Musig im Pflegidach

Lightbox @ Musig im Pflegidach, Muri

Lightbox @ Musig im Pflegidach, Muri

Lightbox bringt das Pflegidach zum Leuchten

Eine einfache Turnhalle, dicht gefüllte Reihen, zwei kleine blaue Lichter an der Decke und doch liegt an diesem Abend etwas Besonderes in der Luft. Im Pflegidach endet die 24. Saison von «Musig im Pflegidach». Alle Plätze sind besetzt, das Publikum wartet gespannt. Man spürt sofort: Das hier ist nicht einfach ein weiteres Konzert. Es ist ein Abschluss. Ein Abend, an dem Musik, Kunst und Erinnerung zusammenkommen.
04.08.2026, 00:0006.08.2026, 10:18
Sharmitha Baskaran & Sivasajini Anpalagan

Bevor die Band Lightbox überhaupt den ersten Ton spielt, beginnt der Abend bereits auf eine andere Weise: mit den Zeichnungen von Stasia Kremer. Ihre Ausstellung zeigt Live-Skizzen von Musikerinnen und Musikern, die bei vergangenen Konzerten auf der Bühne standen. Viele Besucherinnen und Besucher bleiben vor den Bildern stehen, schauen genau hin, erkennen Bewegungen, Körperhaltungen, Momente. Es sind keine starren Porträts, sondern eingefangene Musik.

Uns ist Stasia Kremer bereits von dem ArtsDay an der Kantonsschule Wohlen bekannt. Dort begegnet man Kunst oft direkt, nah und persönlich, genau so wirken auch ihre Zeichnungen. Sie selbst beschreibt das Live-Sketching als Hobby, fast aber auch als «Droge». Wenn sie zeichnet, folgt ihre Hand der Musik, dem Rhythmus, den Gesichtern und den Instrumenten. Man merkt: Diese Bilder entstehen nicht nebenbei. Sie entstehen mitten im Klang.

Für Kremer ist es die zweite Ausstellung im Pflegidach. Als wir sie fragten, wie es sich anfühlt, ihre Bilder hier zu sehen, sagte sie sinngemäss, es sei für sie ein Zeichen, etwas abschliessen zu können. Die Bilder hier auszustellen, bedeute ihr Ordnung, ein inneres Sortieren, damit sie weitermachen könne. Ein schöner Gedanke für einen Abend, der selbst ein Abschluss ist: das letzte Konzert einer ganzen Saison.

Hinweis
Die Autoren ist Schüler an der Kantonsschule Wohlen. Im Rahmen ihresDeutschunterrichts verfassen die Schülerinnen und Schüler auch Konzertberichte,die in die Note einfliessen.

Ein leiser Anfang, der den Raum verändert

Dann tritt Lightbox auf die Bühne. Die Band wirkt ruhig, konzentriert, fast vorsichtig. Keine grosse Show, keine übertriebenen Gesten. Nur Musikerinnen und Musiker, die bereit sind, miteinander zu sprechen, nicht mit Worten, sondern mit Klang.

Das erste Stück beginnt geheimnisvoll. Schlagzeug und Kontrabass setzen sanft ein, Emma Rawicz, die Saxophonistin und Bandleaderin, kommt dazu. Anfangs ist alles zurückhaltend, fast schwebend. Der Klang tastet sich langsam durch den Raum, als würde die Band zuerst prüfen, wie viel Stille das Publikum aushält. Dann wird das Saxophon lauter. Die Töne steigen, werden klarer, mutiger. Plötzlich steht es im Zentrum, ohne die anderen zu verdrängen.

Der Kontrabass, gespielt von Haggai Cohen-Milo bleibt geerdet, Amir Bresler am Schlagzeug spielt fein weiter, und trotzdem baut sich eine Spannung auf. Man hört nicht nur Musik, man fühlt, wie sich der Raum verändert. Einige im Publikum nicken leicht mit dem Kopf, andere sitzen regungslos da. Diese Ruhe ist keine Langeweile. Es ist Aufmerksamkeit.

