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Kommt es am Samstag in der Nähe von Sion zum Neonazi-Aufmarsch? Bild: shutterstock

Neonazis planen Konzert im Wallis – Polizei spricht von «problematischer Veranstaltung»

Am «Edelweiss Concert» sollen am Samstag drei international bekannte Bands aus der rechtsextremen Szene auftreten. Organisatoren und Bands gehören einem gewalttätigen Neonazi-Netzwerk an. Die sieben wichtigsten Antworten.



Worum geht es?

In Neonazi-Kreisen in der Schweiz und darüber hinaus macht derzeit ein Flyer die Runde. Im Hintergrund zu sehen ist das Matterhorn. Angekündigt wird das «Edelweiss Concert», das am Samstag 12. Oktober stattfinden soll. Auftreten sollen drei in der Rechtsrock-Szene bekannte Bands aus ganz Europa: Die französische Gruppe Lemovice, Kraftschlag aus Norddeutschland und die Legion Twierdzy Wroclaw (LTW) aus Polen.

Wo genau das Konzert stattfinden soll, wird auf dem Flyer nicht bekannt gegeben. Gemäss Informationen von watson soll es im Raum Unterwallis stattfinden, was das Bundesamt für Polizei (Fedpol) indirekt bestätigt.

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Der Flyer des «Edelweiss Concert». zvg

Eine Teilnahme an der Veranstaltung ist nur per Anmeldung via Mail-Adresse möglich. Die Empfänger des Flyers werden dazu aufgefordert, diesen nicht zu fotografieren und nicht über WhatsApp oder Twitter zu verbreiten.

Wer tritt da auf?

Alle drei Bands sind in der Vergangenheit mehrfach an Musikveranstaltungen aufgetreten, die von Exponenten des rechtsextremen Netzwerks Blood & Honour (B&H) organisiert worden sind (siehe Antwort 5).

Die polnische Band Legion Twierdzy Wroclaw beispielsweise trat im Juni 2019 am Rechtsrock-Event «Schild und Schwert» im thüringischen Ostritz auf oder an der Konzertveranstaltung «Defend Europe» in der Nähe von Verona. Das von der italienischen Neonazi-Vereinigung «Veneto Fronte Skinheads» (VFS) organisierte Event fand in der Nacht auf den 20. April 2019 statt – den Jahrestag von Adolf Hitlers Geburt.

Die französische Band Lemovice ist in der Schweiz keine Unbekannte. Sie trat im Sommer 2016 an einem von der rechtsextremistischen Gruppierung Hammerskins organisierten Konzertabend im Gemeindesaal des beschaulichen Dorfes Villarimboud im Kanton Freiburg auf. Eine ihrer Liedzeilen lautet unter anderem: «Je vous inspire la terreur, je suis au service du Führer» («Ich erwecke Schrecken in euch, ich stehe im Dienst des Führers»).

Noch expliziter sind die Lieder der 1990 gegründeten norddeutschen Band Kraftschlag. Sie ist in der Neonazi-Szene für ihre besonders aggressiven Texte bekannt. Die Gruppe besingt unter anderem ihren Stolz auf das Hakenkreuz und bezeichnet die Waffen-SS als ihr Vorbild.

Wer sind die Organisatoren?

Die auf dem Flyer hinterlegte Mailadresse ist gemäss Recherchen der Antifa Bern mit einer Handynummer verknüpft, die der einschlägig bekannten Rechtsextremen F.M. aus Martigny VS gehört. Gegenüber watson streitet F.M. ab, irgendetwas mit der Organisation des Konzerts zu tun zu haben*. Sie kennt angeblich keine der Bands, die dort auftreten.

Konzert Neonazis Wallis

F.M. (rechts) soll die Organisatorin des Konzertabends sein. Bild: Twitter / Bearbeitung watson

Bilder des Investigativ-Blog exif-recherche belegen allerdings, dass im April 2018 ein auf F.M. zugelassener Personenwagen auf dem Gelände des oben erwähnten Rechtsrock-Festival «Defend Europe» abgestellt war. Gegenüber watson streitet F.M. die Teilnahme an diesem Festival ab*.

Auch zur deutschen Neonazi-Szene hat F.M. Beziehungen. Sie pflegt enge Kontakte zu Marco Gottschalk, Neonazi und Frontsänger der Rechtsrock-Band Oidoxie. Auf Twitter gibt es Bilder, welche F.M. und Gottschalk in geselliger Runde zeigen. Gegenüber watson behauptet F.M. allerdings, Gottschalk nicht zu kennen*. Gottschalks Band Oidoxie gilt als einflussreichste Band der europäischen Blood & Honour- beziehungsweise Combat-18-Szene (siehe Antwort 5).

Was sagen die Behörden?

Auf Anfrage von watson erklärt die Kantonspolizei Wallis, sie habe Kenntnis von der Veranstaltung. Nach «umfangreichen Ermittlungen und Informationen» stufe die Polizei die geplante Veranstaltung als «problematisch» ein, sagt Polizeisprecher Markus Rieder. Die Kantonspolizei Wallis habe die nötigen Massnahmen getroffen, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten.

