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Trümmer der abgeschossenen Maschine bei Grabowe in der Ostukraine.
Trümmer der abgeschossenen Maschine bei Grabowe in der Ostukraine.Bild: MAXIM ZMEYEV/REUTERS
Abgehörte Telefonate der möglichen Täter

«Und, wie sieht es bei euch aus?» – «Kurz gefasst, es ist eindeutig ein Zivilflugzeug»

Flug MH17 der Malaysia Airlines stürzte am Donnerstagabend in der Ostukraine beim kleinen Dorf Grabowe ab. Vermutlich abgeschossen mit einem Flugabwehrraketen-System vom Typ BUK russischer Bauart. 298 Menschen starben. Wer könnte hinter dem Abschuss stecken? Eine Indiziensuche.
18.07.2014, 11:1028.04.2015, 07:47

Am Morgen nach dem Absturz von Flug MH17 sind viele Fragen offen – eines scheint aber klar: Für den Abschuss eines Linienflugzeugs auf 10'000 Meter Reiseflughöhe gibt es in der selbst ernannten «Volksrepublik Donezk» nur eine Waffe: das Flugabwehrraketen-System BUK, dessen modernste Version als SA-17 Grizzly bekannt ist.

Seit 1980 ist das BUK-System (russisch für «Buche») in den Streitkräften der Sowjetunion und ab 1991 in deren Folgestaaten im Einsatz. Russland verfügt über 250 BUK, die Ukraine über 60 dieser auf gepanzerten Fahrzeugen montierten Flugabwehrraketen-Systeme. Das BUK-System wird zur Abwehr von Kampfflugzeugen, Hubschraubern sowie Marschflugkörpern eingesetzt.  

Flugabwehrraketen-System BUK M1.
Flugabwehrraketen-System BUK M1.Bild: Wikipedia/.:Ajvol:.

Für den Einsatz des Flugabwehrraketen-Systems BUK braucht es mindestens drei Fahrzeuge: Einen Suchradar, ein Kommandofahrzeug sowie ein Transportfahrzeug als mobile Raketenstart-Rampe für die Lenkwaffen und für den Feuerleit-Radar. In nur fünf Minuten kann das BUK an jedem beliebigen Ort in Startbereitschaft gebracht werden. Die Reaktionszeit von der Zielerfassung bis zum Abfeuern der Rakete beträgt 22 Sekunden. 

Der Feuerleit-Radar «bestrahlt» dabei das Ziel und die Rakete folgt den vom Flugzeug reflektierten Mikrowellen. Die Raketen des BUK-Systems tragen einen 70 Kilogramm schweren Fragmentations-Gefechtskopf, der wenige Meter vor dem Flugzeug von einem Radar-Näherungszünder ausgelöst wird. Das Flugzeug wird von den Fragmenten durchlöchert und stürzt ab.

Die ukrainische Armee hat im Donezk kein Flugabwehrraketen-System BUK

Die prorussischen Separatisten in der selbst ernannten «Volksrepublik Donezk» haben keine Flugzeuge. Deshalb hat die ukrainische Armee gemäss Einschätzung von Militärexperten in der Krisenregion kein Flugabwehrraketen-System BUK im Einsatz.

Da ein solches System mindestens drei grosse und auffällige Fahrzeuge braucht, hätten es prorussische Sympathisanten sicher bemerkt und mit Fotos und Videos dokumentiert.

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Prorussische Truppen eroberten ein BUK-System

Am 29. Juni eroberten prorussische Separatisten die ukrainische Militärbasis A-1402. Dabei erbeuteten sie ein Flugabwehrraketen-System BUK und ein mobiles Radarsystem vom Typ KUPOL (russisch «Kuppel»), das Ziele in einem Radius von 160 Kilometern orten kann.

Dies berichteten staatliche russische Medien wie die Nachrichtenagentur ITAR-TASS und das Auslands-Radio «Stimme Russlands» am gleichen Tag. Die Meldungen sind heute noch im russischen Internet zu lesen. Auch der Twitter-Account der «Volksrepublik Donezk» berichtet stolz von der Beute. Dieser Tweet wurde sofort gelöscht, nachdem sich herausstellte, dass die abgeschossene Maschine eine zivile Boeing 777 ist, wir konnten den Tweet aber mit Screenshots sichern.

