DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Der Anteil an Sonnen- und Windenergie ist in der Schweiz verschwindend klein.
Der Anteil an Sonnen- und Windenergie ist in der Schweiz verschwindend klein. bild: keystone, montage: watson

EU-Staaten machen vorwärts mit erneuerbaren Energien – aber wie grün ist die Schweiz?

29.05.2019, 00:0129.05.2019, 02:54

Weniger Strom von Kohle-Kraftwerken in der EU

Seit knapp zwei Wochen ist die Stromproduktion in Grossbritannien komplett kohlefrei. Dies berichtete die Zeitung «The Guardian» und veröffentlichte dazu eine Grafik, auf der zu sehen ist, wie sich die Stromerzeugung in den EU-Staaten in den letzten zehn Jahren entwickelt hat.

Deutlich sichtbar zu erkennen ist, dass in den meisten EU-Staaten der Anteil der Stromerzeugung aus Kohle zwischen 2000 und 2018 gesunken ist. Ausser in Holland. Dort steigt die Kohle-Kurve leicht nach oben. Die erneuerbaren Energieträger stiegen überall, ausser in Lettland, wo sich die Kurve alle paar Jahre etwas nach unten oder nach oben verschiebt.

«The Guardian» schreibt, so erfreulich die Grafik im ersten Moment scheine, gebe es eine Kehrseite der Medaille: Insbesondere die von Kohle abhängigen Volkswirtschaften in Mitteleuropa treiben die Ausmusterung des schmutzigen Brennstoffs nur langsam voran. So hat Deutschland die Stilllegung aller Kohlekraftwerke bis 2038 hinausgeschoben und wird das Ziel, bis 2020 40 Prozent der Treibhausgasemissionen zu reduzieren, nicht erreichen.

Schweden hatte 2018 den geringsten Anteil an Strom aus fossilen Brennstoffen, stattdessen wurde ein Mix aus erneuerbaren Energien und Kernenergie genutzt.

Die Entwicklung des Strommix der EU-Länder von 2008 bis 2018

schwarz: Kohlekraftwerke, dunkelgrau: andere fossile Brennstoffe, hellgrau: Atomkraftwerke, grün: erneuerbare Energieträger.
schwarz: Kohlekraftwerke, dunkelgrau: andere fossile Brennstoffe, hellgrau: Atomkraftwerke, grün: erneuerbare Energieträger. screenshot: reddit

Keine Kohle-, aber wenig Sonnen- und Windenergie in der Schweiz

Die Schweiz ist auf der Grafik nicht mit aufgelistet. Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass hierzulande die Wasserkraft mit fast 60 Prozent der grösste Stromerzeuger ist. Zu 30 Prozent beziehen wir unseren Strom von Kernkraftwerken und die restliche Stromproduktion stammt vor allem von Thermischen Kraftwerken und Photovoltaikanlagen.

Damit schneidet der Strommix der Schweiz immer noch besser ab als derjenige der EU. Aber der schleppende Ausbau von Solar- und Windenergieanlagen kontrastiere «mit dem enormen Ausbaupotenzial» dieser Energieträger in der Schweiz. So schreibt es die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) in einer Mitteilung vom Mittwoch. Sie hat in einer Studie die Solar- und Windenergieproduktion der Schweiz mit den EU-Ländern verglichen. Die Bilanz ist vernichtend.

Im Vergleich mit EU-Staaten auf drittletztem Platz

Die Schweiz produziert pro Jahr und Einwohner nur rund 250 Kilowattstunden Sonnen- und Windstrom. Das entspricht ungefähr dem Jahresstromverbrauch eines halbwegs effizienten Geschirrspülers. Damit landet sie im Vergleich mit den 28 EU-Ländern auf dem 25. Platz. Der Gesamtanteil dieser neuen erneuerbaren Energien am Stromverbrauch bleibe in der Schweiz «kaum nennenswert», sagt die SES-Projektverantwortliche Tonja Iten.

Schweizerinnen und Schweizer verbrauchen pro Kopf und Jahr ungefähr 7000 kWh Strom. Wind- und Sonnenstrom decken hierzulande zusammen gerade einmal 3.7 Prozent des Bedarfs. Beim Leader Dänemark sind es mit jährlich 2500 kWh pro Einwohner knapp 50 Prozent. Dahinter folgen Photovoltaik-Spitzenreiter Deutschland mit einer Produktion von 1905 kWH und Schweden mit 1691 kWh.

Windenergie: Kapazität ist in der Schweiz längt nicht erreicht.
Windenergie: Kapazität ist in der Schweiz längt nicht erreicht.Bild: KEYSTONE

Schlechter platziert als die Schweiz sind nur gerade Ungarn, Slowenien, die Slowakei und Lettland. Das sei «bedenklich» für ein Land, «das sich gerne mit seine fortschrittlichen Strompolitik und -erzeugung brüstet», wird Projektverantwortliche Tonja Iten in einer Mitteilung zitiert.

