«Das hat es noch nie gegeben»: Schweizer Fischwelt erlebt eine Katastrophe
«Katastrophal!» So beschreibt David Bittner, Geschäftsführer des Schweizerischen Fischerei-Verbands, die Situation der Fische in der Schweiz. «Wir gehen jetzt schon von Hunderttausenden toten Fischen aus. Und wenn das so weitergeht, werden es in zwei, drei Wochen Millionen sein.» Das habe es noch nie gegeben in der Geschichte der Schweizer Fischwelt.
Dafür gibt es zwei Ursachen, die Hand in Hand gehen. Das fehlende Wasser und die hohen Wassertemperaturen. Besonders stark betroffen sind kleine Gewässer. In immer längeren Bach- und Flussabschnitten verschwindet das Wasser. «Viele Helfer stossen an die Grenzen des Machbaren, was Rettungsaktionen für die Fische betrifft. Es gibt keine guten Lebensräume, sprich Ersatz-Habitate mehr, wo man die gefährdeten Fische fürs Überleben hinbringen könnte», sagt Bittner.
Hat es kein Wasser in Bach- und Flussabschnitten, sterben nicht nur die Fische, sondern auch Muscheln, Krebse und Insekten, alle Lebewesen. Von den Insekten leben auch die Vögel und Amphibien.
Dazu kommt der Dauerstress durch die warmen Wassertemperaturen. «Die Fische leiden an Organversagen, wenn sie dauernd im warmen Wasser schwimmen, indem es immer weniger Sauerstoff hat. Ab 20 Grad haben sie Stress, aber ab 23 Grad wird dieser gefährlich. Ab 25 Grad ist die Wärme ein Todesurteil. Wir haben immer mehr Gewässer, in denen diese Marke überschritten wird», sagt der Biologe Bittner.
Die kälteren Zuflüsse fallen weg
Bei den Bächen ist das fehlende Wasser das Hauptproblem, bei den grösseren Flüssen die Temperatur. Aare, Reuss und Limmat sind alle oft über 25 Grad warm. Und die kälteren Zuflüsse, in die sich die Fische retten könnten, fallen weg. Die Fischarten Äsche, Forelle, Groppe und Elritze sind besonders gefährdet.
Etwas weniger dramatisch ist die Situation in den Seen, dort können die Fische noch in kühlere, tiefere Lagen ausweichen. Trotzdem sei bei weitem nicht alles in Ordnung, weil sich das Ökosystem in den Seen verändere; insbesondere die Schichtung zwischen kaltem und warmem Wasser und damit auch die Stoffwechsel- und Nahrungsketten. Verändern sich die Nahrungsketten, finden die Fische in ihrem Lebensraum keine Nahrung mehr, zum Beispiel wenn flache Uferzonen austrocknen. Ein Fischsterben wie in den Bächen und Flüssen gebe es im See aber nicht.
Verschont vom Fischsterben sind die Bergregionen. Dort sind die Wassertemperaturen tiefer und das Wassereinzugsgebiet ist grösser, auch wegen des Schmelzwassers der Gletscher. Die Wassernutzung ist zudem in den Alpen viel weniger stark als im Mittelland, wo jeder von uns rund 150 Liter täglich für die Toilette, Dusche und das Kochen braucht und die Landwirtschaft mit Bewässerungen ihre Kulturen retten will.
Bestände sind langfristig in Gefahr
Der Hitzesommer wird nach Bittner nachhaltige Folgen haben. «Es wird Jahre dauern, bis sich die Fischbestände erholen», sagt der Geschäftsführer des Fischerei-Verbands. «Die Bestände sind jetzt schon im Keller. Wenn sich solche Hitzesommer wiederholen, werden sich die Bestände vielerorts nicht erholen können.»
Das zu ändern, ist auch mit Aufzuchten in Fischzuchten nicht so einfach möglich, wie Bittner erklärt. «Bei der Forelle zum Beispiel gibt es Tausende verschiedene genetisch differenzierte Populationen. Die sind jeweils angepasst an ihr Gewässer.» Jedes Gewässer ist einzigartig, was zum Beispiel die chemische Zusammensetzung, die Nahrung und die Bewohner betrifft. Geht ein Forellenstamm verloren, kann man diesen nicht einfach ersetzen. Bei vielen Fischpopulationen entstehe deshalb ein riesiger irreparabler Schaden, was die Vielfalt und damit die Biodiversität als Ganzes betreffe.
Ratten stört die Hitze nicht
Im Gegensatz zu den Fischen sind die Ratten in den Städten von der Hitze nicht geplagt, wie Marcus Schmidt, Experte der Fachstelle für Schädlingsprävention der Stadt Zürich, erklärt. Da sich Ratten bevorzugt in der Nähe von Gewässern aufhalten und dort auch nisten, also bei Seen, Flüssen und in der Kanalisation, ist die Trockenheit für Ratten in einer Stadt wie Zürich momentan kein Problem. «Ratten sind hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv. Sie gehen nachts trinken und auf Futtersuche. Dann ist auch die Hitze nicht so stark», sagt Schmidt. Und auf die Vermehrung hat die Hitze keinen Einfluss, da entscheiden Reviergrösse, Nistmöglichkeiten und Futterangebot.
Dass es bald zu Kakerlaken-Ansammlungen kommt wie am Mittelmeer, ist auch nicht zu befürchten. Heisse Bedingungen mögen alle Insekten, vor allem auch Ameisen und Wespen sowie wärmeliebende invasive Arten wie Asiatische Hornisse und die Drüsenameise Tapinoma magnum.
In der Schädlingsprävention gibt es vermehrt Anfragen zu den harmlosen, einheimischen Waldschaben, die sich in den Gärten entwickeln. Bei den tropischen Schädlings-Schaben, hauptsächlich die Deutsche Schabe, zeigt sich keine Veränderung. Kommen diese vor, müssen sie von einer professionellen Schädlingsbekämpfungsfirma bekämpft werden.
Waldschaben dagegen sind nur Irrgäste und werden nicht bekämpft. Nach zwei bis drei Tagen sind sie nicht mehr im Haus und vermehren sich auch nicht. Gegen diese helfen Insektengitter an den Fenstern, die auch gegen andere Eindringlinge wie Fliegen und die zurzeit vielen Stechmücken helfen.

