Das Internet diskutiert seit Wochen über die neue «Musk»-Doku – das steckt dahinter
Am Wochenende war es endlich so weit. Die langersehnte und heiss diskutierte Dokumentation «Musk» über den Unternehmer wurde in den USA in ausgewählten Kinos das erste Mal einem breiten Publikum auf der Leinwand gezeigt. Zuvor feierte die Dokumentation am Filmfestival in Venedig Premiere und wurde auch zwei Mal am Zurich Film Festival gezeigt.
Es ist eine rund vierstündige Dokumentation über den reichsten Mann der Welt, der vor Skrupellosigkeit nicht zurückschreckt und dessen Machtfantasien unerschöpflich wirken.
Musks Aufstieg wird ausführlich und gründlich dargestellt, von seinen Anfängen bis hin zu seiner Arbeit bei DOGE nach dem Wahlsieg von Donald Trump.
Der erste Teil der Dokumentation zeichnet den biografischen Weg Musks an die Spitze der kapitalistischen Welt nach, mit spezifischem Blick auf die für seine Fans und Unterstützer heilige Dreifaltigkeit, bestehend aus den Unternehmen Starlink, SpaceX und Tesla.
Im zweiten Teil wird es kritischer – dem Zuschauer wird je länger je mehr das Bild eines egozentrischen, zum Teil manischen und unberechenbaren Mannes gezeigt, der von sich selbst behauptet, dass seine einzige limitierte Ressource die Zeit sei.
Bezeichnend dafür ist die Posse rund um Tesla. Musk selber bezeichnet sich als Gründer des Unternehmens. Doch zum Zeitpunkt des Handelsregistereintrags stand sein Name nicht darin. Die Bezeichnung hat er sich später juristisch erstritten, wie der Ingenieur Martin Eberhard in der Doku erzählt. Obwohl Musk diesem einst zugesichert hatte: «Niemand kann dir nehmen, dass du der Gründer von Tesla bist.»
Der Mann hinter der «Musk»
Die Dokumentation stammt aus den Händen von Oscar-Gewinner Alex Gibney («Taxi zur Hölle», «Der Enron-Bankrott – Die ganz schlauen Burschen» oder «Scientology: Ein Glaubensgefängnis»).
Ursprünglich war eine rund zweistündige Dokumentation über Musk angedacht. Doch als dieser anfing, bei den Präsidentschaftswahlen 2024 mitzumischen, schlugen Führungskräfte bei HBO vor, dass er die Geschichte weiterverfolge. Und das tat Gibney.
Mehrmals versuchten die Verantwortlichen, Musk von einer Teilnahme an der Doku zu überzeugen: «Unsere Produzentin Jessie Deeter kannte ihn bereits aus zwei früheren Filmen. Sie hatte seine Handynummer. Sie hatte eine E-Mail-Adresse. Also haben wir Kontakt aufgenommen. Sie schrieb ihm mal eher umgangssprachliche, mal sehr detaillierte Nachrichten darüber, wie sehr wir an seiner Sichtweise interessiert waren», erzählt Gibney der New York Times.
Doch reden wollte Musk mit dem Regisseur nicht. Stattdessen lässt Gibney ihn als KI-generierten Avatar immer wieder zu Wort kommen.
Musk selber liess sich auf X vor einigen Wochen zu einer Tirade gegen Gibney verleiten und nannte diesen unter anderem einen «Douche», also einen Idioten. Die Doku bezeichnete er als «Hit-Piece» und suggerierte, dass der Film einseitig und eine Schmutzkampagne sei. Unter anderem dieses Geplänkel auf Social Media führte bereits vor der Veröffentlichung zu viel Gerede, noch bevor die Dokumentation ausgestrahlt wurde.
@cb_doge Gibney is a douche
— Elon Musk (@elonmusk) October 2, 2023
Ebenfalls die Gerüchteküche befeuert haben die grossen Techunternehmen Meta und YouTube, wie Gidney der NYT weiter erzählt. Denn als man Werbung auf Social Media für die Dokumentation habe schalten wollen, sei diese «mit der Begründung abgelehnt worden, es handle sich um politische Werbung». Jegliche Einsprache sei von Meta und Co. abgelehnt worden.