Enormes Ausbaupotenzial

Das Bundesamt für Energie schätzte kürzlich, dass in der Schweiz alleine auf Hausdächern und an Hausfassaden jährlich 67 Terrawattstunden Strom erzeugt werden könnten. Das übersteige den gegenwärtigen Stromverbrauch im Land von 58 TWh pro Jahr deutlich. Zudem seien die Preise für Photovoltaik- und Windenergieanlagen in den vergangenen Jahren stark eingebrochen.

Das vorhandene Potenzial kontrastiere mit der «Deckelpolitik der Schweiz», vor allem bei der Photovoltaik. Dort sei der Netzzuschlag im letzten Jahr zwar auf 2.3 Rappen pro kWh erhöht worden. Doch die Förderung sei zeitlich befristet, die Zuschläge würden ineffizient verteilt und wegen der «rigorosen Wartelistenpolitik» blockiert.

Das führe dazu, dass Betreiber von Fotovoltaikanlagen lange auf die Vergütung warten müssten. Und auf eine Einspeisevergütung hätten neue Projekte gar keine Chance mehr. Für Grossanlagen seien die Erlöse am Strommarkt damit zu tief, als dass sie sich refinanzieren könnten.

Bessere Förderinstrumente

Gemäss SES setzen die meisten EU-Staaten «zielführende Förderinstrumente für die erneuerbaren Energien ein» und schützen neue Kraftwerke durch gesetzlich garantierte Minimalvergütungen vor Preisschwankungen. Damit wolle die EU ihre ambitionierten Energiewende- und Klimaziele erreichen.

«Die Schweiz täte gut daran, diesen Bemühungen zu folgen», folgert Iten. Denn es sei dringend notwendig, den Atomstrom und die fossilen Energieträger mit einem Ausbau der erneuerbaren Energien zu ersetzen. Nur so könne die Energiewende in der Schweiz umgesetzt werden. (sar/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

So viel Stromkosten pro Jahr verursachen Handy, PC, TV, Kühlschrank und andere Geräte wirklich

1 / 21
So viel Stromkosten pro Jahr verursachen Handy, PC, TV, Kühlschrank und andere Geräte wirklich
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Dieses Haus produziert 7x mehr Energie als es verbraucht

Video: srf

Abonniere unseren Newsletter

62 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Ökonometriker
29.05.2019 06:21registriert Januar 2017
Es wäre so einfach: Bewilligungspflicht für Solarinstallationen abschaffen und zuschauen, wie sich das Problem von selbst löst. Ein typisches Beispiel für Überregulation.
9910
Melden
Zum Kommentar
avatar
TheNormalOne
29.05.2019 06:18registriert Mai 2019
Da der Anteil der Wasserkraft, und ja, auch das ist ein erneuerbarer Energieträger, beim Schweizer Strommix bei 60% liegt, stehen wir (auch im Vergleich zum restlichen Europa) sehr gut da.
Unsere Grafik wäre also ähnlich wie Jene von Schweden.
4911
Melden
Zum Kommentar
avatar
Toerpe Zwerg
29.05.2019 07:01registriert Februar 2014
Merke: Es gibt ganz liebe und gute Erneuerbare. Das sind die Windrädli und die Sonnensammler. Die muss man haben und ganz fest subventionieren, sonst ist man ganz schlecht in einer Rangliste. Es gibt auch Wasserrädli, aber die sind alt und nicht so gut und lieb, gibt nur wenig Pünktli.

Und merke weiter: Weil so zielführende und intelligente Fördermassnahmen für die lieben Erneuerbaren eingesetzt werden, kostet der Strom so wenig, dass die Wasserrädli auch subventioniert werden müssen. Auch wenn der Strom aber zu billig ist, ist er für Dich trotzdem viel teuerer.

Momoll, saubere Sache.
2511
Melden
Zum Kommentar
62
Die EU spart Gas – und die Schweiz? Der Bundesrat ist gefordert
Der Bundesrat trifft sich zur ersten Sitzung nach der Sommerpause. Im Zentrum dürfte die drohende Energiekrise im Winter stehen. Die Schweiz steht unter Druck, den EU-Sparzielen zu folgen.

Nach der letzten Sitzung vor den Sommerferien musste der Bundesrat etwas tun, worauf er erklärtermassen lieber verzichtet hätte. Er musste das Land ein weiteres Mal auf eine Krise einstellen. Dieses Mal ging es nicht um ein Virus, sondern um einen drohenden Energiemangel im Winter, nachdem Russland die Gasexporte nach Europa gedrosselt hat.

Zur Story