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Studentinnen und Studenten mit Masken an der Universitaet Zuerich am Montag, 14. September 2020, in Zuerich. An der UZH gilt eine Maskentragepflicht in oeffentlich zugaenglichen Innenraeumen, wie Korridore, Lichthoefe, Toilettenanlage, Aufzuege, Museen, Bibliotheken und Gastrobereiche. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Mitte September fanden sich im Lichthof der Universität Zürich noch einige Studierende ein. Nun befinden sich wieder alle im Fernunterricht. Bild: keystone

Interview

«Ich habe mich nicht dafür beworben, eine Uni im Lockdown zu übernehmen»

Michael Schaepman ist seit fast sechs Monaten der neue Rektor der Universität Zürich. Im Interview sagt er, ob bald nur noch geimpfte Studierende an die Uni gelassen werden und warum noch immer Präsenzprüfungen durchgeführt werden.



Herr Schaepman, Sie sind seit bald sechs Monaten der neue Rektor der Universität Zürich. Viele von Ihren Studierenden haben Sie seither nicht gesehen. Sie sind sozusagen der Vorsteher einer Geisteruni.
Das ist leider so – und Spass macht das nicht. Ich habe mich nicht dafür beworben, eine Uni im Lockdown zu übernehmen. Aber es ist notwendig.

Sie haben den «Lockdown» – noch vor dem Bundesrat – verlängert. Die Studierenden werden voraussichtlich bis im Juli im Fernunterricht bleiben. Sind Sie da nicht zu pessimistisch?
Die Umstellung auf Fernunterricht bis im Juli hat primär organisatorische Gründe. Als wir im vergangenen März auf die digitale Lehre umstellen mussten, war das eine Hauruck-Übung und mit einem massiven Zusatzaufwand verbunden. Nun sind wir am Ende des Herbstsemesters und die meisten Dozierenden wissen, wie alles technisch funktioniert. Weil wir bereits früh angekündigt haben, dass auch das Frühlingssemester im Fernunterricht stattfindet, haben die Dozierenden nun die Chance, weitere Verbesserungen an ihren Vorlesungen zu machen. Damit sie ready sind, wenn es im Februar losgeht.

Bild

Michael Schaepman ist ein schweizerisch-holländischer Geograph. Er ist Professor für Fernerkundung und seit dem Sommer 2020 Rektor der Universität Zürich. bild: uzh; frank brüderli

Wer hat weniger Lust auf Fernunterricht. Die Studierenden oder die Dozierenden?
Ganz diplomatisch würde ich jetzt sagen: beide (lacht). Aber im Ernst: Es ist keine einfache Zeit. Es zeigen sich auf beiden Seiten Ermüdungserscheinungen. Alle universitären Inhalte zu digitalisieren, ist eine enorme Herausforderung. Den Dozierenden fehlt zuweilen das Feedback, das sie in einer Vorlesung vor Ort erhalten. Und für die Studierenden fehlt jeglicher Austausch. Die spontanen Kaffee-Pausen im Lichthof oder in den Gängen fallen dahin. Ich verstehe alle Studierenden, die aktuell Mühe haben. Das ist kein normales Studentenleben.

Die sozialen Interaktionen und der Austausch sind das eine. Was aber ist mit der Qualität der Lehre? Bilden Sie die genau gleich guten Studierenden aus wie noch vor einem Jahr?
Die Qualität der Informationsvermittlung ist vermutlich auf dem gleichen Niveau wie noch im Präsenzunterricht. Schwieriger wird es bei der praktischen Stoffvermittlung. Wir haben einige praktische Kurse, die nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht durchgeführt werden können. Solche Kurse kann man nicht drei Semester lang verschieben. Eine Medizinstudentin muss lernen, wie man jemandem Blut entnimmt. Das kann man bis zu einem gewissen Grad theoretisch erklären, aber es braucht auch Übung vor Ort. Diese Kompetenz digital zu vermitteln, ist praktisch unmöglich und auch nicht sinnvoll.

«Es ist keine einfache Zeit. Es zeigen sich auf beiden Seiten Ermüdungserscheinungen.»