Erst als der «Hollywood Reporter» darüber berichtete, wurde die Werbung zugelassen mit der Begründung, das sei ein Fehler gewesen.
Die Frauen im Mittelpunkt
Zwei Frauen spielen in der Dokumentation eine besondere Rolle: die erste Frau von Musk, Justine Musk, sowie seine Ex-Freundin Ashley St. Clair. Beide kommen in der Dokumentation zu Wort und geben tiefe Einblicke in die Privatsphäre von Musk.
Die Rolle von Ashley St. Clair wurde vor der Ausstrahlung vielfach diskutiert. Die mittlerweile 28-jährige Influencerin hat als MAGA-Befürworterin auf X Bekanntheit erlangt, bis sie schliesslich das Lager wechselte. 2024 bekam sie von Musk ein Kind.
Befeuert hat die Kontroverse um St. Clair vor allem ein Artikel des US-Klatschportals TMZ, der behauptet, ihr seien 40 Millionen Dollar geboten worden, damit sie nicht in der Doku auftritt. Dies und damit das Geld habe St. Clair jedoch abgelehnt. Über das Angebot hat sie später auch bei den Filmfestspielen in Venedig geredet, Musk bestreitet jedoch, jemals ein solches unterbreitet zu haben.
In einem Interview mit der «New York Times» führte St. Clair vor wenigen Tagen ihre Beweggründe, in der Dokumentation mitzuwirken, wie folgt aus:
Unter anderem zeigt St. Clair in der Dokumentation auch einen Nachrichten-Austausch mit Musk am Tag der US-Wahlen 2024. Darin sagte er, dass er schon Stunden vor Bekanntwerden des Resultats gewusst habe, das Trump gewinnen wird. Zudem suggeriert sie im Interview mit Regisseur Gibney, dass Musk und DOGE während der Tätigkeit für die Trumpregierung Zugang zu detaillierten Daten über US-Bürgerinnen und US-Bürger gehabt hätten – und dass dies von Musk leicht hätte missbraucht werden können. Diesem Missbrauch offen beschuldigen will sie ihn aber im Interview mit der New York Times nicht.
Aber nicht nur St. Clair gibt in der Dokumentation persönliche Einblicke zur Beziehung mit Musk, auch Elons erste Frau, Justine, kommt zu Wort. Diese erzählt zum Beispiel, wie Musks Entourage seine Frauen als Brüterinnen bezeichnet. (Musk selber sagte gemäss St. Clair einst, dass er eine Schar Nachkommen brauche, bevor der Bürgerkrieg losgehe.)
Justine Musk erzählt in der Doku auch viel über die charakterlichen Züge des reichsten Mannes der Welt. Wie er sich zu einem der bekanntesten und umstrittensten Unternehmer der Gegenwart entwickelt und wie er von Anfang an klargemacht habe, dass er sich als Chef in der Beziehung sehe. So erzählt sie beispielsweise von ihrer Hochzeit, als Musk zu ihr sagte, er sei der «Alpha-Mann». Und dass er, wenn sie sich gestritten hätten, ihr immer das Gefühl gegeben habe, sie wäre im Unrecht.
In den Reviews werden die zwei Frauen als «vernichtenste Passagen» im Film bezeichnet. Die New York Times schreibt: «Diese Gespräche sind so aufschlussreich, weil sie einen Einblick in das geben, was hinter den Kulissen vor sich geht, und zumindest versuchen, seine Psyche zu erklären.»
Was bleibt?
Doch es gibt auch Kritik an der Dokumentation. Viele, die den Film gesehen haben und das Leben von Musk verfolgt haben, sagen, dass man grundsätzlich nichts Neues erfahre über einen Mann, der seit Jahren im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht. Das «Was» werde erklärt, aber nicht das «Warum», schreibt zum Beispiel das SRF.
Zwar attestieren Kritikerinnen und Kritiker dem Film oft, dass er sehr gründlich recherchiert sei. Grosse Enthüllungen würden jedoch fehlen. Einzig bereits bekannte Kontroversen würden aufgewärmt werden, so der Tenor.
Wer den Film in der Schweiz sehen und sich ein eigenes Bild machen will, muss sich allerdings noch etwas gedulden. Noch ist kein offizieller Kino-Starttermin bekannt.