Mittlerweile gelöschter Tweet meldet Eroberung eines BUK-Systems.
Mittlerweile gelöschter Tweet meldet Eroberung eines BUK-Systems.Screenshot: Twitter
ITAR TASS bestätigt die Eroberung eines BUK-Systems.
ITAR TASS bestätigt die Eroberung eines BUK-Systems.Screenshot: ITAR TASS

Nur wenige Stunden vor dem Abschuss von Flug MH17 beobachteten wiederum Anwohner in der Kleinstadt Tores dieses Flugabwehrraketen-System gleich hinter einem Einkaufszentrum und dokumentierten es mit Fotos und Videos. Tores liegt nur 10 Kilometer vom späteren Absturzort entfernt. 

Sichtung eines BUK-Systems in Tores
Sichtung eines BUK-Systems in ToresScreenshot: Twitter
BUK-System in Snischnoe, einem Nachbarort von Tores. 
BUK-System in Snischnoe, einem Nachbarort von Tores. Screenshot: Twitter

Der Abschuss von Flug MH17

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Flug MH17 war unterwegs von Amsterdam nach Kuala Lumpur in einer Reiseflughöhe von 10'000 Meter. Um 16.19 Uhr Lokalzeit verschwindet die Maschine über der Ostukraine vom Radar. Minuten später fallen Trümmerteile über die Bauernhöfe beim Dorf Grabowe, rund 50 Kilometer westlich der russischen Grenze. 

Bauern und Landarbeiter sind die ersten Augenzeugen, welche zur Absturzstelle eilen. Sie finden zum Teil riesige Trümmerteile, Gepäckstücke, Reisedokumente – und die Leichen der Passagiere und Besatzungsmitglieder.

Separatisten vermelden den Abschuss eines Flugzeugs

Seit Tagen toben in dieser abgelegenen Region besonders schwere Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee. Besonders umkämpft sind das Städtchen Snischnoe, ein Nachbarort von Tores, Jenakijewo, Rassypnoje – und das Dorf Grabowe, wo sich die Absturzstelle befindet. Die Gemeinden liegen jeweils keine zehn Kilometer voneinander entfernt.

Schon Minuten nach dem Absturz meldet das Kreml-nahe Webportal «Lifenews» stolz den Abschuss eines Militärflugzeugs: Die Separatisten hätten eine ukrainische Maschine des Typs AN-26 «um 16.30 Uhr Lokalzeit in der Nähe des Dorfes Rassypnoje abgeschossen».

Wenige Minuten später meldet sich im «russischen Facebook» Vkontakte auch der lokale Kommandant der prorussischen Separatisten. Igor Strelkow hat in Vkontakte 130'000 Follower, die um 16.50 Uhr Lokalzeit lesen können: «Gerade haben wir ein AN-26-Flugzeug abgeschossen. Die Trümmer liegen irgendwo hinter dem Kohleschacht Progress herum. Wir haben doch gewarnt: Fliegt nicht durch unseren Himmel.»

Strelkows Meldung mit den Videos
Strelkows Meldung mit den VideosScreenshot: VKontakte
Strelkow berichtet auf Twitter vom Abschuss einer AN-26.
Strelkow berichtet auf Twitter vom Abschuss einer AN-26.Screenshot: Twitter

Strelkow veröffentlicht auch zwei Videos: «Schön, die Menschen freuen sich», sagt der russische Kameramann im Off, der davon ausgeht, dass ein ukrainisches Transportflugzeug vom Typ Antonow AN-26 abgeschossen wurde.

Kurz darauf stellt sich heraus, dass die abgeschossene Maschine keine ukrainische AN-26 ist, also kein militärisches Transportflugzeug, sondern eine zivile Boeing 777. «Lifenews» und Igor Strelkow löschten ihre Meldungen und Videos sofort, wir konnten sie aber mit Screenshots sichern.

Heute morgen sind im russischen Internet aber noch die Meldungen der staalichen russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti und des Kreml-nahen Propagandasenders «ANNA News» zu finden, die beide vom Abschuss einer ukrainischen AN-26 berichten.

Meldung von «ANNA News»
Meldung von «ANNA News»Screenshot: Youtube
Artikel auf RIA Novosti.
Artikel auf RIA Novosti.Screenshot: RIA Novosti

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Telefongespräche der prorussischen Separatisten über das abgeschossene Flugzeug

Wenige Stunden nach dem Absturz veröffentlicht die ukrainische Regierung ein Video mit dem Mitschnitt von Telefongesprächen der prorussischen Separatisten über das abgeschossene Flugzeug.

