«Bereitet Sorgen»: Trockenheit nimmt Feuerwehr das Löschwasser
Das Feuerwehrdepot in Chur. Knallrote Löschfahrzeuge warten auf ihren Einsatz, in unregelmässigen Abständen rauscht ein Funkgerät. Roland Farrér ist noch mit dem hiesigen Materialwart in eine Fachsimpelei vertieft, die beiden kennen sich bestens. Der Präsident des Schweizer Feuerwehrverbands aus Stierva, rund eine Autostunde von Chur entfernt, ist im Bündnerland viel herumgekommen. Als Kommandant der Feuerwehr Albula oder Präsident des Kantonalverbands. Im Interview zeigt sich dann: Der Klimawandel gibt dem Landwirt zu denken. Aber es ist nicht das einzige Thema, das ihn beschäftigt.
Herr Farrér, die Waldbrände vor Bordeaux haben Verstärkung von Schweizer Feuerwehrleuten erfordert. Bereitet Ihnen der Klimawandel Sorgen?
Roland Farrér: Ja, die aktuelle Situation ist wirklich erschreckend. Vor allem wegen der Trockenheit. Sie hat ja nicht erst mit den Hitzewellen eingesetzt. Schon Anfang des Jahres blieben die Niederschläge aus. Trockene Jahre hatten wir früher auch, aber nicht in dem Ausmass. Die Wasserstände sind überall tief. Wenn das so weitergeht, müssen wir uns irgendwann fragen, wie wir ein Feuer ohne Wasser angreifen.
Und wie lautet Ihre Antwort?
Eine Möglichkeit sind Gegenfeuer. Also kontrollierte Brände, die dem eigentlichen Feuer die Nahrung entziehen. Vorbeugen ist künftig noch wichtiger. Vielleicht müssen die Kantone künftig Wälder mit Schneisen planen, damit Brände, so wie jetzt in Frankreich, schwieriger zur Entfaltung kommen. Es wäre kein schönes Bild in der Landschaft. Akut sind die Massnahmen nicht, aber wir müssen uns Gedanken in die Richtung machen.
Rechnen Sie mit mehr Feuerwehreinsätzen in den kommenden Jahren?
Es werden sicher nicht weniger. Gerade was Waldbrände betrifft. Die Kantone reagieren bereits. In Graubünden ist in den vergangenen Jahren viel gegangen. Es gibt heute Stützpunkte in bewaldeten Gebieten, wo Material lagert, das schnell zum Einsatz kommen kann. Und man hat an verschiedenen Orten sogenannte Löschwasserbecken angelegt. Damit sind Wasserentnahmen per Helikopter einfacher.
Häufiger und intensiver kommt es auch zu Unwettern – in Zürich gingen zuletzt 550 Feuerwehrnotrufe nach einem Sturm ein. Wie bereiten sich die Feuerwehren auf den Klimawandel vor?
Für die Feuerwehren selbst ist es sehr schwierig, sich darauf vorzubereiten. Gerade Unwetter lassen sich ja nicht planen. Dem Klimawandel sind wir darum ein Stück weit ausgesetzt. Ein Beispiel sind die Starkniederschläge in Mesocco vor zwei Jahren. Innert Kürze verursachten Überschwemmungen und Murgänge einen Schaden von mehreren Millionen Franken und forderten Menschenleben. Aber man darf nicht vergessen, dass wir schon heute mehr klimabedingte Einsätze bewältigen als früher.
Crans-Montana hat gezeigt, dass Rettungskräften grosses Leid begegnen kann. Was macht der Verband, um die mentale Gesundheit seiner Leute zu schützen?
In den obligatorischen Kursen bereiten die Instruktoren angehende Feuerwehrleute auf potenziell belastende Einsätze vor. Wichtig sind auch die Kommandanten. Sie können abschätzen, wen sie bei einem schwierigen Ereignis eher vorausschicken können. Dazu gibt es die sogenannten Peers, die man beiziehen kann. Das sind speziell ausgebildete Feuerwehrleute, die ihren Kolleginnen und Kollegen nach einem belastenden Einsatz zuhören. Doch gerade ein Ereignis wie Crans-Montana ist weder übbar noch lässt sich voraussehen, wie bestimmte Feuerwehrleute darauf reagieren.
Wie geht es den Feuerwehrleuten von Crans-Montana heute?
Einige sind in der Feuerwehr geblieben und durch das Ereignis enger zusammengerückt. Vielen geht es aber psychisch schlecht, das muss man leider so sagen. Sie können teils nicht mehr arbeiten. Für den Verband ist wichtig, dass diese Menschen langfristig betreut sind. Wir müssen davon ausgehen, dass sie ein Leben lang durch die Brandnacht von Crans-Montana gezeichnet sind. Davon bleiben Bilder, Geräusche und Geschmäcker, die immer wieder kommen.
Haben sie genug Unterstützung erhalten?
