare ich leider nicht mehr einzeln beantworten konnte (und auf diesem Wege auch nochmals an alle anderen): vielen herzlichen Dank für eure netten, einfühlsamen und aufmunternden Worte. Ihr seid grossartig – und nicht zuletzt dank euch ist auch watson grossartig.

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Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
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Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
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