Die Tragödie von Swissair 111 – lohnt sich der Film?
Katastrophenfilme haben ein Problem: Ihr Ende steht schon fest. Man wartet weniger darauf, ob etwas passiert, als darauf, wann. Bei «111 – Echoes From Halifax» von Regisseur Mauro Mueller kennt man das Ende: Der Swissair-Flug 111 stürzte am 2. September 1998 auf dem Weg von New York nach Genf vor der kanadischen Küste ins Meer.
Nach dem Start wird Rauch im Cockpit bemerkt, die Maschine nimmt Kurs auf Halifax. Dann reisst der Funkkontakt ab; später stürzt sie in den Atlantik. Mueller zeigt das nicht. Stattdessen setzt er bei einer kanadischen Familie ein, die den Absturz beim Abendessen hört. Gegenüber dem US‑Filmmagazin «Variety» sagt Mueller, ihn habe nicht interessiert, «ob die Menschen überleben», sondern «wie man nach so etwas weiterlebt». Er setzt auf magischen Realismus: Trauer soll Zeit und Zufälle anders erscheinen lassen. Das wäre ein reizvoller Ansatz. Doch gerade, wenn der grosse Knall ausbleibt, müssen die Figuren umso mehr tragen.
Vor dem Absturz
Nach dem Abstruz spuhlt «111» zum «Davor»: In Zürich stellt Swissair-Mitarbeiterin Carine (Ursina Lardi) eine Crew zusammen, in den USA packt der junge Mann Jacob für eine Reise in die Schweiz, in Genf wartet Teenagerin Lou auf ihre Mutter, die aus New York heimkehrt. Nach dem Absturz wird klar, was hinter diesen Szenen steckt: Jacob verabschiedet sich von seinem Vater mit einer Kälte, die fast schlimmer ist, als es jeder Streit sein könnte. Lou trägt ihren Ärger über ihre Mutter und deren neuen Partner mit sich herum und legt beim letzten Telefonat genervt auf.
Die Beziehungen sind von Verletzungen geprägt, über die kaum gesprochen wird. Emotional werden sie für den Zuschauer kaum spürbar. Der Absturz könnte ihnen eine neue Bedeutung geben: Denn mit der Katastrophe werden ungelöste Konflikte plötzlich endgültig.
Darin steckt starkes Drama. «111» müsste die Grauzonen dieser Beziehungen nur länger aushalten: Liebe und Kränkung, Abhängigkeit und Abwehr, den Wunsch nach Nähe und den Reflex, sich ihr zu entziehen. Stattdessen sind die Konflikte schnell lesbar: Man erkennt gleich, welche Wunde später eine Rolle spielen soll. Bei Jacob etwa genügt der Abschied von Vater Saul, um die Tragweite des Kommenden zu ahnen. Später quält er sich mit der Frage, ob er seinen Sohn überhaupt hätte fliegen lassen sollen. Der Film deutet damit eine Schuld an, die er emotional kaum auslotet. Für packende Komplexität reicht das nicht.
Ursina Lardi hält den Film zusammen
An Lardi zeigt sich, welches Drama in «111» stecken könnte: Als Carine spielt sie eine Frau, die trotz des Schmerzes versucht, weiterzufunktionieren. Schon vor dem Absturz ist Abschiednehmen Teil ihres Lebens: Ihr Ehemann ist an Demenz erkrankt. Diese Verbindung erinnert auffällig an Helgard Haugs Buch «All right. Good night.», das dieselben beiden Verlusterfahrungen miteinander verschränkt.
Zugleich ist Carine von Schuld geprägt: Kurz vor dem Abflug hat sie eine Stewardess auf den Flug gesetzt. Dass sie nach der Katastrophe als Caretakerin für die Angehörigen in Halifax da ist, gibt ihrer Figur eine schmerzhafte Resonanz.
Lardi braucht wenig, um die innere Erschütterung sichtbar zu machen: Sie vertraut auf ihre Emotionen und macht damit vor, was dem Drehbuch bei den übrigen Figuren fehlt, etwa wenn sie für Saul da ist und seinen Frust geduldig aushält.
Deutlicher wird das Problem, sobald «111» zum Ensemble zurückkehrt: Der Film springt zwischen den Schicksalen hin und her. Er lässt die Figuren aufeinandertreffen und baut eine Annäherung zwischen Carine und Saul auf. Manche Begegnungen wirken weniger wie Zufall als wie Stationen auf einem dramaturgischen Plan: Dass sich die Wege immer wieder kreuzen, wirkt bisweilen so gewollt, dass die Katastrophe zum Vorwand für eine möglichst bewegende Geschichte wird.
Katastrophenfilm ohne Katastrophe?
Einen Flugzeugabsturz nachzuerzählen, birgt die Gefahr, aus realem Leid ein Spektakel zu machen. Mueller umgeht sie, indem er auf Bilder des Absturzes verzichtet. Das ist mutiger, als das Unglück möglichst spektakulär nachzustellen. Nur ersetzt der Verzicht keine Spannung. Wenn kein brennendes Flugzeug die Aufmerksamkeit bindet, muss es die Inszenierung selbst tun.
«111 – Echoes From Halifax» hat die richtige Grundidee, macht aber zu wenig daraus. Der fehlende Absturz könnte jede Szene bestimmen. Stattdessen bleibt die Inszenierung häufig so vorsichtig wie ihre Form. Den grossen Knall wegzulassen, war die interessanteste Entscheidung. Nur fehlt dem Film danach zu oft das Echo.
«111 – Echoes from Halifax», ab 1. Oktober im Kino (schweizheute.ch)