Nach dem ersten Stück spricht die Saxophonistin zum Publikum. Sie versucht es auf Deutsch, wechselt aber schnell ins Englische. Sie erzählt, dass es ihr erstes Konzert hier sei und dass sie dankbar sei, vor diesem wunderbaren Publikum spielen zu dürfen. Es wirkt ehrlich, fast ein bisschen schüchtern. Gleichzeitig merkt man: Sobald sie spielt, verschwindet jede Unsicherheit.

Lightbox - "Falu" @ musig im pflegidach, Muri

Jazz als Gespräch ohne Worte

Im zweiten Stück beginnt der Kontrabass stark, das Schlagzeug setzt ein, dann kommt das Saxophon dazu. Kurze und lange Töne wechseln sich ab, manchmal wirkt das Spiel kontrolliert, dann wieder frei und wild. Der Bass übernimmt ein Solo, während das Schlagzeug leiser wird. Das Publikum geht mit. Nicht laut, nicht auffällig, aber körperlich. Köpfe bewegen sich im Takt, Füsse wippen, Gesichtsausdrücke werden weicher.

Besonders beeindruckend ist das Zusammenspiel. Die Musikerinnen und Musiker scheinen sich ständig zu beobachten. Ein Blick oder ein Nicken genügt. Die Saxophonistin schaut zum Kontrabassisten, er nickt zurück und sofort entsteht etwas Gemeinsames. Es wirkt, als würden sie sich gegenseitig die Tür öffnen: Du gehst vor, ich folge.

Genau darin liegt die Kraft dieses Auftrittes. Lightbox spielt keine Musik, die sich dem Publikum aufdrängt. Sie lädt ein. Wer zuhört, wird hineingezogen.

Zwischen Hoffnung, Dunkelheit und Gebet

Beim Stück «More Hope» verändert sich die Stimmung. Der Kontrabass beginnt langsam, fast melancholisch. Das Saxophon setzt düster ein, das Schlagzeug erzeugt gedämpfte Geräusche. Der Schlagzeuger verwendet Schlägel mit weichem Wollkopf, wodurch die Töne dumpfer, wärmer und fast ferner klingen. Dazu kommt ein Rascheln, ein Klang wie Wind oder Papier.

Plötzlich wird die Musik dramatisch. Nicht laut, sondern schwer. Man hat das Gefühl, dass jeder Ton etwas mit sich trägt. Das Publikum wird stiller, noch konzentrierter. Es entsteht eine mitfühlende Stimmung, als würde der ganze Raum gemeinsam atmen.

Später folgt ein Stück mit religiösem Thema: «Prayer». Kontrabass und Saxophon beginnen, langsam. Es ist kein Stück, das beeindrucken will. Es will berühren. Gerade deshalb wirkt es stark. Währenddessen sitzt Stasia Kremer wieder da und zeichnet. Sie nickt leicht zur Musik, ihre Hand bewegt sich über das Papier. In diesem Moment wird sichtbar, was den ganzen Abend besonders macht: Die Musik entsteht auf der Bühne und gleichzeitig verwandelt sie sich neben der Bühne in ein Bild.

Das Live-Sketching wirkt nicht wie Dekoration. Es ist Teil des Abends. Während die Band improvisiert, improvisiert auch Kremer. Während Töne verschwinden, hält sie Bewegungen fest. Jazz vergeht im Moment, ihre Zeichnungen bleiben.

Emma führt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen

Die Saxophonistin Emma wirkt als Leiterin von Lightbox ruhig, aber präsent. Sie erzählt von der Band, vom Album «Juju» und davon, wie brillant improvisierte Musik sei. Genau das zeigt sich an diesem Abend immer wieder. Improvisation bedeutet hier nicht Chaos. Es bedeutet Vertrauen.

