Wer in der Schweiz entscheidet – die Hälfte der Abstimmenden ist über 60
Die Hälfte der Abstimmenden in der Schweiz steht kurz vor der Pensionierung oder bezieht bereits Rente. Das zeigt eine neue Analyse von Avenir Suisse. Ein Grund: die deutlich höhere Stimmbeteiligung bei den älteren Jahrgängen.
Die durchschnittliche Abstimmende ist deutlich älter als der durchschnittliche Bürger der Schweiz. Das Medianalter der Wohnbevölkerung (die eine Hälfte ist jünger, die andere älter) liegt bei 43 Jahren. Zieht man die unter 18-Jährigen ab, erhöht es sich auf 49,5 Jahre.
Alte stimmen doppelt so häufig ab wie Junge
Weil Personen ohne Schweizer Pass kein Stimmrecht haben, fällt die im Schnitt deutlich jüngere ausländische Wohnbevölkerung ebenfalls weg. Das Medianalter der Stimmberechtigten liegt deshalb bei 53,5 Jahren.
Stimmberechtigt heisst jedoch nicht, dass die Person auch abstimmen geht. Ältere Jahrgänge stimmen doppelt so häufig ab wie die jüngeren. So liegt die Stimmbeteiligung bei 20- bis 29-Jährigen nur um die 30 Prozent. Bei 70- bis 79-Jährigen liegt sie über 60 Prozent. Das Medianalter der effektiv Abstimmenden liegt deshalb noch höher: bei 59,6 Jahren.
Seit dem Jahr 2000 haben sich die Altersunterschiede stets vergrössert. Bis 2050 prognostiziert die Analyse, dass der Abstand grösser wird, auch wenn das Medianalter der Abstimmenden ab 2030 wieder langsamer ansteigt.
Ältere Jahrgänge entscheiden Abstimmungen für sich
Welchen Effekt das auf politische Entscheide hat, zeigen Abstimmungen wie diese um die Einführung einer 13. AHV-Rente. Drei Viertel der 60- bis 69-Jährigen und 59 Prozent der über 70-Jährigen stimmten für die Vorlage. Die unter 40-jährigen Stimmbürgerinnen und Stimmbürger lehnten die 13. AHV ab.
Natürlich ist das Alter bei Weitem nicht der einzige Faktor, der das Abstimmungsverhalten beeinflusst. Dennoch darf man es gemäss der Studie nicht ignorieren. Die alte Stimmbevölkerung konnte seit dem Jahr 2000 Abstimmungen mehrheitlich gewinnen. Weil der Eigennutzen beim Abstimmungsverhalten eine wichtige Rolle spielt, bevorzugen die Alten tendenziell höhere Renten- und Gesundheitsausgaben gegenüber Leistungen für Arbeitnehmende.
Antworten sind wenig wirkungsvoll oder gar problematisch
Selbst ein Stimmrechtsalter ab 16 Jahren oder ein Ausländerstimmrecht würde das Medianalter laut Studie nur leicht senken. Andere Ideen wie ein Stimmzwang hätten zwar grössere Auswirkungen, wären demokratiepolitisch aber problematisch. Ebenso die Ungleichgewichtung der Stimmen nach Alter – dass etwa die Stimme einer alten Person weniger zählt.
Die Frage bleibt, ob die alternde Wählerschaft überhaupt ein Problem ist. Das hohe Medianalter der Abstimmenden bleibe gemäss der Studie eine Realität, die bei politischen Entscheiden einflussreich sein kann. Gerade dann, wenn Kosten und Nutzen sich auf verschiedene Altersgruppen verteilen. (olj)
