Warum liegen Regenprognosen oft falsch? Ein Meteorologe erklärt
Herr Graf, wie oft haben Sie sich im vergangenen Monat über Ihre eigenen Regenvoraussagen geärgert?
Urs Graf: In letzter Zeit hat es vergleichsweise wenige Niederschlagsprognosen gegeben, darum kam das kaum vor. Es passiert in der Meteorologie aber immer wieder, dass man falsch liegt. Damit muss auch ich leben. Im Vergleich zur Temperatur ist der Niederschlag viel schwieriger zu prognostizieren.
Warum?
Die Temperatur wird durch sehr wenige Faktoren beeinflusst. Regen oder andere Niederschlagsarten entstehen hingegen in verschiedenen, komplizierten Prozessen. Wir Meteorologinnen und Meteorologen arbeiten für Prognosen mit Modellen, die diese vereinfachen. Darum ist die Gefahr grösser, dass wir bei Niederschlägen mal danebenliegen.
Wie funktioniert denn ein Modell für Niederschlagsprognosen genau?
Verschiedene Daten spielen im Vorhersagemodell eine Rolle: Beobachtungen fliessen ebenso ein wie physikalische Gesetzmässigkeiten. Die Temperatur ist wichtig, dazu die Verteilung der Luftfeuchtigkeit in der Atmosphäre. Und nicht zuletzt ist entscheidend, ob starke Aufwinde herrschen. Ohne sie kann ein Gewitter gar nicht entstehen. Alle diese Prozesse analysieren wir in vereinfachter Form. Darum ist eine Prognose immer fehleranfällig. Und noch etwas gilt es zu berücksichtigen.
Was?
Es ist nicht nur schwierig, vorherzusagen, wann ein Gewitter kommt, sondern vor allem auch, wo es niedergeht. Mit Wettermodellen lassen sich Vorhersagen für bestimmte Gebiete treffen, aber nicht auf den Meter genau. Es ist ein bisschen wie beim Wasserkochen. Man weiss zwar, dass irgendwann eine Luftblase aufsteigen wird, aber nicht genau, wo im Topf. Darum kann es zu Fehlprognosen kommen. Wobei der Begriff natürlich subjektiv geprägt ist.
Was meinen Sie damit?
Nehmen wir an, Sie scrollen zuhause durch Ihre Wetter-App. Sie zeigt Niederschläge über Ihrer Wohnung an, doch tatsächlich regnet es drei Kilometer weiter südlich. Sie werden das vielleicht als Fehlprognose wahrnehmen. Aus meteorologischer Sicht ist die Prognose aber zutreffend, weil der Regen immer noch im erwarteten Bereich niedergeht.
Das aktuelle Jahr ist aussergewöhnlich trocken. Erschwert das verlässliche Prognosen bei Niederschlag oder Temperatur?
Ja. Temperaturen wurden häufig ein, zwei Grad zu tief prognostiziert wegen der anhaltenden Trockenheit. Sie war auch ein Mitgrund dafür, dass Gewitter falsch prognostiziert wurden: Sie zerfielen nach ihrem Weg über die Alpen häufig im Mittelland. Dort konnten die Gewitter wegen der Trockenheit oft keine Feuchtigkeit aus der Luft ziehen, ihnen fehlte also die Nahrung.
In den vergangenen Tagen fiel im Zusammenhang mit dem Wetter oft der Begriff der «Störung». Was bedeutet er?
Damit ist meist eine Misch- oder Kaltfront gemeint, also der Bereich zwischen einer kalten und einer wärmeren Luftmasse. Im Fachjargon spricht man in solchen Fällen von einer «Okklusion» – die «Störung» ist der vereinfachte Begriff dafür.
Sind die Wetterprognosen in den vergangenen Jahren genauer geworden?
Ja, absolut. Die Statistiken der vergangenen Jahre zeigen, dass sich der verlässliche Prognosezeitraum pro Dekade um einen Tag verlängert hat. Heute lässt sich das Wetter meist mehrere Tage im Voraus zuverlässig prognostizieren. Wegen der Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz ist davon auszugehen, dass es bei den Wetterprognosen noch einige qualitative Sprünge geben wird. Aber man darf nie vergessen: Das Wetter ist ein chaotisches System. Den Vorhersagen sind immer Grenzen gesetzt.
Am Sonntag soll es nach langer Zeit wieder regnen. Wie sicher sind Sie sich, dass diese Prognose eintritt?
Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die grosse Hitze am Wochenende ihr Ende findet. Es wird Niederschläge geben, aber nicht in rauen Mengen und wahrscheinlich nicht überall. Von einem Wetterumschwung würde ich darum nicht sprechen. Wir kehren in der kommenden Woche zu normalen Sommertemperaturen um die 25 Grad Celsius zurück.