Das könnte also bedeuten, dass bei Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts nicht alle Studierenden auf dem gleichen Stand sind?
Die Gefahr besteht, dass gewisse Lücken entstehen. Wir sehen, dass die Studierenden mehr Zeit investieren, um die digitalen Stoffe zu lernen und zu verstehen. Ob es nachhaltig ist, wenn wir das noch weitere Semester so durchziehen müssen, dahinter würde ich ein grosses Fragezeichen setzen.

Der Fernunterricht ist in vieler Hinsicht ja auch eine Flexibilisierung des Studiums. Wer tagsüber seinem Studi-Job nachgeht, kann die Vorlesung am Abend oder am Wochenende nachschauen.
Natürlich kann man flexibler studieren. Man kann gewisse Passagen in einer Vorlesung überspulen oder noch einmal nachschauen. Ob diese Flexibilisierung aber zu einer wirklich besseren Ausbildung der Studierenden führt, ist schwierig zu sagen. Noch ist es ein Experiment. Wir haben keine Kontrollgruppe, mit der man vergleichen könnte, wer jetzt besser bei den Prüfungen abgeschnitten hat.

Stichwort Prüfungen: Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft sagte ihre Präsenzprüfungen ab. Die Uni Zürich macht damit weiter. Setzen Sie die Studierenden nicht einem Gesundheitsrisiko aus?
Wenn wir die Prüfungen absagen, dann nehmen wir bewusst in Kauf, dass wir schlechter ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner haben. Das Gleiche gilt für Studierende der Chemie oder Biologie. Das wollen wir nicht. Wir wägen deshalb ab, ob es verantwortbar ist, die Leute vor Ort zu prüfen. Was wir digital prüfen können, machen wir in jedem Fall digital.

«Wenn wir die Prüfungen absagen, dann nehmen wir bewusst in Kauf, dass wir schlechter ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner haben.»

Im Dezember geriet die Uni in die Kritik, weil viele Studierenden bei den Online-Prüfungen geschummelt haben sollen. Wie garantieren Sie, dass dies im nächsten Semester nicht noch einmal passiert?
Ehrlich gesagt wurde diese Geschichte heisser gekocht, als sie war. Wir haben 40'000 Prüfungen durchgeführt und eine marginal höhere Anzahl Disziplinarverfahren eröffnet als in vergangenen Jahren. Ich bin aber vehement dagegen, die Studierenden während den Prüfungen per Video, Ton und künstlicher Intelligenz zu überwachen. Das halte ich für ethisch nicht tragbar. Und das machen wir übrigens auch nicht bei unseren Präsenzprüfungen. Die Assistierenden bei den Prüfungen gehen herum und schauen ab und zu.

Wird die Pandemie den Unterricht an den Hochschulen nachhaltig verändern?
Den Teil der Flexibilisierung haben wir schon angesprochen. Die Digitalisierung bietet sicherlich auch viele Vorteile. Wir sehen zum Beispiel, dass wir bei gewissen digitalen Vorlesungen mehr Zuhörende haben als gewohnt. Gewisse Teile der Lehre sind digital sicherlich effizienter. Diese Teile werden voraussichtlich so beibehalten oder weiterentwickelt – so dass wir am Schluss die Ausbildung an der Uni so gut verbessern können, dass die Studierenden noch besser Anschluss in die Arbeitswelt finden.

«Aus Solidaritätsgründen bin ich dagegen, zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften zu unterscheiden.»

Aktuell wird darüber diskutiert, dass nicht geimpften Personen gewisse Zugänge und Dienstleistungen verwehrt bleiben. Werden auch an der Uni bald nur noch geimpfte Studierende und Dozierende zugelassen?
Aus Solidaritätsgründen bin ich dagegen, zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften zu unterscheiden. Der Anteil an Personen, die sich an der Uni infiziert haben, ist sehr gering im Vergleich zum kantonalen Durchschnitt. Wir haben extrem viele selbstverantwortliche Personen, die sich der Regeln bewusst sind und sich auch gut daran halten.

Wir schliessen den Kreis: Wann werden Sie nicht mehr Rektor einer Geisteruni sein?
Mit Blick auf den Impfstart bin ich zuversichtlich, dass wir ab nächstem Herbstsemester wieder in den Präsenzunterricht wechseln können. Wenn es früher möglich ist – umso besser!

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