Schweiz
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ZUR ATOMAUSSTIEGSINITIATIVE UND ZUR ENERGIESTRATEGIE 2050 STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Des jeunes posent des panneaux solaires ou panneaux photovoltaiques sur des paravalanches ce mercredi 20 juin 2012 a Bellwald dans la Vallee de Conches, Haut-Valais. Les travaux se deroulent cette semaine a Bellwald. La douzaine de monteurs qui s'activent de lundi a vendredi dans le Haut-Valais sont des jeunes Thurgoviens ages de 13 a 16 ans. Ils participent a la campagne Jeunesse Solaire de l'ONG Greenpeace. C'est la premiere fois que des paravalanches servent de socles aux panneaux solaires. A Bellwald, il est prevu que l'installation photovoltaique produise du courant pour les remontees mecaniques. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Installation von Solarpanelen auf einer Lawinenverbauung in Bellwald (VS). Bild: KEYSTONE

Wie die Schweiz den Solarstrom behindert und wie sie ihn pushen kann

Die Energiewende sollte der Photovoltaik in der Schweiz einen Schub verpassen. In der Realität ist das Gegenteil der Fall. Schuld sind falsche Anreize, doch es gibt Auswege aus der Solarflaute.



Im Mai 2017 hat das Schweizer Stimmvolk die Energiestrategie 2050 angenommen. Ein grosser Teil der Befürworter schrieb ein Ja auf den Zettel in der Erwartung, dass verstärkt in den Ausbau der «neuen» erneuerbaren Energien investiert wird. Denn die Schweiz liegt beim Wind- und Solarstrom bloss auf Platz 26 in Europa. Mit der «Energiewende» werde sich dies ändern, dachte man.

Die Realität sieht ganz anders aus. Der Zubau wird nicht beschleunigt, sondern gebremst. 2018 befand er sich auf dem niedrigsten Stand seit Einführung der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) vor zehn Jahren. Zwar werden laufend Photovoltaikanlagen gebaut, doch nicht in dem notwendigen Tempo, um die Energiewende auf Kurs zu bringen.

ARCHIVBILD ZUR MEDIENKONFERENZ VON BKW UEBER DIE ABSCHALTUNG DES AKW MUEHLEBERG, AM FREITAG, 20. SEPTEMBER 2019 - Nuclear power plant Muehleberg with the substation in the foreground in the canton of Berne, Switzerland, pictured on May 28, 2009. (KEYSTONE/Gaetan Bally)..Das Kernkraftwerk Muehleberg im Kanton Bern mit dem Umspannwerk im Vordergrund, aufgenommen am 28. Mai 2009. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Das AKW Mühleberg geht im Dezember vom Netz. Bild: KEYSTONE

Was läuft schief? Antworten liefert eine Studie, die der ehemalige Basler SP-Nationalrat und Energieexperte Rudolf Rechsteiner im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) verfasst hat. Sie zeigt, dass die Schweizer Politik falsche Anreize setzt und so verhindert, dass das auch hierzulande enorme Potenzial beim Solarstrom ausgeschöpft wird.

Wie gross ist das Potenzial?

Das neue Energiegesetz hält fest, dass die bestehenden Atomkraftwerke am Ende ihrer Lebensdauer abgeschaltet und keine neuen gebaut werden. Mühleberg geht bereits im Dezember vom Netz. Um das bundesrätliche Ziel einer klimaneutralen Schweiz bis 2050 zu erreichen, muss auch der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern realisiert werden.

Die SES berechnet den Strombedarf der Schweiz für AKW-Ersatz, Verkehr und Gebäude/Wärme auf bis zu 63 Terawattstunden. Das Potenzial der Photovoltaik auf Hausdächern und Fassaden beträgt gemäss Bundesamt für Energie (BFE) 67 Terawattstunden. Mit weiteren Anlagen sowie anderen «Erneuerbaren» wie Wind, Wasser und Biomasse liegen nochmals 25 Terawattstunden drin.

Im Prinzip könnte die Schweiz somit mehr als genug Strom durch Photovoltaik erzeugen. Es bliebe sogar ein Überschuss, um CO2-neutrale Treibstoffe für den Luftverkehr (Elektro-Flugzeuge sind auf absehbare Zeit nicht in Sicht) zu produzieren. Der zuständige SES-Projektleiter, Felix Nipkow, zeigte sich an einer Medienkonferenz überzeugt, dass der Umbau «technisch machbar» ist.

Warum harzt es?

Solarzellen auf einem Hausdach in Balzers, Liechtenstein, aufgenommen am 23. April 2013. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Mit solchen Anlagen gelingt die Energiewende nicht. Bild: KEYSTONE

Solar- und Windanlagen sind immer billiger geworden. Zusätzlich werden sie vom Bund gefördert. Im Oktober jedoch kündigte das BFE an, dass nur noch Photovoltaikanlagen eine Einspeisevergütung erhalten, die «bis und mit 30. Juni 2012 angemeldet wurden». Die übrigen Anlagen müssen mit der Einmalvergütung vorlieb nehmen, also faktisch einem Zuschuss an den Bau.

