«Wie eine Schwerverbrecherin» – 23-jährige Schweizerin am Flughafen von ICE abgeführt
Am 30. Oktober nahmen Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE eine Schweizerin am Flughafen in Dallas, Texas fest. Es handelt sich um eine 23-jährige Zürcherin, die in den USA wohnhaft und mit einem US-Bürger verheiratet ist.
Sie befand sich auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrer Familie, die aus der Schweiz angereist war. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA bestätigt die Festnahme gegenüber watson.
watson hat mit der Familie der jungen Frau gesprochen. Sie hat ihr Einverständnis gegeben, dass watson ihre Geschichte erzählt. Zu ihrem Schutz möchte sie anonym bleiben. Wir nennen sie hier Paula*.
Neues Leben in den USA
Die Geschichte von Paula beginnt 2023. In diesem Jahr bricht sie für ein Jahr nach Dallas auf, wo sie bei einer Familie als Au-pair arbeitet. Sie verliebt sich in ihren heutigen Mann, einen US-Amerikaner. Paula verlängert ihren Aufenthalt, dann muss sie aus Visumsgründen zwischenzeitlich in die Schweiz zurückkehren.
Mitte 2025 geht sie erneut in die USA, wo sie heiratet. Das Paar beantragt eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung, eine sogenannte Green Card, für Paula. Sie ziehen in eine Wohnung in Dallas, kaufen einen Hund, planen ihre Zukunft. Doch Paulas Aufenthaltsbewilligung lässt auf sich warten.
Aus den USA ausreisen kann Paula seither nicht, aus Angst, dass ihr die Wiedereinreise ins Land verweigert wird. Also beschliesst ihre Familie – Paulas Mutter, deren Lebensgefährte und Paulas Geschwister –, zu ihr zu kommen.
Drei Wochen wollen sie gemeinsam verbringen, nachdem sie sich über ein Jahr nicht gesehen haben. Sie mieten ein Haus in einem Ferienort in einem anderen Bundesstaat, sie freuen sich auf die gemeinsame Zeit.
Abgeführt auf dem Weg zum Gate
Was danach geschah, schildert der Lebensgefährte von Paulas Mutter, den wir im Folgenden Matthias* nennen. Er bezieht sich dabei auf Erzählungen von Paulas Ehemann und von Paula selbst.
Paula und ihr Mann hätten sich vor der Reise in den gemeinsamen Familienurlaub noch überlegt, das Auto zu nehmen. Die politische Stimmung habe sie besorgt. Immer wieder hätten sie von Festnahmen durch ICE erfahren, auch im eigenen Umfeld.
Sie hätten sich vor der Reise darum bei einer lokalen Behörde erkundigt, ob Paula bei einem Inlandsflug Probleme wegen ihres Aufenthaltsstatus bekommen könnte, erzählt Matthias. Erst danach hätten sie sich entschlossen, zu fliegen.
Am Flughafen in Dallas seien Paula und ihr Mann bereits auf dem Weg zum Gate gewesen, als drei Männer in Zivil mehrmals Paulas Namen gerufen hätten. Diese habe zunächst nicht verstanden, worum es ging.
Die Männer hätten sich schliesslich als ICE-Beamte zu erkennen gegeben und ihr mitgeteilt, dass sie sich illegal im Land aufhalte. Paulas Mann habe zu erklären versucht, dass sie verheiratet seien und sie alle Papiere bereits beantragt hätten. Es habe nichts genützt. Die ICE-Beamten führten Paula ab, bevor sie ins Flugzeug steigen konnte, das sie zu ihrer Familie bringen sollte.
«Sie konnte nichts mitnehmen. Sogar ihre Handtasche musste sie bei ihrem Mann zurücklassen», erzählt Matthias. Paulas Mann habe gleich darauf die Familie verständigt. Wohin Paula gebracht wurde, wussten sie zu diesem Zeitpunkt nicht.
Erst zwei Tage später hätten sie das erste Mal mit ihr telefonieren können, erzählt Matthias.
Wie eine Schwerverbrecherin behandelt
Paula sei zunächst in ein sogenanntes Detention Center, ein Ausschaffungsgefängnis nördlich von Dallas, gebracht worden. Später habe man sie in eine Haftanstalt in Oklahoma, im benachbarten Bundesstaat, verlegt. «Sie kam in ein richtiges Gefängnis. Mit orangem Anzug, mit Fuss- und Handfesseln, ohne Privatsphäre. Sie wurde wie eine Schwerverbrecherin behandelt», erzählt Matthias.
Wenig später sei sie in das Ausschaffungsgefängnis in der Nähe von Dallas zurückverlegt worden, wo sie sich gemäss ihrer Familie noch immer befindet.
