Wunderdorf-Streit eskaliert: «Betrübte Gastronomen sollen sich an eigene Nase nehmen»
Das Wunderdorf ist zur Zielscheibe der Badener Gastronomen geworden. «Zu viel des Guten» sei der Weihnachtsmarkt mit den 16 Foodständen auf dem Theaterplatz. Das sei zu viel Konkurrenz für die ansässigen Restaurants, schrieb Carlos Ferreira vom «Colombo».
Sein Facebook-Post wurde fast 70-Mal geteilt. Die einheimischen Gastronomen müssten das ganze Jahr Mieten, Steuern und Gebühren zahlen. Er fordert Transparenz, Gleichbehandlung und einen Dialog mit der Stadt. Auch andere Beizer kritisieren die lange Dauer von acht Wochen.
Weil die Stadt Baden das Wunderdorf verteidigt hat, legt Ferreira nach. «Ich möchte es nochmals unmissverständlich klarstellen: Wir sind nicht gegen das Wunderdorf. Wir kritisieren das aktuelle Konzept.»
Dieses vermittle zunehmend den Eindruck eines Food-Festivals und entferne sich deutlich von der ursprünglichen Idee und Atmosphäre eines Weihnachtsdorfs. «Es macht mich sehr nachdenklich und ist äusserst bedauerlich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Sorgen und Einwände von Gastronomen und dem lokalen Gewerbe kleingeredet oder relativiert werden», so Ferreira zur Haltung der Stadt.
«Sollen sich um ihr Geschäft kümmern»
Jetzt äussert sich Wunderdorf-Betreiber Herbert Maerki zur Kritik. Er hält vehement dagegen: «Es ist an der Zeit, dass sich die betrübten Gastronomen an der eigenen Nase nehmen. Sie sollten sich um ihr Geschäft kümmern, anstatt uns als Sündenbock zu gebrauchen.»
Die Produktion und der Betrieb des Wunderdorfs seien jedes Jahr mit sehr hohen Investitionen und Kosten verbunden, erklärt er. Mieten der Flächen und Lager, Kosten für Strom, Wasser und das Mehrwegsystem belaufen sich auf 154'000 Franken. Hinzu kämen Personalkosten: Aktuell arbeiten sechs Festangestellte und rund 45 temporär angestellte Personen für das Wunderdorf.
«Dieser grosse Aufwand und das entsprechende Risiko sind vermutlich auch der Grund dafür, dass sich die Badener Gastronomen in der Weihnachtszeit nicht bewegen und selbst nichts auf die Beine stellen», glaubt er.
Ein Beispiel «für die Bewegungslosigkeit der hiesigen Gastronomie» sei die Tatsache, dass der Brown-Boveri-Platz dieses Jahr zur Weihnachtszeit von einer Zürcher Agentur bespielt werde. Maerki stellt die Frage, warum die Badener Gastronomen dort keinen eigenen Event durchführen.
«Keine Zuwendungen der öffentlichen Hand»
Im Übrigen unterstehe man dem Landes-Gesamtarbeitsvertrag des Gastgewerbes, bezahle marktübliche und faire Löhne, Sozialabgaben, Mitarbeiterversicherungen und Mehrwertsteuer. Zudem sei man in Baden steuerpflichtig, habe den Sitz am Theaterplatz 8a, den man das ganze Jahr über miete. «Das Wunderdorf erhält keinerlei Zuwendungen der öffentlichen Hand. Alle Leistungen der Stadt Baden und deren Betriebe werden uns in Rechnung gestellt», führt Maerki aus.
«Da wir einen reinen Outdoor-Event mit Selbstbedienung veranstalten, kann das Wunderdorf keine Konkurrenz zur üblichen Gastronomie darstellen», findet er. Im Gegenteil – man hole ein breites Publikum in die Stadt. «Das grosse Besucheraufkommen zeigt, dass der frühzeitige Beginn und die Dauer des Wunderdorfs ein grosses Bedürfnis der Bevölkerung sind.»
Damit geht Maerki auch auf die Dauer von acht Wochen ein, die von den Gastronomen als zu lange taxiert wird. Gleicher Meinung sind 80 Prozent der Leserinnen und Leser dieser Zeitung, die an einer Online-Umfrage teilgenommen haben.
«Bei uns sind alle willkommen – nicht wie …»
Weitere Winterdorf-Angebote in der Stadt wären aus Sicht von Maerki super. «Wir haben in gemeinsamen Sitzungen mit der Stadt immer wieder erwähnt, dass ein Winterdorf in der Weiten Gasse oder auf dem Cordula fehlt. Ein Cordula-Dörfli wäre eine tolle Ergänzung.»
Doch an einem offiziellen Meeting sei gesagt worden, dass niemand aus der Weiten Gasse mitmachen wolle und weder Zeit noch Geld vorhanden sei. «Die Stadt solle handeln», sei gesagt worden, so Maerki. «Diese Haltung, dass die Stadt handeln solle, ist offenbar bei den reklamierenden Gastronomen ein roter Faden. Neu wollen sie, dass die Stadt ihnen unsere Häuschen zur Verfügung stellt.»
Wer will, könne die Häuschen beim Wunderdorf selbst mieten, so wie es auch die erfolgreichen Gastronomen von Le Passage machten – ebenfalls Gastronomen aus Baden. «Doch auf Anfrage heisst es, unsere Mieten seien für die Gastronomen zu teuer», führt Maerki aus. Langzeitmieter wie Tenz, Rudolfs Knoblibrot, Crêpes Royal, Le Passage oder Samten – ebenfalls alles Gastronomen aus der Region – kämen allerdings mit Freude jährlich wieder.
Maerki teilt in seiner Stellungnahme an diese Zeitung auch noch einen kleinen Seitenhieb an Carlos Ferreira aus, der die Debatte ums Wunderdorf ins Rollen gebracht hat. «Bei uns im Wunderdorf sind alle Menschen willkommen – nicht wie bei denen, die jetzt laut schreien, aber Plakate an ihr Restaurant hängen, dass Kinder nicht willkommen seien», so Maerki.
Beim Colombo sorgte diesen Februar ein Aushang für Diskussionen, auf dem stand: «Wir sind keine Kinderkrippe und kein Spielplatz.» Im Schreiben weisen Gastgeber Carlos Ferreira und sein Team auf die Verhaltensregeln in der Gaststätte hin und bitten Eltern, ihre Kinder jederzeit zu beaufsichtigen. (aargauerzeitung.ch)