Damit werde der im Energiegesetz vorgesehene Ausstieg vorweggenommen, «bevor eine Ersatzlösung beraten wurde oder in Kraft ist», kritisierte Rudolf Rechsteiner an der Medienkonferenz. Einmalvergütungen lohnen sich praktisch nur für den Eigenverbrauch. «Mit Bonsai-Anlagen auf Einfamilienhäuschen schaffen wir die Energiewende nicht», betonte Rechsteiner.

Was ist zu tun?

Der Basler Ökonom will die Einmalvergütung nicht abschaffen. Sie könne im Gegenteil noch erhöht werden, wenn neben der Photovoltaikanlage zusätzlich eine Batterie zur Speicherung des Stroms installiert werde, sagte Rechsteiner im Gespräch mit watson. Für grosse Anlagen, die für den Umbau der Stromversorgung unentbehrlich sind, genügt dieses System jedoch nicht.

Hier hilft ein Blick über die Grenze. Die meisten EU-Länder setzen bei der Finanzierung neuer Kraftwerke auf wettbewerbliche Ausschreibungen oder Auktionen. Gekoppelt werden diese mit einer Marktprämie, die die Betreiber vor Preisschwankungen schützt und ihnen eine gewisse Planungssicherheit ermöglicht. Damit haben sie den Solarstrom-Anteil stark erhöht.

Rudolf Rechsteiner erwähnte als Beispiel den 10. und 11. August dieses Jahres. An diesen Tagen wurde in Deutschland so viel Solarstrom produziert, dass die Marktpreise zeitweise in den negativen Bereich abrutschten. Die Marktprämie könne dieses Risiko abfedern, denn letztlich lohne sich die erneuerbare Stromerzeugung nur, wenn auch eine Rendite erzielt werden könne.

Wie kann es weitergehen?

Floating barges with solar panels are pictured on the 'Lac des Toules', an alpine reservoir lake, in Bourg-Saint-Pierre, Switzerland, Tuesday, Oct. 8, 2019. After completion the floating solar panel station will consist of 36 floating barges featuring 2.240 square meters of solar cells targeting to deliver 800.000 kilowatt-hours per year, the annual power consumption of approximately 220 homes. (Valentin Flauraud/Keystone via AP)

Das schwimmende Solarkraftwerk auf dem Lac des Toules. Bild: AP

Für grossflächige Solaranlagen gibt es in der Schweiz kaum genügend Platz, zumindest im dicht besiedelten Mittelland. In den Bergen sieht es anders aus. So wurde im Oktober auf dem Lac des Toules im Wallis das erste schwimmende Solarkraftwerk der Schweiz in Betrieb genommen. In Ostasien bestehe «ein riesiger Markt» für solche Anlagen, sagte Rudolf Rechsteiner.

In der Schweiz beträgt die Gesamtfläche aller Stauseen 105 Quadratkilometer. «Wenn man zehn Prozent davon für die Produktion von Solarstrom nutzt, kann man das AKW Leibstadt ersetzen.» Solche Anlagen könnten auch die «Dunkelflaute» oder «Winterlücke» aufheben, über die Kritiker der Erneuerbaren gerne lästern. Denn in den alpinen Regionen hat es viel Sonne und keinen Nebel.

Allerdings liegt im Winter meterweise Schnee in den Bergen. Für Ex-Nationalrat Rechsteiner ist auch das kein Problem, «wenn man die Panele senkrecht stellt». Als Beispiel verweist er auf Lawinenverbauungen im Prättigau. Auf dem Mont Soleil im Berner Jura, wo eines der ältesten Solarkraftwerke der Schweiz steht, würden 40 Prozent des Stroms im Winterhalbjahr produziert.

Die Produktion in höheren Lagen sei ohne Einschränkung beim Landschaftsschutz möglich. Als zusätzliche Vergütung kann sich Rechsteiner einen «Solarzins» vorstellen, analog zum Wasserzins, mit dem die Nutzung der Wasserkraft abgegolten wird.

Das Fazit

Die SES-Studie lässt gewisse Fragen offen. So räumt Autor Rechsteiner ein, dass die Schweiz auch in Zukunft kaum ohne Stromimporte auskommen wird. Dabei werden die Lieferanten aus der EU selber zunehmend zu Nettoimporteuren. Ohne Stromabkommen mit der Europäischen Union geht es kaum, und dieses gibt es nur, wenn die Schweiz das Rahmenabkommen ratifiziert.

Dennoch liefert die Studie zusammen mit dem kürzlich erschienenen Buch des Waadtländer SP-Nationalrats Roger Nordmann eine gute Grundlage, um den Ausbau der Photovoltaik in der Schweiz zu beschleunigen. Die Hoffnungen ruhen nicht zuletzt auf dem neuen, grüneren Parlament. Die Realisierung der solaren Energiezukunft ist ein Kraftakt. Aber keine Hexerei.

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