Politisch standen die Brandopfer im Fokus. Doch die Feuerwehrleute von Crans-Montana sind auch Opfer dieser Tragödie. Das hat die Politik etwas vergessen. Ich sage nicht, dass es finanzielle Unterstützung gebraucht hätte. Aber in der Diskussion mit der parlamentarischen Kerngruppe Feuerwehr merkten wir, dass nur wenige um die Situation bei der Feuerwehr wussten. Die Kantone sind im Lead bei der psychologischen Betreuung. Wir evaluieren derzeit, wie wir bei einem ähnlichen Ereignis zusätzlich Unterstützung bieten.
Mussten Sie selbst je ein schwieriges Ereignis verarbeiten?
Ja, vor einiger Zeit ist ein Gruppenführer aus meiner Feuerwehr mit dem Velo schwer gestürzt. Ich wurde zum Ort des Geschehens gerufen. Wie viele Feuerwehrleute bin ich «First Responder». Das sind lokale Ersthelfer, die bei einem Notfall ausrücken und die Zeit bis zur Ankunft der Ambulanz überbrücken. Doch dieser Einsatz verlief ohne Erfolg. Es war hart, wieder an den Übungen teilzunehmen. Zu wissen, dass er nicht da sein würde. Meine Ehefrau ist ebenfalls «First Responder» und stand mit mir im Einsatz. Das war letztlich Glück, weil wir das Erlebte gemeinsam verarbeiten konnten. Miteinander reden hilft.
Und wie geht es den Feuerwehrleuten in der Schweiz?
Insgesamt gut. Wir sind allzeit bereit. Doch es kommen laufend Probleme auf die Feuerwehren zu, die es zu lösen gilt. Besonders in abgelegenen Tälern findet eine Abwanderung der Jungen statt. Da stellt sich die Personalfrage. Auch beschäftigt uns, dass die Leute heute häufiger nicht mehr arbeiten, wo sie wohnen, im Ernstfall also einen langen Anfahrtsweg haben.
Dazu kommt, dass die Gesellschaft zunehmend individualistisch ist. Gibt es genug Nachwuchs für die grösstenteils im Milizprinzip organisierten Feuerwehren?
Grundsätzlich finden wir genug Leute, ja. Aber die demografische Entwicklung bereitet hier und da Sorgen. Mancherorts haben die Feuerwehren ihre Nachwuchsprobleme mit Zusammenschlüssen und Professionalisierung entschärft, doch die Zahl der Freiwilligen steigt deswegen nicht. Es ist denkbar, dass wir künftig auch verstärkt in die Jugendfeuerwehren investieren, die bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die Feuerwehr wecken.
Potenzielle Einsatzkräfte sind auch Frauen. Aktuell liegt der Frauenanteil bei schweizweit zwölf Prozent. Wollen Sie künftig mehr Frauen für die Feuerwehr gewinnen?
Ja, ich denke, da können wir sicher noch besser werden. Der Frauenanteil bei den Feuerwehren in der Schweiz wächst seit Jahren. Und ich sehe mehr und mehr Feuerwehren, die ihre Infrastrukturen anpassen, neue Garderoben bauen und die Bedingungen für Frauen verbessern. Und es gibt spannende neue Konzepte: Zum Beispiel betreiben manche Feuerwehren während der Einsätze einen Kinderhort. Mir ist schon klar: Frauen sind heute auch berufstätig, aber vielerorts betreuen hauptsächlich noch sie die Kinder.
Sie erwähnten die Randregionen. Welche Themen beschäftigen die Feuerwehren in den Städten?
Zum Beispiel die 30er-Zonen, die zunehmend gelten. In der Diskussion um dieses Thema geht unter, dass Tempo 30 auch für einrückende Feuerwehrleute gilt. Dazu kommt, dass auch Löschfahrzeuge mit Blaulicht das Geschwindigkeitslimit nicht nach Belieben überschreiten dürfen. Auch im Brandfall können für uns Bussen und im schlimmsten Fall der Entzug des Fahrausweises anfallen.
Schauen wir etwas voraus. Löschen künftig KI-Roboter die Feuer in der Schweiz?
Ich war gerade bei einer Feuerwehrausstellung in Hannover. Da hat man gesehen, was auf uns zukommen könnte. Schon heute gibt es autonome Löschroboter. Künftig könnten sie riskante Aufgaben übernehmen und damit unsere Leute schützen. Doch gleichzeitig stelle ich es mir als sehr herausfordernd vor, unsere gut funktionierende Milizfeuerwehr mit Menschen an solche Technologien anzupassen.
Funktioniert die Feuerwehr auch in zehn Jahren noch primär im Milizsystem?
Die Milizfeuerwehren bleiben wichtig, auch wenn es wohl mehr Berufsfeuerwehren geben wird. Schauen Sie zum Beispiel nach St.Gallen. Dort deckt die Berufsfeuerwehr die meisten Einsätze ab, doch ohne eine Milizfeuerwehr geht es auch dort nicht bei grösseren Einsätzen. Letztlich ist es eine Kostenfrage, denn eine Berufsfeuerwehr hat höhere Fixkosten, weil Vollzeitlöhne anfallen. Ich bin optimistisch, dass wir auch in Zukunft für unsere Aufgaben bereit sind.