Warum sie verlegt wurde oder wie es mit ihr weitergeht, habe man ihr nicht mitgeteilt. «Es ist völlig intransparent», sagt Matthias.
Belastende Situation für die Familie
Paulas Familie sei bereits am Flughafen in Zürich gewesen, als sie von ihrer Festnahme erfahren habe. Sie entschieden sich, trotzdem in die USA zu reisen, um Paula von dort aus besser helfen zu können. Die Situation sei belastend: «Die ganze Familie ist da. Nur sie, die Hauptperson, fehlt.»
Paulas Familie informierte das EDA, kontaktierte Rechtsanwälte und überlegte sich, rechtliche Schritte einzuleiten. Eine Klage wäre jedoch mit hohen Kosten und einem langwierigen Verfahren verbunden. Paula müsste unter Umständen mehrere Monate in Haft bleiben. Matthias sagt:
Ein Sprecher des EDA teilt gegenüber watson mit, das Schweizerische Generalkonsulat in Atlanta stehe in Kontakt mit den zuständigen Behörden und den Angehörigen. Das EDA könne aber weder Haftentlassungen erwirken noch in Gerichtsverfahren eingreifen, heisst es weiter.
Die inhaftierte Person werde vom EDA über ihre Verteidigungsrechte informiert. Zudem versuche es sicherzustellen, dass das Recht auf menschenwürdige Haftbedingungen respektiert werde.
Auf Wunsch der inhaftierten Person informiert das EDA die Angehörigen der betroffenen Person über den Freiheitsentzug. Falls gewünscht und möglich, bekommt der oder die Inhaftierte einmal jährlich Besuch von einer offiziellen Vertretung der Schweiz im Ausland.
Die von der Familie kontaktierten Anwälte seien sich einig, sagt Matthias: «Das Einzige, was ihr übrig bleibt, ist, die Ausreise zu akzeptieren.» Bisher habe Paula nichts unterschrieben. Unterschreibe sie das Dokument, das sie zur Ausreise verpflichtet, wäre das mit einer Einreisesperre in die USA für mehrere Jahre verbunden.
Auch Paulas Ehemann müsse sich nun überlegen, ob er ihr in die Schweiz folgen würde, sollte sie abgeschoben werden. «Ich verstehe nicht, warum man ein Paar trennt, das in den USA legal geheiratet hat», sagt Matthias. Plötzlich sei nichts mehr so, wie es vorher war:
Experte spricht von politischem Kalkül
Gemäss den Angaben ihrer Familie lief Paulas Aufenthaltsgenehmigung im November aus. Zu diesem Zeitpunkt sei sie jedoch bereits verheiratet gewesen und habe die Green Card beantragt.
Paula habe sich damit in den letzten Monaten streng genommen ohne Erlaubnis in den USA aufgehalten, erklärt Stanley Radtke gegenüber watson. Er ist ein auf Einwanderung spezialisierter Anwalt in den USA und vertritt regelmässig Einwanderer und Einwanderinnen, die abgeschoben werden sollen.
Radtke sagt, er beobachte fast täglich Fälle, in denen eine Person, die auf ihre Aufenthaltsbewilligung wartet, festgenommen wird.
Das sei erst seit der zweiten Amtszeit Donald Trumps der Fall. «Davor haben die Behörden das Interview abgewartet, das final darüber entscheidet, ob jemand die Aufenthaltsbewilligung erhält oder nicht», sagt Radtke.
Auch die Wartezeit bis zum Entscheid über die Aufenthaltsbewilligung werde immer länger. Radtke sagt:
Hinter der härteren Praxis und der Verzögerung von Verfahren sieht der Anwalt politisches Kalkül. Das Vorgehen von ICE sei «bewusst grausam». Radtke sagt: «Es ist der Versuch der Trump-Regierung, die Einwanderung in die USA auf null zu bringen.»
Die Zustände in den Detention Centers beschreibt Radtke als menschenrechtsverletzend: «Das Essen ist miserabel, die Zimmer sind unbeheizt», sagt Radtke. Er vermutet:
Radtke sagt, die einzige Möglichkeit, einer Abschiebung zu entgehen, sei der rechtliche Weg. Sei das Dokument für die Ausreise einmal unterzeichnet, sei eine Rückkehr in die USA erst nach mehreren Jahren möglich.
Die Familie bereitet sich derweil darauf vor, jederzeit in die Schweiz zurückzukehren, sobald Paulas Abschiebung bevorsteht. «Wir rechnen damit, dass sie abgeschoben wird. Und wir wollen da sein, wenn sie zurückkommt.»
(*Namen von der Redaktion geändert)