Keine Auskunft gibt Rieder zur Frage, ob man den Vermieter der Konzertlokalität eruieren konnte oder diesen gar zu einer Absage der Veranstaltung bewegen will. Generell mache die Kantonspolizei die Bevölkerung auf drohende Risiken aufmerksam und stehe ihr auch beratend zur Seite.

Beim Bundesamt für Polizei (Fedpol) hat man ebenfalls Kenntnis vom geplanten Neonazi-Konzert. Man stehe in Kontakt mit den zuständigen Stellen bei Bund und Kantonen. Für Detailfragen verweist Fedpol-Sprecher Florian Näf an die Kapo Wallis.

«Generell nehmen die Schweizer Sicherheitsbehörden der Schweiz gewalttätigen Extremismus sehr ernst», ergänzt Näf. Zur Wahrung der inneren und äusseren Sicherheit könne das Fedpol Einreiseverbote gegen ausländische Personen erlassen. Dabei müsse das Verhältnismässigkeitsprinzip gewahrt werden und das Interesse an einer Fernhaltung von ausländischen Personen gegenüber der Meinungsäusserungsfreiheit der Betroffenen sorgfältig abgewogen werden. Ob im Zusammenhang mit dem «Edelweiss Concert» Einreisesperren erlassen worden sind, verrät das Fedpol nicht.

Was ist Blood & Honour?

Blood & Honour (B&H) ist ein internationales, militantes Musik-Netzwerk der rechtsextremen Szene. Es wurde in den 1980er Jahren in England gegründet. B&H vereint rechtsextreme Bands, Konzertveranstalter und Labels. Über Veranstaltungen wird Geld für rechtsextreme Strukturen gesammelt und junge Leute mit der Neonazi-Szene in Berührung gebracht.

In Deutschland ist B&H seit dem Jahr 2000 offiziell verboten, doch die Strukturen der Organisation bestehen weiter. Aus Blood & Honour heraus entstand in den 1990er Jahren auch die Gruppierung Combat 18 (C18). Szenekenner bezeichnen sie als gewaltbereiten, bewaffneten Arm von B&H. Mitglieder von C18 haben in der Vergangenheit schwere Gewalttaten begangen und waren an Anschlägen beteiligt.

In der Schweiz sind die Organisationen Blood & Honour und Combat 18 kaum trennscharf voneinander abzutrennen, da viele Exponenten in beiden Gruppen aktiv sind. Die Schweizer Band Amok um den wegen eines Angriffs auf einen orthodoxen Juden in Zürich im Jahr 2015 verurteilten Neonazi Kevin G. gilt nach Oidoxie als zweitwichtigste C18-Band in Europa.

Neonazi-Konzert in der Schweiz, da war doch mal was?

Im Oktober 2016 nahmen in Unterwasser im Toggenburg zwischen 5000 und 6000 Neonazis aus ganz Europa am «Rocktoberfest» teil. Der Anlass gilt als einer der grössten Rechtsrock-Events, die je in Europa stattgefunden haben. Laut eigenen Angaben glaubte der Vermieter der Tennishalle, wo die Konzerte stattfanden, es sei ein Musikabend mit Schweizer Bands und rund 800 Besuchern geplant. Tatsächlich spielten Rechtsrock-Szenegrössen wie Stahlgewitter (DE), Frontalkraft (DE), Amok (CH) oder Makss Damage (DE).

Ein Teil der Einnahmen aus dem Rocktoberfest floss ins ostdeutsche Thüringen, wie die WOZ berichtete. Das Geld wurde unter anderem für die Aufrechterhaltung und den Ausbau der dortigen neonazistischen Infrastrukturen eingesetzt. Von Thüringen aus war der «Nationalsozialistische Untergrund» (NSU) während Jahren finanziell, logistisch, aber auch mit Waffen und Munition unterstützt worden. Das NSU-Trio aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe ermordete zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin und verübte zahlreiche Raubüberfälle, Brandanschläge und 43 erfolglose Mordversuche.

Hat die Schweiz ein Neonazi-Problem?

Immer wieder wird Kritik an den Schweizer Sicherheitsbehörden laut. Diese liessen zu, dass die Eidgenossenschaft zum «sicheren Hafen» für deutsche Neonazis werde und sich diese hierzulande mit Waffen, Munition und Finanzmitteln eindecken könnten. Im jüngsten Sicherheitsbericht des Nachrichtendienstes des Bundes heisst es, die rechtsextreme Szene der Schweiz befinde sich «im Aufbruch» und pflege Kontakte ins Ausland. Ihre Angehörigen verfügten über grössere Mengen funktionstüchtiger Waffen und «üben sich im Umgang mit Schusswaffen».

*Nachdem watson F.M. am Freitagvormittag telefonisch erreicht hat, wurde der Artikel um ihre Aussagen ergänzt. Wir halten an unserer ursprünglichen Darstellung vom Freitagmorgen fest.

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