Warum Musk gefährlicher ist als Trump
Das wohl grösste Missverständnis über Elon Musk stellt ihn als Libertären dar, als jemanden, der wie einst Christoph Blocher den Staat in Gurkensalat verwandeln will. In ihrem sehr lesenswerten Buch «Muskismus» zeigen Quinn Slobodian und Ben Tarnoff auf, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Im Gegensatz zu den zahlreichen Libertären, die es in der kalifornischen Tech-Szene tatsächlich gibt, wollte und will Musk den Staat nicht beseitigen. Stattdessen will er ihn zu «einem Vasallen machen, der seine Befugnisse nur wahrnehmen kann, indem er Dienstleistungen eines Monopolanbieters erwirbt», wie Slobodian/Tarnoff feststellen.
Quinn Slobodian ist Professor für Internationale Geschichte an der Boston University. Ben Tarnoff ist Autor und schreibt regelmässig über die Tech-Szene.
Ursprünglich genoss Musk sehr viele Sympathien auf der progressiven Seite. Mit Tesla hat er schliesslich einen bedeutenden Meilenstein auf dem Weg zu einer grünen Revolution gesetzt. Dabei hat ihm der Staat kräftig unter die Arme gegriffen. Es war Barack Obama, der Tesla 2008 einen Kredit in der Höhe von 450 Millionen Dollar gewährt hat, und ohne diesen Kredit hätte der Elektroauto-Pionier nicht überlebt.
Auch indirekt hat Tesla massiv vom Staat profitiert. In Kalifornien gibt es ein sogenanntes Zero-Emission-Programm für Autos, will heissen: Wer zu viel CO2 in die Luft bläst, muss bei anderen Unternehmen Credits erwerben, eine Art Ablasshandel. «Auf dem Höhepunkt 2024 erzielte Tesla rund 40 Prozent seiner Nettoeinnahmen mit dem Verkauf von Credits», so Slobodian/Tarnoff.
Selbstredend spielt der Staat auch bei SpaceX eine zentrale Rolle. Ohne ihn wäre die von Musk geplante Cyber-Wirtschaft nicht möglich.
Mit Tesla wurde Musk zu einem Vorzeigeschüler im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Politisch äusserte er sich kaum, und wenn er spendete, dann für die Demokraten. Er profitierte auch davon, dass Peak Oil – die These, dass der Höhepunkt der Erdölförderung bereits überschritten sei – damals ein viel diskutiertes Thema war. Elektroautos waren deshalb nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich auf dem richtigen Weg.
Dann kam Fracking. Die USA verwandelten sich fast über Nacht von einem Importeur von fossilen Brennstoffen zum grössten Produzenten von Öl und Gas. Das veränderte auch das Bewusstsein von Musk. «Die Zuversicht wich einem dystopischen Bild der Zukunft», so Slobodian/Tarnoff. «Die humanitäre Rhetorik der Obama-Jahre trat in den Hintergrund. Die Klimakrise und die daraus resultierenden Konflikte machten die Welt zu einem erbarmungslosen Ort, und nicht alle Menschen würden überleben.»
Auch Tesla wurde weit mehr als ein Mittel, Menschen umweltfreundlich zu befördern. «Das Auto ist kein Werkzeug für den Fahrer mehr, sondern eine Maschine, deren Intelligenz den Fahrer überflüssig machen könnte. In der Fabrik wird die menschliche Arbeit nicht mehr organisiert, sondern beseitigt», schreiben Slobodian/Tarnoff.
In Musk wuchs die Überzeugung, dass man sich in dieser Welt nur mit Hilfe der Technik behaupten kann. «Um zu siegen, musst du dich an die Maschine anschliessen, und du darfst dich nie wieder ausloggen», so Slobodian/Tarnoff. Die Gefahren der neuen Technologien wiederum lassen sich nur mit noch mehr Technologie in den Griff bekommen.
Die Konsequenz, die Musk daraus zog, war der Cyborg, eine Mischung aus Mensch und Maschine. «So sollte eine Spezies entstehen, die ihre eigenen technologischen Schöpfungen überleben konnte, indem sie sich zu etwas entwickelte, das nicht mehr von diesen Technologien zu unterscheiden war», so Slobodian/Tarnoff.
Für den in Südafrika und der Apartheid aufgewachsenen Musk gilt dies allerdings nicht für alle Menschen. Slobodian/Tarnoff formulieren das wie folgt: «Die Menschheit soll eins mit der Maschine werden – aber nur, solange sie nach Geschlecht, Ethnie und Klasse unterteilt bleibt. Man könnte dieses Programm als Cyborg-Konservatismus bezeichnen.»
Aus dem ehemaligen grünen Vorzeigeschüler Musk ist ein übler Rassist geworden, der rechtsextreme Bewegungen unterstützt, sich für die Theorie des «grossen Austauschs» erwärmt und Remigration befürwortet. Seine Weltanschauung, der Muskismus, ist zu einem Paradox geworden: zu einer nationalistischen Internationale.
Im Muskismus wird der Mensch zum Cyborg, der Staat zu einem Algorithmus. «Wenn wir uns mit unseren Maschinen verschmelzen, können sämtliche Bestandteile der menschlichen Erfahrung programmiert werden», so Slobodian/Tarnoff. «Und das bedeutet, dass alles neu programmiert werden kann – einschliesslich des Staates.»
Deshalb hat Musk Doge, das Programm zur Entrümplung der staatlichen Verwaltung verstanden als eine Art Reparatur einer defekten Software. «Wenn der Staat lediglich eine Datenbank war, dann hatte die Ineffizienz ihren Ursprung in schlechten Daten: Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis, Beschäftigte, die es nicht gab, Vampire, die Sozialhilfe kassierten», so Slobodian/Tarnoff.
Bekanntlich ist Musk mit DOGE jämmerlich gescheitert. Seine Überzeugung hat er deswegen nicht geändert. «Das Endziel war eine KI-Regierung», so Slobodian/Tarnoff. «Der Staat sollte nicht länger ein Ort der Deliberation sein, sondern sich in Zeilen ausführbarer Programmcodes verwandeln.» Und: «Der Muskismus wollte nicht einfach die Budgets zurechtstutzen. Auf die gesamte Gesellschaft angewandt, wollte er jene aussortieren, die als überflüssig betrachtet werden.»
Mit dem Börsengang von SpaceX ist der reichste Mann der Welt nochmals unendlich viel reicher geworden. Damit ist er auch seinem Ziel, sich den Staat als Vasallen untertan zu machen, einen grossen Schritt nähergekommen. Ohne Musk wird es keine zweite Mondlandung geben und keine Cyber-Wirtschaft.
Der erste Griff nach der Macht als «Schattenpräsident» von Donald Trump ist Musk missglückt. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Trump hat keine weltpolitische Überzeugung, ihm reicht es, stets in aller Munde zu sein und möglichst viel Geld zusammenzuraffen. Musk hingegen will nicht nur den Mars besiedeln, er will auch neu interpretieren, was es heisst, ein Mensch zu sein. Er will einen autoritären, KI-gesteuerten Staat mit ihm als Technokönig an der Spitze.
Um es in der Metapher des legendären Sci-Fi-Films «The Matrix» zu veranschaulichen: Dort geht es darum, eine künstliche Scheinwelt, eine Matrix, zu zerstören, um wieder ein Mensch zu werden. Oder wie Slobodian/Tarnoff es formulieren: «Musk hingegen ist insofern ein Einzelgänger, als er in der Matrix nicht das Problem, sondern einen Teil der Lösung sieht. Letztlich geht es dem Muskismus darum, eine bessere Matrix zu bauen.»
