Schweiz
International

USA: ICE-Beamte nehmen Schweizerin fest

Paula* befindet sich seit mehreren Tagen in US-Abschiebehaft. Ihre Familie versucht, sie herauszuholen.
Paula* befindet sich seit mehreren Tagen in US-Abschiebehaft. Ihre Familie versucht, sie herauszuholen.Bild: zvg

«Wie eine Schwerverbrecherin» – 23-jährige Schweizerin am Flughafen von ICE abgeführt

Vergangenen Freitag wurde eine 23-jährige Schweizerin von der US-Einwanderungsbehörde ICE festgenommen. Sie befindet sich seither in Abschiebehaft. watson hat mit ihrer Familie gesprochen.
05.11.2026, 04:5905.11.2026, 06:40

Am 30. Oktober nahmen Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE eine Schweizerin am Flughafen in Dallas, Texas fest. Es handelt sich um eine 23-jährige Zürcherin, die in den USA wohnhaft und mit einem US-Bürger verheiratet ist.

Sie befand sich auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrer Familie, die aus der Schweiz angereist war. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA bestätigt die Festnahme gegenüber watson.

watson hat mit der Familie der jungen Frau gesprochen. Sie hat ihr Einverständnis gegeben, dass watson ihre Geschichte erzählt. Zu ihrem Schutz möchte sie anonym bleiben. Wir nennen sie hier Paula*.

Neues Leben in den USA

Die Geschichte von Paula beginnt 2023. In diesem Jahr bricht sie für ein Jahr nach Dallas auf, wo sie bei einer Familie als Au-pair arbeitet. Sie verliebt sich in ihren heutigen Mann, einen US-Amerikaner. Paula verlängert ihren Aufenthalt, dann muss sie aus Visumsgründen zwischenzeitlich in die Schweiz zurückkehren.

Mitte 2025 geht sie erneut in die USA, wo sie heiratet. Das Paar beantragt eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung, eine sogenannte Green Card, für Paula. Sie ziehen in eine Wohnung in Dallas, kaufen einen Hund, planen ihre Zukunft. Doch Paulas Aufenthaltsbewilligung lässt auf sich warten.

Aus den USA ausreisen kann Paula seither nicht, aus Angst, dass ihr die Wiedereinreise ins Land verweigert wird. Also beschliesst ihre Familie – Paulas Mutter, deren Lebensgefährte und Paulas Geschwister –, zu ihr zu kommen.

Drei Wochen wollen sie gemeinsam verbringen, nachdem sie sich über ein Jahr nicht gesehen haben. Sie mieten ein Haus in einem Ferienort in einem anderen Bundesstaat, sie freuen sich auf die gemeinsame Zeit.

Abgeführt auf dem Weg zum Gate

Was danach geschah, schildert der Lebensgefährte von Paulas Mutter, den wir im Folgenden Matthias* nennen. Er bezieht sich dabei auf Erzählungen von Paulas Ehemann und von Paula selbst.

Paula und ihr Mann hätten sich vor der Reise in den gemeinsamen Familienurlaub noch überlegt, das Auto zu nehmen. Die politische Stimmung habe sie besorgt. Immer wieder hätten sie von Festnahmen durch ICE erfahren, auch im eigenen Umfeld.

NY: ICE agents work at immigration court at Federal Building U.S. Immigration and Customs Enforcement ICE agents seen working at immigration court at Jacob Javits Federal Building in New York, NY on A ...
Drei vermummte ICE-Beamte am Migrationsgericht in New York. Die Behörde wurde in der zweiten Amtszeit von Donald Trump mit deutlich mehr Macht ausgestattet.Bild: www.imago-images.de

Sie hätten sich vor der Reise darum bei einer lokalen Behörde erkundigt, ob Paula bei einem Inlandsflug Probleme wegen ihres Aufenthaltsstatus bekommen könnte, erzählt Matthias. Erst danach hätten sie sich entschlossen, zu fliegen.

Am Flughafen in Dallas seien Paula und ihr Mann bereits auf dem Weg zum Gate gewesen, als drei Männer in Zivil mehrmals Paulas Namen gerufen hätten. Diese habe zunächst nicht verstanden, worum es ging.

