Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Pflegerinnen

Mit Haube und Jupe: angehende Krankenschwestern 1972 im Bezirksspital Uster. Bild: Hans Krebs/ETH-Bibliothek

Der Beruf der «Pflegerin» hat sich verändert – geblieben sind Zeitnot und Erschöpfung

Das Pflegewesen ist von Frauen geprägt. Zwar hat es sich in den vergangenen hundert Jahren tiefgreifend verändert. Geblieben sind jedoch Zeitnot und Erschöpfung des Personals.

Annika Bangerter / CH Media



Wenn ein Virus rund um den Globus Menschen an Beatmungsgeräte bringt, rückt das Gesundheitspersonal in den Fokus. Nur sie wissen, wie die Schläuche richtig befestigt werden und lebensrettender Sauerstoff in die Lungen gepumpt wird.

Pflegende retten Leben. Tag für Tag. Dabei krankt das Pflegewesen selbst an einem chronischen Leiden: dem Mangel an Fachkräften. Dass Wunden dennoch versorgt, Stürze von Betagten verhindert und Krankheitsverläufe dokumentiert werden, ist zu einem grossen Teil Frauen zu verdanken. In den Pflegeberufen beträgt ihr Anteil rund 85 Prozent.

Vor 200 Jahren kam Florence Nightingale zur Welt. Sie gilt als eine Pionierin der Pflege.

Vor 200 Jahren kam Florence Nightingale zur Welt. Sie gilt als eine Pionierin der Pflege. Bild: wikicommons/H. Lenthall

Seit Jahrzehnten prägen sie den Beruf. Als Pionierin gilt die Engländerin Florence Nightingale. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sie sich für eine professionelle Krankenpflege ein und definierte Ausbildungsstandards. Nightingale erkannte die zentrale Rolle der Hygiene und plädierte für das genaue Beobachten der Patienten. Sie kam heute vor 200 Jahren zur Welt. Zu ihrer Ehre wird am 12. Mai der Internationale Tag der Pflege gefeiert.

Anlässlich des Jubiläums von Nigh­tingales Geburtstag hat die Weltgesundheitsorganisation WHO 2020 zum «Year of the Nurse» ausgerufen. Damit will die WHO nicht nur das Ansehen der Pflegefachleute fördern, sondern auch auf deren globalen Mangel aufmerksam machen. Im letzten Jahr fehlten weltweit sechs Millionen Pflegende. Am stärksten trifft dies Länder mit tiefen und mittleren Einkommen.

Besser bezahlt, schieben sie ihre Überstunden unter anderem in der Schweiz. Gemäss Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) sind zwischen 30 und 40 Prozent des hiesigen Pflegepersonals zugewandert oder sie überqueren auf dem Arbeitsweg eine Landesgrenze. «Das birgt erhebliche Risiken. Hätten Frankreich oder Italien während der Pandemie ihre Fachleute im eigenen Land eingefordert, wäre unser Gesundheitswesen zusammengebrochen», sagt Ribi.

Weg von der Kirche, hin zur Medizin

Eine hohe Arbeitsbelastung prägt das Pflegewesen seit dem Aufkommen der modernen Medizin. Das zeigt ein Blick in die Geschichte. Zwar hat sich das Pflegewesen in den vergangenen hundert Jahren tiefgreifend verändert. Geblieben sind jedoch Zeitnot und Erschöpfung des Personals. Hängen heute viele ihren Kittel nach einigen Berufsjahren an den Nagel, starben Pflegerinnen früher teilweise an der Überbelastung.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts kümmerten sich in der Schweiz vor allem Klosterfrauen um Kranke und Verletzte. Danach wurde die Pflege der Medizin zugeordnet. Dennoch blieben die Ordensfrauen eine zentrale Stütze im Gesundheitswesen. 1942 stellten sie etwas mehr als die Hälfte aller Pflegerinnen. Auf sie geht der Begriff «Krankenschwester» zurück, der noch bis Anfang des 21. Jahrhunderts als offizielle Bezeichnung galt.

Die Berufskrankenpflege ist eine Folge der Etablierung der modernen Medizin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasant an Fahrt aufnahm. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) gründete ab 1899 erste Pflegerinnenschulen. Kurz darauf ernannte der Bund das SRK als Zentralinstanz der Schweizer Pflegeausbildung. Genehmigte es die Ausbildung anderer Schulen, erhielten diese Subventionen des Eidgenössischen Militärdepartements.

Im Gegenzug verpflichteten sich die Schulen, im Kriegsfall zwei Drittel der Ausgebildeten der Armee zur Verfügung zu stellen. Ein Deal, der noch Jahrzehnte später galt. Die Berner Pflegefachfrau und Soziologin Barbara Dätwyler begann ihre pflegerische Ausbildung 1969 – und wurde dabei ausgehoben: «Wir erhielten eine massgeschneiderte Uniform. Mit dem Di­plom gehörten wir im Status eines Korporals zur Armee.»

