Schweiz
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Revolutionär und kostspielig: sechseckige Solarmodule aus den USA. Bild: zvg

Solar Roadways

Dieser Hund spaziert auf einer Erfindung, die die Welt verändern soll

Das Projekt eines amerikanischen Tüftler-Paars verspricht Strassen, die sich selber von Eis und Schnee befreien und ganze Landstriche mit sauberem Strom versorgen. Wir haben Schweizer Experten um eine Einschätzung gebeten.

Gib niemals auf! Dies gilt für alle Unternehmer, die eine geniale Idee haben und anfangs nur belächelt werden.

Scott Brusaw und seine Frau Juli haben es erlebt. Das Paar lebt in Idaho im Nordwesten der USA und verfolgt seit Jahren einen Traum, der unseren Planeten massgeblich verändern könnte.

«Wow, wenn das funktioniert, haben sie den Nobelpreis verdient», titelte die Viralschleuder heftig.co auf Facebook. Konkret geht es darum, Strassen und Parkplätze in umweltfreundliche Energiespender zu verwandeln. Erreicht werden soll dies mit Solarmodulen, die den herkömmlichen Belag aus Teer oder Beton ersetzen.

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Scott und Julie Brusaw. Bild: zvg

Was nach Science Fiction klingt, nimmt langsam aber sicher konkrete Formen an. Gerade erst haben Scott und Julie mit ihrem Projekt Solar Roadways einen wichtigen Meilenstein erreicht. Über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo konnten sie 2,2 Millionen Dollar sammeln. 

Massgeblich zum Erfolg beigetragen hat das folgende YouTube-Video, das über 12 Millionen Mal aufgerufen wurde.

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Video: YouTube

«Langfristig möchten wir alle Beton- und Asphaltoberflächen, die der Sonne ausgesetzt sind, mit unseren Modulen ausstatten», beschreiben die Brusaws ihr nicht gerade bescheidenes Vorhaben. Laut ihren Berechnungen könnten die USA den kompletten Energiebedarf dreimal decken, wenn sie alle Highways mit entsprechenden Solarmodulen ausstatten würden. Die Abhängigkeit vom Erdöl und anderen umweltschädigenden Brennstoffen wäre Geschichte ...

Und es kommt noch besser: Dank Solar Roadways sollen sich zukünftige Strassen (und Trottoire) dank integrierter Heizung selber von Eis und Schnee befreien. Und wenn die Platten mit LED-Lichter bestückt werden, können Verkehrsteilnehmer vor Gefahren gewarnt werden.

Hält das?

In einem weiteren YouTube-Video fährt Brusaw mit einem tonnenschweren Traktor über eine Fläche mit  den sechseckigen Solarmodulen, ohne Schäden anzurichten. Auf der Website zeigt sich der Erfinder sicher, dass auch eine Horde von Panzern problemlos darüber fahren könnte. Fakt ist: Die oberste Schicht besteht aus besonders robustem Glas. Ausserdem ist die Oberfläche so gestaltet, dass die Verkehrsteilnehmer bei Nässe nicht ins Rutschen kommen.

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Video: YouTube

Die Erfinder versichern, dass ihre Technologie funktioniere. Dies hätten auch Belastungstests ergeben, die von unabhängigen Stellen durchgeführt wurden. Nun gehe es an die Serienproduktion.

Das Hauptproblem bzw. das grösste Hindernis bleiben natürlich die Kosten. Nur wenn es gelingt, den Preis für die Solarmodule attraktiv zu gestalten, werden private und staatliche Abnehmer einsteigen. Kritiker monieren, dass es auch schon früher vergleichbare Projekte gegeben habe, die aber alle an den Kosten (und dem Widerstand der Erdöl-Industrie und anderer betroffenen Branchen) gescheitert seien.

Das sagt der Bund

Wir haben beim Bundesamt für Strassen ASTRA um eine Einschätzung gebeten – und sind von der positiven Antwort überrascht. «Eine interessante Idee, welche vor ein paar Jahren erstmals aufgetaucht ist», schreibt uns Mediensprecher Thomas Rohrbach. Heute seien solche Beläge vom Einsatz in der Praxis auf Autobahnen allerdings noch recht weit entfernt. «Wann der Schritt hin zum Solarbelag mit den erwähnten Eigenschaften ansteht, vermag ich nicht zu prognostizieren.» Er sehe in näherer Zukunft aber durchaus Potenzial für Personenwagen-Parkplatzflächen. 

Und auf der Autobahn? «Wie weit diese Platten den auftretenden Belastungen standhalten können, wenn sie täglich von mehreren tausend 40-Tonnern mit 80 km/h befahren werden, geht aus der Berichterstattung nicht hervor», schreibt der Astra-Vertreter. So werde beispielsweise die A1 bei Rothrist täglich von mehr als 10‘000 LKWs befahren, sogar am Gotthard seien es noch 2600 Lastwagen pro Tag. 

Weiter weist das Bundesamt für Strassen auf die folgenden Knacknüsse bei der weiteren Entwicklung der Beläge hin:

• Lebensdauer (die geforderte Lebensdauer eines Deckbelags einer Schweizer Autobahn beträgt laut Bund 15 Jahre)

• Lärmreduktion (herkömmliche Beläge werden immer leiser, bei Solar Roadways ist der von den Reifen verursachte Lärm nicht klar)

• Verträglichkeit mit Winterdienst (Schmelzwasser, Streusalz, mechanische Einflüsse durch Pfadschlitten etc.)

Wobei Scott Brusaw bei letztem Punkt vermutlich einwenden würde, dass der Strassen-Winterdienst dank Bodenheizung entfallen würde.

Diese Illustration zeigt die Solarmodule im Boden mit integrierten LED-Lichtern. Bild: zvg

Die einfachere Lösung!

Beim Verband der Schweizer Solarbranche zeigt man sich auf Anfrage vorsichtig optimistisch, aber nicht extrem begeistert von Solar Roadways. «Das ist ein interessantes Projekt, aber auf jeden Fall Zukunftsmusik», sagt der Swissolar-Geschäftsleiter David Stickelberger. Die naheliegendere und einfachere Lösung sei das Montieren von Solarpanels auf Gebäuden. 

«Wenn wir in der Schweiz alle geeigneten Hausdächer und Fassaden mit Solarmodulen bestücken, dann können damit 40 Prozent des heutigen Strombedarfs gedeckt werden.»

Durch das Platzieren auf den Dächern würden die Solarmodule weniger strapaziert als auf der Strasse, ausserdem sei auch die Verkabelung einfacher. Der wichtigste Punkt seien aber die vergleichsweise tiefen Kosten für die Installation und Instandhaltung.

Neigungswinkel zur Sonne

Dem pflichtet auch der Zürcher ETH-Professor Anthony Patt bei. «Es wäre sinnvoller, Solarkollektoren irgendwo zu bauen, wo sie keinen solchen Belastungen widerstehen müssen. Zum Beispiel auf einem Dach.» Weiter erinnert der Wissenschaftler daran, dass es bei den Solaranlagen auf den Neigungswinkel ankomme. Am besten sei es, wenn sie nicht flach liegen, sondern eine Neigung zur Sonne hätten.

Das Solar-Roadways-Konzept beinhalte viele anderen Dinge wie Heizung oder LED-Beleuchtung. «Für die braucht man aber keine Solarkollektoren.» In Norwegen beispielsweise gebe es schon Strassen, die geheizt sind.



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