Airplane landing at Dallas DFW mirrored in terminal, Jet aircraft landing at Dallas DFW, Texas, USA, America 3D rendering illustration. Arrival in the city with the glass airport terminal and reflecti ...
Von Dallas sollten Paula und ihr Ehemann abreisen, um Paulas Familie zu treffen. Bild: www.imago-images.de

Die Männer hätten sich schliesslich als ICE-Beamte zu erkennen gegeben und ihr mitgeteilt, dass sie sich illegal im Land aufhalte. Paulas Mann habe zu erklären versucht, dass sie verheiratet seien und sie alle Papiere bereits beantragt hätten. Es habe nichts genützt. Die ICE-Beamten führten Paula ab, bevor sie ins Flugzeug steigen konnte, das sie zu ihrer Familie bringen sollte.

«Sie konnte nichts mitnehmen. Sogar ihre Handtasche musste sie bei ihrem Mann zurücklassen», erzählt Matthias. Paulas Mann habe gleich darauf die Familie verständigt. Wohin Paula gebracht wurde, wussten sie zu diesem Zeitpunkt nicht.

Erst zwei Tage später hätten sie das erste Mal mit ihr telefonieren können, erzählt Matthias.

«Die Festnahme war ein absoluter Schock für sie. Sie ist traumatisiert.»
Matthias*

Wie eine Schwerverbrecherin behandelt

Paula sei zunächst in ein sogenanntes Detention Center, ein Ausschaffungsgefängnis nördlich von Dallas, gebracht worden. Später habe man sie in eine Haftanstalt in Oklahoma, im benachbarten Bundesstaat, verlegt. «Sie kam in ein richtiges Gefängnis. Mit orangem Anzug, mit Fuss- und Handfesseln, ohne Privatsphäre. Sie wurde wie eine Schwerverbrecherin behandelt», erzählt Matthias.

September 24, 2025, Dallas, Texas, USA: Images from the sniper attack at the ICE Detention Center in northeast Dallas TX ..The ICE Detention Center is the large white building in the center of the pho ...
Das weisse Gebäude ist das Detention Center bei Dallas, Texas. Hier wird Paula zurzeit festgehalten. Bild: www.imago-images.de

Wenig später sei sie in das Ausschaffungsgefängnis in der Nähe von Dallas zurückverlegt worden, wo sie sich gemäss ihrer Familie noch immer befindet.

«Sie schläft dort mit 70 Menschen im selben Raum.»
Matthias*

Warum sie verlegt wurde oder wie es mit ihr weitergeht, habe man ihr nicht mitgeteilt. «Es ist völlig intransparent», sagt Matthias.

Belastende Situation für die Familie

Paulas Familie sei bereits am Flughafen in Zürich gewesen, als sie von ihrer Festnahme erfahren habe. Sie entschieden sich, trotzdem in die USA zu reisen, um Paula von dort aus besser helfen zu können. Die Situation sei belastend: «Die ganze Familie ist da. Nur sie, die Hauptperson, fehlt.»

Paulas Familie informierte das EDA, kontaktierte Rechtsanwälte und überlegte sich, rechtliche Schritte einzuleiten. Eine Klage wäre jedoch mit hohen Kosten und einem langwierigen Verfahren verbunden. Paula müsste unter Umständen mehrere Monate in Haft bleiben. Matthias sagt:

«Jeder Tag ist schlimm. Wir wollen sie so schnell wie möglich dort rausholen.»
Matthias*

Ein Sprecher des EDA teilt gegenüber watson mit, das Schweizerische Generalkonsulat in Atlanta stehe in Kontakt mit den zuständigen Behörden und den Angehörigen. Das EDA könne aber weder Haftentlassungen erwirken noch in Gerichtsverfahren eingreifen, heisst es weiter.

So unterstützt das EDA im Ausland inhaftierte Schweizer Staatsangehörige
Auf Anfrage von watson sagt das EDA, dass «die Schweiz die Souveränität und die Rechtsordnung des jeweiligen Landes respektiert».

Die inhaftierte Person werde vom EDA über ihre Verteidigungsrechte informiert. Zudem versuche es sicherzustellen, dass das Recht auf menschenwürdige Haftbedingungen respektiert werde.

Auf Wunsch der inhaftierten Person informiert das EDA die Angehörigen der betroffenen Person über den Freiheitsentzug. Falls gewünscht und möglich, bekommt der oder die Inhaftierte einmal jährlich Besuch von einer offiziellen Vertretung der Schweiz im Ausland.

Die von der Familie kontaktierten Anwälte seien sich einig, sagt Matthias: «Das Einzige, was ihr übrig bleibt, ist, die Ausreise zu akzeptieren.» Bisher habe Paula nichts unterschrieben. Unterschreibe sie das Dokument, das sie zur Ausreise verpflichtet, wäre das mit einer Einreisesperre in die USA für mehrere Jahre verbunden.