Pflegerinnen

Frauen haben den Pflegeberuf geprägt. Er bot eine Alternative zu Familie und Kind und die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Bild: Hans Krebs/ETH-Bibliothek

Während in den Städten «Make love, not war» propagiert wurde, herrschten im Internat der Pflegeschülerinnen und in den Spitälern strenge Regeln und Hierarchien. Herrenbesuche waren verboten, ebenso Pfeifen und Rennen auf dem Areal.

Lange Zeit schienen Frauen für den Beruf der Krankenschwester wie gemacht: aufopfernd, hingebungsvoll und geduldig. «Diese äusserlichen Zuschreibungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Frauenberuf in sich von Anfang an emanzipiert war», sagt Dätwyler. Bereits die Ordensfrauen hätten ihr altes Wissen und Können in die Pflege eingebracht. Später bot der Beruf den Frauen eine Alternative zu Familie und Kindern. Der Job ermöglichte ihnen eine Karriere und die Option, im Ausland zu arbeiten.

Doch der Alltag in der Pflege war von harter Arbeit und Selbstlosigkeit geprägt. Das zeigt die Forschung von Soziologin Dätwyler, die in Interviews die Lebenswelten von Krankenschwestern zwischen 1930 und 1970 ausleuchtete. Die Frauen schildern, wie sie auf ihrer Spitalabteilung wohnten – zum Teil in einem Zimmer zwischen Patienten. Anders gestaltete sich die Wohnsituation der rund zehn Prozent männlichen Pfleger. Waren sie ledig, lebten sie in der Regel in ihrem Elternhaus, sonst mit ihrer eigenen Familie in der Nähe ihres Arbeitsorts.

Pflegerinnen

Die medizinischen Aufgaben wurden immer komplexer und anspruchsvoller. Bild: Hans Krebs/ETH-Bibliothek

Eine 80-Stunden-Woche war normal, Freizeit galt als verpönt

Für die Pflegerinnen waren Privat- und Berufsleben untrennbar miteinander verknüpft. Sie standen ihren Patienten praktisch rund um die Uhr zur Verfügung. Eine Pflegerin beschreibt etwa, wie sie mit einem schwer kranken Kind wochenlang in einem Dachzimmer lebte, um es zu vorsorgen. Als es eine Entzündung bekam, musste sie stündlich Wickel wechseln. Ohne Schichtwechsel, Tag und Nacht.

Eine Umfrage in sämtlichen Spitälern und Sanatorien im Jahr 1940 zeigte: Im Schnitt arbeiteten die Frauen zwischen 75 und 80 Stunden pro Woche. Dennoch drängten sie nicht auf eine Veränderung der Verhältnisse. Im Zentrum stand die Pflege, nicht die eigenen Arbeitsbedingungen. Auf dieses Berufsverständnis traf Dätwyler während ihrer Ausbildung: «1969 war es unter Krankenschwestern noch recht verpönt, Anspruch auf seine Freizeit zu äussern», sagt sie.

Grundlegende Neuerungen zeichneten sich aufgrund des Personalmangels in den 1970er-Jahren jedoch ab: Pflegerinnen zogen vom Spital ins Personalhaus und ihre Löhne stiegen sprunghaft an. Um den Beruf attraktiver zu machen, seien für das Pflegepersonal eigene Hallenbäder gebaut worden, sagt Dätwyler.

Kürzere Aufenthalte bedeuten intensivere Pflege

Längst musste sich dieses nicht mehr um die Hausarbeit im Spital kümmern. Vielmehr übernahm es immer komplexere und anspruchsvollere medizinische Aufgaben. Rosig war dennoch nicht alles: «In der Hochkonjunktur fehlten nicht mehr die Mittel, aber das Personal und somit auch die Zeit für die Patienten», sagt Dätwyler.

Gespart wird im Pflegebereich wieder seit den 1990er-­Jahren. Damals begann die Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Der wirtschaftliche Druck und die hoch spezialisierte Medizin führen heute zwar dazu, dass Patienten weniger lang im Spital bleiben. Das bedeute für die Pflege aber keine Entlastung, sagt SBK-Geschäftsführerin Ribi: «Die Patienten befinden sich fast nur noch in hochakuten Zuständen in den Spitälern. Die Pflege ist dadurch viel intensiver und aufwendiger geworden. Trotzdem haben sich die Stellenprozente kaum verändert.»

ZUR MELDUG, DASS DIE KRANKENKASSENPRAEMIEN 2017 UM DURCHSCHNITTLICH 4,5 PROZENT STEIGEN WERDEN, STELLEN WIR IHNEN AM MONTAG, 26. SEPTEMBER 2016, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG -  Zwei Mitarbeiterinnen des Krankenhauses in Flawil im Kanton St. Gallen pflegen am 25. Juni 2009 auf der Intensivstation einen Patienten. Das Spital Flawil ist das Akutspital des Unternehmens Kantonsspital St. Gallen. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Braucht technisches Wissen: Eine Pflegefachfrau heute. Bild: KEYSTONE

In den vergangenen Wochen hat das Coronavirus die Bedeutung des Gesundheitspersonals aufgezeigt. Die Pflegenden gelten als Helden der Krise und lesen auf ihrem Heimweg «Danke. Merci. Grazie. Grazia» auf Plakaten. Wer mit Pflegenden spricht, erfährt: Die Anerkennung tut gut. Doch sie löst keine grundsätzlichen Probleme.