In einem lebhafteren Stück wird das Saxophon schneller, die Tonwechsel dichter. Die Musik bekommt Bewegung, fast Leichtigkeit. Gleichzeitig bleibt sie anspruchsvoll. Das Schlagzeug treibt an, der Kontrabass hält dagegen, das Saxophon steigt darüber. Gegen Ende jedes Stücks wechseln die kleinen blauen Lichter auf der Bühne ins Rötliche. Ein Detail, das plötzlich perfekt zur Musik passt. Der Raum wirkt wärmer, intensiver, fast glühend.

Das Publikum lässt sich immer stärker mitnehmen. Besonders bei den rhythmischeren Stücken ist die Energie zu spüren. Niemand tanzt, niemand jubelt mitten hinein und doch ist Bewegung im Raum. Man merkt sie in Schultern, Füssen, Blicken und kleinen Gesten.

Ein Schlagzeuger, der alles gibt

Ein Stück stammt vom Schlagzeuger selbst. Er bedankt sich beim Publikum und bei Stephan Diethelm. Danach beginnt die Musik mit dramatischem Trommeln und Bass. Der Klang ist lässig, aber nicht oberflächlich. Besonders schön ist hier das Zusammenspiel zwischen Kontrabass und Schlagzeug. Sie wirken wie zwei Kräfte, die sich gegenseitig antreiben. Das Saxophon spielt einzelne Töne hinein, manchmal nur kurz, aber immer genau richtig.

Gegen Ende wird das Schlagzeug lauter. Es scheint, als würde der Schlagzeuger alles geben. Die Instrumente spielen übereinander, fast wie in einem musikalischen Wettbewerb aber nie gegeneinander. Eher so, als würden alle noch einmal zeigen wollen, wie weit sie gemeinsam gehen können. Dann endet das Stück plötzlich, mit einem einzigen Schlag. Für einen Moment hängt der Klang noch im Raum. Dann bricht der Applaus los.

Wayne Shorter als letzter Funke

Nach grossem Applaus kommt die Zugabe. Die Band spielt ein Stück von Wayne Shorter, einem der bedeutendsten Jazz-Saxophonisten überhaupt. Für die erst 22-jährige Saxophonistin ist Shorter ein Idol. Das merkt man. Nicht, weil sie ihn kopiert, sondern weil sie mit grossem Respekt und gleichzeitig mit eigener Stimme spielt.

Die Zugabe ist kraftvoll. Der Kontrabass spielt eines der stärksten Solos des Abends, warm, tief und voller Ausdruck. Das Saxophon erhebt sich darüber, klar und mutig. Es ist ein letzter Funke, ein letzter Ausbruch, bevor der Abend zu Ende geht.

Auch Stephan Diethelm zeigt sich begeistert vom Talent der jungen Musikerin. Und tatsächlich: Man verlässt das Konzert mit dem Gefühl, jemanden gehört zu haben, der noch am Anfang steht aber bereits eine erstaunliche musikalische Reife besitzt.

Ein Abend, der bleibt

Das letzte Konzert der 24. Saison von «Musig im Pflegidach» war mehr als ein musikalischer Abschluss. Es war ein Abend über Übergänge: über das Abschliessen und Weitermachen, über Bilder, die Musik festhalten, und über Töne, die nur im Moment existieren.

Stasia Kremer zeigte mit ihren Zeichnungen, wie Musik aussehen kann. Lightbox zeigte, wie intensiv Jazz klingen kann, wenn Musikerinnen und Musiker einander wirklich zuhören. Und das Publikum zeigte, dass man nicht laut sein muss, um begeistert zu sein.

Am Ende bleibt nicht nur Applaus zurück. Es bleibt ein Gefühl: als hätte man für einen Abend in einem Raum gesessen, in dem alles miteinander verbunden war. Kunst, Musik, Erinnerung und Zukunft. Genau dafür lohnt es sich, ins Pflegidach zu gehen.

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quelle: patrick britschgi
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