Audio-Mitschnitt der Telefongespräche.Video: Youtube/kujou jason

Im ersten Telefongespräch hört man den selbst ernannten «Oberstleutnant» Igor Bezler, der 2012 von der Stadt Horliwka wegen Korruption entlassen wurde und danach als lokaler «Mafiaboss» Karriere machte. Um 16.40 Uhr Lokalzeit berichtete Igor Bezler seinem Vorgesetzten Wassilij Geranin, Oberst des Aufklärungsdienstes GRU des russischen Generalstabs: 

Bezler: «Eben hat man ein Flugzeug abgeschossen. Die Gruppe von ‹Miner›. Die Maschine ist hinter Jenakijewo abgestürzt». 

Geranin: «Piloten, wo sind die Piloten?»

Bezler: «Wir sind unterwegs, das abgeschossene Flugzeug zu fotografieren.»

Geranin: «Wie viele Minuten sind seit dem Abschuss vergangen?»

Bezler: «Ungefähr 30 Minuten.» 

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Nachdem die prorussischen Separatisten den Absturzort untersucht hatten, stellten sie fest, dass sie ein ziviles Flugzeug abgeschossen haben:

Grek: «Ja, Major.»

Major: «Es ist so, dass die vom Posten Tschernuchino geschossen haben. Die Kosaken, die bei Tschernuchino stehen. Das Flugzeug fiel in der Luft auseinander, die Trümmerteile fielen bei der Kohlengrube Petropawloskaja runter. Wir haben einen ersten Toten entdeckt, er trägt Zivilkleidung.»

Grek: «Und, wie sieht es bei euch aus?»

Major: «Kurz gefasst, es ist eindeutig ein Zivilflugzeug.»

Grek: «Gibt es viele Zuschauer dort?»

Major: «Scheissviele! Die Bruchstücke fielen einfach auf die Bauernhöfe hier runter.»

Grek: «Welcher Flug?»

Major: «Konnte ich bis jetzt nicht abklären. Ich war noch nicht beim Haupt-Trümmerteil. Ich bin jetzt dort, wo die ersten Leichen hingefallen sind. Dort sind Reste von Flugzeugsesseln und Konsolen. Und viele Leichen.»

Grek: «Gibt es irgendwelche Waffen

Major: «Überhaupt nichts. Nur zivile Dinge wie Medikamente, Handtücher und Toilettenpapier.»

Grek: «Gibt es irgendwelche Dokumente?»

Major: «Ja, Den Ausweis eines Studenten aus Indonesien. Von der Thompson-Universität.» 

Im dritten Gespräch vermutet ein prorussischer Milizionär, das zivile Flugzeug habe «Spione» transportiert:

Milizionär: «Dieses Flugzeug, das bei Snischnoe-Tores abgeschossen wurde; es hat sich herausgestellt, dass es eine Passagiermaschine war. Es kam ausserhalb von Grabowe runter, da sind viele Leichen von Frauen und Kindern. Die Kosaken sind dort und schauen sich das an.»

Milizionär: «Am Fernsehen sagen sie, es sei eine ukrainische AN-26, eine Transportmaschine. Aber der Schriftzug ist ‹Malaysian Airlines›. Was machte es über dem Gebiet der Ukraine?»

Kositzyn: «Na, dann hat es Spione gebracht. Warum zur Hölle sind die hier geflogen? Hier ist Krieg.»

Wohin führt die Indiziensuche?

Die im russischen Internet gesammelten Indizien sprechen am Morgen nach dem Absturz von Flug MH17 dafür, dass es einen logistischen, geografischen und chronologischen Zusammenhang gibt zwischen dem vermeintlichen Abschuss des ukrainischen Transportflugzeugs vom Typ Antonow AN-26 und dem realen Abschuss von Flug MH17.

Möglich, dass die prorussischen Separatisten die zivile Boeing 777 für ein militärisches Transportflugzeug hielten. Dazu muss man aber schon halb blind sein: Die Antonow AN-26 ist nur 24 Meter lang mit einer Flügelspannweite von 29 Metern, während die Boeing 777 rund 64 Meter lang ist mit einer Flügelspannweite von 61 Metern. 

Grössenvergleich zwischen einer Boeing 777-200 und einer Antonow AN-26. 
Grössenvergleich zwischen einer Boeing 777-200 und einer Antonow AN-26. Bild: the-blueprints.com

Zudem haben diese Flugzeuge völlig unterschiedliche Radar-Kennungen und eine AN-26 kann mit 8400 Meter Dienstgipfelhöhe nie so hoch fliegen wie die Boeing 777 mit 10'000 Meter Reiseflughöhe.

Was auch immer der Grund für den Abschuss von Flug MH17 war – für die Angehörigen der 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder ist es eine Tragödie. 

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