Erste Fälle in der Schweiz: Kinder in Online-Foren zu Selbstverletzung und Suizid gedrängt
In der Schweiz sind erstmals Fälle von sogenanntem «nihilistischen Extremismus» in Online-Netzwerken bekannt. Dies melden die Zeitungen von Tamedia sowie SRF. Das Bundesamt für Polizei Fedpol hat bestätigt, dass es bislang 20 bestätigte Fälle gibt. Die Dunkelziffer sei wohl viel höher.
Fedpol-Sprecherin Berina Repesa sagt gegenüber SRF, bei zwei Dritteln handle es sich um Opfer, Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren. Beim weiteren Drittel der aufgedeckten Personen handle es sich um Täter. Sie seien meist etwas älter, aber oft auch minderjährig.
In solchen nihilistischen Fällen werden Opfer dazu gedrängt, sich selbst zu verletzen. Wie das Fedpol meldet, beginnt ein Verhältnis zwischen Opfer und Täter oft mit einer vorgegaukelten Freundschaft oder Liebesbeziehung über gängige Social-Media-Plattformen – also etwa Instagram oder TikTok. Dabei werden Informationen über die Opfer gesammelt, welche in den Netzwerken ausgetauscht und später gegen die Opfer verwendet werden.
So fordern Täter danach in Online-Foren wie Discord etwa Nacktbilder ihrer Opfer, Videos von sexuellen Handlungen, Videos von Selbstverletzungen oder gar des eigenen Suizids. In anderen Fällen im Ausland wurden Opfer auch schon dazu gedrängt, ihre Haustiere zu verletzen oder zu töten oder auch Passanten mit einem Messer anzugreifen.
Lass dir helfen!
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
«Treiber ist die pure Gewaltfaszination»
Oft haben die Netzwerke kryptische Namen wie «764» oder «1414» Wie es in den Berichten von Tamedia und SRF weiter heisst, wird in solchen Gruppen teils auch Propaganda verbreitet. So gebe es etwa rechtsextreme Gruppen, wo Terroristen wie etwa derjenige von Christchurch oder des Attentats in Norwegen verherrlicht werden.
Weiter gebe es auch Dschihadistische Ableger. Oft werde in solchen Gruppen aber eine Entpolitisierung festgestellt, so Beate Buschmann, Abteilungschefin für Rechtshilfe, Terrorismus und Völkerstrafrecht bei Fedpol, gegenüber Tamedia. «Der grösste Treiber ist die pure Gewaltfaszination.»
Eine Konzentration auf bestimmte Regionen sei derzeit nicht feststellbar. Es gibt bestätigte Fälle in Zürich, Luzern und Basel-Landschaft, wie Tamedia meldet. Gegenüber SRF bestätigte das Fedpol aber auch, dass es in allen Sprachregionen Fälle gebe, oft auch mit Bezug zu Tätern im Ausland.
Herausforderung für die Behörden
Die Ermittlungen in solchen Fällen gestalten sich als schwierig. «Ermittlungen im Bereich der Online-Pädokriminalität sind komplex und ressourcenintensiv», sagt ein Sprecher der Polizei Basel-Landschaft gegenüber Tamedia. Herausfordernd sei etwa, dass beteiligte Personen, Daten und Plattformbetreiber auf verschiedene Länder und Kontinente verteilt seien.
Fehle die Kooperation der Betreiber oder brauche es ein langes Rechtshilfeverfahren, seien entscheidende Spuren oft schon gelöscht, bevor man sie sichern könne. Eine weitere Herausforderung stellt gemäss den Kantonen ein fehlender umfassender automatisierter Datenaustausch dar.
Was das Verhindern solcher Fälle weiter erschwert, ist die Tatsache, dass sich die betroffenen Mädchen oft nicht als Opfer sehen. Diese seien oft psychisch labil und hätten den Eindruck, durch solche Taten Teil der Gruppe zu sein. Weitere würden sich schämen oder sich von solchen Gruppen abhängig fühlen, was verhindere, dass sich die Opfer Hilfe holen.
(dab)
