Jugendproteste in Europa: Was die Zahlen über die Lage der Gen Z verraten
In Frankreich protestieren seit Wochen Schülerinnen und Schüler gegen fehlende Lehrkräfte, marode Schulhäuser und die Sparpläne der Regierung. Unterstützt werden sie von Lehrkräften, Eltern, Gewerkschaften und Studierenden.
Inzwischen ist der Protest über Frankreich hinausgewachsen. In Deutschland demonstrierten Ende Oktober Zehntausende junge Menschen, unter anderem gegen die Wehrpflicht, in Belgien gegen Studiengebühren. Auch in Spanien, Italien und Zürich gingen Junge auf die Strasse, in Zürich endete die Demonstration in Ausschreitungen. Die Themen sind ähnlich: Bildung, Wohnraum, Berufseinstieg und Klimakrise.
Doch wie steht es eigentlich um die Jungen in Europa? Und welches Gewicht haben sie im Staatshaushalt und in der Bevölkerung? Eine Auswertung von Daten des EU-Statistikamts Eurostat zeigt: Die Jungen stehen vielerorts schlechter da als der Rest der Bevölkerung, und gegenüber den Älteren verlieren sie an Gewicht.
Die Lage der Jungen
In allen 30 verglichenen Ländern sind die 15- bis 24-Jährigen häufiger arbeitslos als die Erwerbsbevölkerung insgesamt. Im EU-Schnitt liegt ihre Arbeitslosenquote bei 15,2 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie die Gesamtquote von 6 Prozent. In Frankreich sind 19,8 Prozent der jungen Erwerbspersonen ohne Job, gegenüber 7,7 Prozent insgesamt. Am höchsten ist die Quote in Rumänien mit 26,1, Spanien mit 24,9 und Schweden mit 24,3 Prozent. Gezählt werden dabei nur Junge, die arbeiten oder eine Stelle suchen. Wer studiert oder eine Schule besucht, fällt aus der Rechnung.
Die Schweiz gehört mit 8,8 Prozent zu den Ländern mit der tiefsten Jugendarbeitslosigkeit. Tiefer liegt nur Deutschland mit 7,1 Prozent, gleichauf sind die Niederlande. Die Schweiz und Deutschland haben beide eine stark verankerte Berufslehre, die als ein Grund für die tiefe Jugendarbeitslosigkeit gilt.
Auch beim Wohnen haben es Junge oft schwerer. In 17 von 29 Ländern sind die 15- bis 29-Jährigen häufiger von den Wohnkosten überlastet als die Bevölkerung insgesamt. Überlastet heisst: Sie geben mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen aus. Im EU-Schnitt trifft das auf 9 Prozent der Jungen zu, gegenüber 7,6 Prozent aller Menschen. Besonders gross ist der Unterschied in Dänemark mit 22,5 gegenüber 14,7 Prozent und in Norwegen mit 20,3 gegenüber 13,5 Prozent.
Frankreich liegt mit 7,4 Prozent leicht über dem eigenen Gesamtwert von 6,4 Prozent. Die Schweiz ist eine Ausnahme: Hier sind die Jungen mit 13,6 Prozent seltener überlastet als die Gesamtbevölkerung mit 15,3 Prozent. Wer noch bei den Eltern wohnt, wird mit deren Einkommen und Wohnkosten erfasst. Das dürfte die Zahl für Junge in vielen Ländern drücken.
Die Prioritäten der Staaten
Im EU-Schnitt gaben die Staaten 2024 10,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts fürs Alter aus, vor allem für Renten. Für Bildung waren es 4,7 Prozent, also weniger als die Hälfte. Mehr für Bildung als fürs Alter gibt einzig Island aus. Besonders ausgeprägt ist das Verhältnis in Italien mit 13,9 Prozent fürs Alter und 4 Prozent für Bildung. In Deutschland sind es 9,9 und 4,5 Prozent.
Frankreich gibt mit 5,1 Prozent des BIP zwar mehr für Bildung aus als der EU-Schnitt, fürs Alter aber 13,4 Prozent. Und die Schere hat sich geöffnet: Seit 2005 sind die Bildungsausgaben von 5,5 auf 5,1 Prozent des BIP gesunken. Jene fürs Alter sind im gleichen Zeitraum von 11,4 auf 13,4 Prozent gestiegen.
Die Zahlen belegen keine bewusste Politik gegen die Jungen. Die Ausgaben fürs Alter steigen vor allem, weil die Bevölkerung altert und mehr Menschen in Rente gehen. Für die Schweiz ist der Vergleich zudem kaum aussagekräftig: Ein grosser Teil der Altersvorsorge läuft hier über die Pensionskassen und erscheint nicht im Staatshaushalt.
Die Überzahl der Älteren
Hinzu kommt die Demografie. In allen 30 Ländern kommen heute mehr Menschen über 65 auf eine Person in ihren Zwanzigern als vor 20 Jahren. 2005 kamen im EU-Schnitt auf jede Person zwischen 20 und 29 Jahren 1,2 Personen über 65. Heute sind es 2. In Frankreich stieg das Verhältnis von 1,3 auf 1,9, in der Schweiz von 1,3 auf 1,7. In Bulgarien kommen heute sogar 2,8 Ältere auf eine Person in ihren Zwanzigern.
Für die Politik heisst das: Rein zahlenmässig haben die Jungen bei Wahlen und Abstimmungen immer weniger Gewicht. Wo die Älteren in der Überzahl sind, haben Anliegen wie sichere Renten tendenziell mehr Rückhalt als Investitionen in Schulen oder günstigen Wohnraum. Ältere stimmen zwar nicht grundsätzlich gegen die Interessen der Jungen, doch die Rechnung an der Urne wird für die Jungen schwieriger.
Allein durch die Daten lassen sich die Proteste in Frankreich und anderen Ländern ohnehin nicht erklären. Die Zahlen zeigen aber: Gerade bei Bildung, Wohnraum und dem Einstieg ins Berufsleben, den Kernanliegen der Gen Z, haben es Junge vielerorts schwer.
In der Schweiz ist das Bild jedoch weniger eindeutig. Die Jugendarbeitslosigkeit ist tief, und junge Menschen sind seltener von den Wohnkosten überlastet als die Gesamtbevölkerung. Im europäischen Vergleich liegt die Belastung der Schweizer Jungen mit 13,6 Prozent aber deutlich über dem EU-Schnitt von 9 Prozent.
• Arbeitslosigkeit: Anteil Arbeitslose an den Erwerbspersonen der jeweiligen Altersgruppe, 2025.
• Wohnkosten: Anteil der Personen, die mehr als 40 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens (nach Steuern und Sozialabgaben) fürs Wohnen ausgeben, 2025, Schweiz 2024.
• Staatsausgaben: Ausgaben des Staates für Bildung und für das Alter in Prozent des Bruttoinlandprodukts, 2024, teilweise vorläufig. Länder, in denen die Altersvorsorge stark über Pensionskassen läuft, weisen tiefere Werte aus.
• Ältere gegenüber Jungen: eigene Berechnung aus der Bevölkerungsstruktur am 1. Januar. Gezählt ist die ganze Wohnbevölkerung, nicht nur die Stimmberechtigten.
Die Altersgruppen unterscheiden sich je nach Datenquelle: 15 bis 24 Jahre (Arbeitslosigkeit), 15 bis 29 Jahre (Wohnkosten), 20 bis 29 Jahre (Altersstruktur).