Gemäss Jobradar sind aktuell rund 11'000 Pflegestellen offen. Eine Entspannung der Situation zeichnet sich nicht ab. Im Gegenteil. Um eine ausreichende Versorgung garantieren zu können, müssten in den nächsten zehn Jahren 65'000 Pflegende zusätzlich ausgebildet werden. «Machen wir weiter wie bisher, schaffen wir nicht mal die Hälfte», sagt Ribi. Auch die Arbeitsbedingungen müssten sich verbessern, fordert sie. Fast jede Zweite steigt vorzeitig aus dem Beruf aus, viele bereits einige Jahre nach ihrer Ausbildung. Häufig aufgrund emotionaler Erschöpfung.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

15 Quarantäne-Haarschnitte des Grauens

So feiern spanische Ärzte, wenn ihre Corona-Patienten die Intensivstation verlassen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

11
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Lami23 12.05.2020 17:19
    Highlight Highlight Um das klar zu stellen: Für die meisten Pflegenden an den meisten Orten ist der Lohn nicht das Problem. Allerdings der sich immer mehr abzeichnende Personalmangel und die mangelnde Wertschätzung für den Beruf. Viele unterschätzen total, welches Wissen, Verantwortung und welche Belastbarkeit man in diesem Berug braucht/hat.
  • circumspectat animo 12.05.2020 12:15
    Highlight Highlight Pfleger sind nicht nur Frauen. Aber ansonsten wie ich finde ein guter Artikel der die Verhältnisse so beschreibt wie ich Sie auch erlebe.
  • Beta Stadler 12.05.2020 09:02
    Highlight Highlight Der Zürcher SVP-Flügel (d.h. SVP Schweiz), welcher immer noch an den Trickle-Down-Nonsens glaubt, wird jede positive Veränderung zu verhindern wissen. Könnte ja was kosten, System-Relevant hin oder her!
  • Vecchia 12.05.2020 08:00
    Highlight Highlight "...er Frauenberuf in sich von Anfang an emanzipiert war".

    Die Gemeindeschwester hatte vor den 90ern die Kompetenz ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen selbständig zu organisieren und zu erledigen.

    Der heutigen Spitexangestellten diktiert eine Software wieviel Zeit ihre Schritte kosten dürfen - inkl. Weg zu Patienten und aus Renditegründen meist fernab jeglicher Realität.

    Dies führt zu pflegerisch völlig sinnbefreiten Verwaltungsidiotien, die extrem Zeit verschwenden, damit das Bild den Oekonomen passt. Personal und Patienten haben das Nachsehen.
  • Scaros_2 12.05.2020 07:43
    Highlight Highlight Der Beruf der «Pflegerin» hat sich verändert – geblieben sind Zeitnot und Erschöpfung

    ............ und schlechte Bezahlung.
    • Glatttaler 12.05.2020 08:26
      Highlight Highlight Und wo ist die Veränderung?
    • WhyNotX? 12.05.2020 09:00
      Highlight Highlight Da muss ich wiedersprechen. Ich selber arbeite in der Pflege, wie auch viele in meinem Umkreis. Der Lohn ist für die Abschlussstufe im absoluten Durchschnitt. Nicht mehr, nicht weniger. Natürlich würden wir gerne mehr Geld verdienen, aber schlecht verdienen wir nicht.
    • Törtl_Boiii 12.05.2020 09:19
      Highlight Highlight Verstehe die Blitzer echt nicht...

      Scaros_2 hat Recht. Von Applaus kann man leider keine Rechnungen zahlen.
    Weitere Antworten anzeigen

Das ist der pikante Whatsapp-Chat, an den sich Pierre Maudet nicht erinnern kann

Beim juristischen Verfahren, das gegen den Genfer FDP-Staatsrat läuft, kommt es zu einer neuen Wendung. Chat-Protokolle zeigen, wie Pierre Maudet mit seinem Copain Simon Brandt über die beste Finanzierungsart eines Festabends diskutierte. Das wirft Fragen auf.

In den vergangenen Monaten war Pierre Maudet so präsent wie seit langem nicht mehr. Der FDP-Staatsrat, der dem Wirtschaftsdepartement der Kantonsregierung vorsteht, nutzte die Gunst der Corona-Stunde, um sich als gewiefter Macher und Vertreter der Gewerbler in Erinnerung zu rufen (CH Media berichtete). Zudem entdeckte er seine Angriffslust wieder und scheute sich nicht, auch Ratskollegen öffentlich zu kritisieren. Dabei ging beinahe vergessen, dass der 42-Jährige noch immer im Fokus …

Artikel lesen
Link zum Artikel