Auch Paulas Ehemann müsse sich nun überlegen, ob er ihr in die Schweiz folgen würde, sollte sie abgeschoben werden. «Ich verstehe nicht, warum man ein Paar trennt, das in den USA legal geheiratet hat», sagt Matthias. Plötzlich sei nichts mehr so, wie es vorher war:

«Von einer Sekunde auf die andere wurde ihr alles weggenommen, was sie sich in den USA aufgebaut hat.»
Matthias*

Experte spricht von politischem Kalkül

Gemäss den Angaben ihrer Familie lief Paulas Aufenthaltsgenehmigung im November aus. Zu diesem Zeitpunkt sei sie jedoch bereits verheiratet gewesen und habe die Green Card beantragt.

Paula habe sich damit in den letzten Monaten streng genommen ohne Erlaubnis in den USA aufgehalten, erklärt Stanley Radtke gegenüber watson. Er ist ein auf Einwanderung spezialisierter Anwalt in den USA und vertritt regelmässig Einwanderer und Einwanderinnen, die abgeschoben werden sollen.

Stanley Radtke setzt sich als Anwalt für Immigrationsrecht unter anderem für Menschen ein, die von ICE abgeführt wurden.
Stanley Radtke setzt sich als Anwalt für Immigrationsrecht unter anderem für Menschen ein, die von ICE abgeführt wurden.Bild: zvg

Radtke sagt, er beobachte fast täglich Fälle, in denen eine Person, die auf ihre Aufenthaltsbewilligung wartet, festgenommen wird.

Das sei erst seit der zweiten Amtszeit Donald Trumps der Fall. «Davor haben die Behörden das Interview abgewartet, das final darüber entscheidet, ob jemand die Aufenthaltsbewilligung erhält oder nicht», sagt Radtke.

Auch die Wartezeit bis zum Entscheid über die Aufenthaltsbewilligung werde immer länger. Radtke sagt:

«Die Leute, die früher diese Anträge geprüft haben, werden heute dafür eingesetzt, Immigranten, die auf ihren Bescheid warten, festzunehmen.»
Stanley Radtke

Hinter der härteren Praxis und der Verzögerung von Verfahren sieht der Anwalt politisches Kalkül. Das Vorgehen von ICE sei «bewusst grausam». Radtke sagt: «Es ist der Versuch der Trump-Regierung, die Einwanderung in die USA auf null zu bringen.»

Die Zustände in den Detention Centers beschreibt Radtke als menschenrechtsverletzend: «Das Essen ist miserabel, die Zimmer sind unbeheizt», sagt Radtke. Er vermutet:

«Sie machen den Aufenthalt für die Menschen dort derart schrecklich, dass viele das Dokument unterschreiben, das sie dazu verpflichtet, die USA sofort zu verlassen.»
Stanley Radtke

Radtke sagt, die einzige Möglichkeit, einer Abschiebung zu entgehen, sei der rechtliche Weg. Sei das Dokument für die Ausreise einmal unterzeichnet, sei eine Rückkehr in die USA erst nach mehreren Jahren möglich.

Die Familie bereitet sich derweil darauf vor, jederzeit in die Schweiz zurückzukehren, sobald Paulas Abschiebung bevorsteht. «Wir rechnen damit, dass sie abgeschoben wird. Und wir wollen da sein, wenn sie zurückkommt.»

(*Namen von der Redaktion geändert)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Demo gegen ICE
1 / 11
Demo gegen ICE

Menschen in den ganzen USA gehen auf die Strasse, um gegen die ICE-Agent:innen zu demonstrieren.

Auf Facebook teilenAuf X teilen
Zohran Mamdani äussert sich zur ICE-Behörde
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Raoul Weil vor Gericht
4'000'000 Seiten Beweismaterial gegen Ex-UBS Banker 
Neues im Fall Raoul Weil: In Florida treffen sich die Anwälte vor Gericht. Der Staatsanwalt rückt mit vier Millionen Seiten Beweismaterial an. 
Raoul Weil ist in den USA wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt. Der 54-Jährige hatte Anfang Januar vor dem US-Bundesgericht in Fort Lauderdale in Florida auf nicht schuldig plädiert. Der Richter ordnete daraufhin die Beweisaufnahme an. An der Konferenz vom Mittwoch gibt das Gericht den beiden Parteien Gelegenheit, über den Fortschritt der Verhandlungen und der gegenseitigen Einsicht in das vorhandene Beweismaterial zu orientieren. Weil muss dabei nicht anwesend sein. 
Zur Story