wechselnd bewölkt
DE | FR
Schweiz
Interview

Diätwahn: «Oft geht einer Essstörung eine Diät voraus»

Interview

Diätwahn: «Häufig geht einer Essstörung eine Diät voraus»

Diäten können zu einem ungesunden und gestörten Essverhalten führen. Gabriella Milos, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Essstörungen, erklärt, warum besonders Kinder und Jugendliche gefährdet sind.
15.01.2023, 17:1404.05.2023, 21:21
Mehr «Schweiz»
Zur Person
Prof. Dr. med. Gabriella Milos leitete das Zentrum für Essstörungen (ZES) am Unispital Zürich zwischen 2006 und 2021. Heute ist sie Senior Consultant am USZ sowie Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Essstörungen (SGES).
Bild
bild: usz

Der Januar ist der Monat des Verzichtens. Viele Menschen starten mit einer Diät ins neue Jahr. Zudem leiden viele Menschen unter Unverträglichkeiten. Leben wir hier im Globalen Norden im Allgemeinen in einer essgestörten Gesellschaft?
Gabriella Milos: Schwierige Frage. Tatsächlich leben wir in einer schweren Zeit, was Ernährung anbelangt. Keiner Generation stand je so viel Essen zur Verfügung. Wenn wir heute einen Lebensmittelladen betreten, sehen wir mehr Lebensmittel, als früher ein Mensch in seinem ganzen Leben zu Gesicht bekam. An jeder Ecke wird uns etwas zu Essen angeboten. Selbstregulierung ist gefragt. Das fällt vielen Menschen schwer. Gleichzeitig wird uns ständig vorgegaukelt, was denn nun gesund sei – und was nicht. Essen bedeutet heute für viele nicht nur Genuss, sondern auch Stress.

Haben sie einen Tipp, wie es mit der Selbstregulierung klappt?
Die goldene Regel lautet: keine Mahlzeiten auslassen.

Viele Diäten gelten oft als Auslöser von Essstörungen. Kann eine Diät tatsächlich zu einem Essproblem führen?
Häufig geht einer Essstörung eine Diät voraus. Diäten bringen das Hunger- und Sättigungsgefühl komplett durcheinander. Dies ebnet den Weg in eine Essstörung wie Bulimie oder eine Binge-Eating-Störung. Denn durch lange Fastenperioden kann es zu Heisshungerattacken mit Essanfällen kommen. Dies wiederum führt zu Frust und Verzweiflung. Und Essen ist wie gesagt überall verfügbar. So kann man schnell in einen Teufelskreis geraten.

«Wir leben in schweren Zeiten, was Ernährung angeht.»

Kann eine Diät auch das Gegenteil auslösen – sprich, dass man gar keinen Hunger mehr spürt und immer weniger Nahrung zu sich nimmt?
Ja, auch Anorexia nervosa (Magersucht) beginnt oft durch eine Diät. Die Betroffene versuchten, mit exzessivem Sport und kontrolliertem Essen Gewicht zu verlieren. Komplimente und Anerkennung kann die Betroffenen anspornen, immer weniger zu essen und weiter an Gewicht zu verlieren. Bei länger andauernder Anorexie kann dann auch das Hungergefühl nachlassen, damit wird das wieder ausgewogene, regelmässige Essen schwierig.

Essstörungen – und ihre Unterschiede
Essstörungen treten vor allem in drei Hauptformen auf: Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Binge-Eating-Störung (Esssucht). Menschen mit Anorexie sind oft stark untergewichtig. Bulimikerinnen und Bulimiker leiden unter wiederholten Heisshungerattacken und Essanfällen. Durch Brechen oder Abführmittel versuchen sie einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Anders als Menschen mit Bulimie ergreifen Personen mit einer Binge-Eating-Störung keine aktiven Massnahmen zur Gewichtsreduzierung.

Können die verschiedenen Krankheitsbilder auch gleichzeitig oder nacheinander auftreten?
Ja, es ist möglich, dass Menschen mit einer Magersucht auch unter Essattacken und/oder Erbrechen leiden. Es ist auch möglich, dass sich die Symptome einer Essstörung (restriktives Essen, Essattacken, Erbrechen) ändern im Laufe der Erkrankung.

Gibt es Personengruppen, die eher dazu neigen, durch Diäten in eine Essstörung abzurutschen?
Vor allem Kinder und Jugendliche zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr sind stark gefährdet. Essstörungen beginnen oft in dieser Altersspanne und betreffen vor allem Mädchen. Die Altersgrenze verschiebt sich allerdings zunehmend weiter nach unten.

Wie kommt das?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einen Einfluss haben vor allem soziale Medien. Kinder und Jugendliche vergleichen sich heutzutage nicht nur mit den Schulkameradinnen und Schulkameraden, sondern mit der ganzen Welt.

«Das ist ein völlig neues Ausmass als noch vor 20 Jahren.»

Einer Scheinwelt ...
Exakt. Gerade unrealistische Körperinszenierungen, die hauptsächlich über die sozialen Medien vermittelt werden, bergen oft ein Risiko, dass junge Erwachsene sich unwohl in ihrem Körper fühlen. Die Konfrontation mit Körperbildern fernab der Realität beginnt aber bereits vor der Primarschule. Die Puppen, die Vorbilder der Kinder, mit ihren grossen Köpfen und viel zu dünnen Körpern, können dazu beitragen, dass Kinder ein unrealistischeres Körperbild entwickeln. Auch Erwachsene sind in dieser Hinsicht keine guten Vorbilder.

Warum?
Erwachsene sind oftmals nicht zufrieden mit ihrem Aussehen und vergleichen sich in den sozialen Medien mit anderen Menschen. Dies kann abfärben.

Unrealistische Körperbilder bergen oft ein Risiko, dass junge Erwachsene sich unwohl in ihrem Körper fühlen.
Unrealistische Körperbilder bergen oft ein Risiko, dass junge Erwachsene sich unwohl in ihrem Körper fühlen.Bild: Shutterstock

Was geht in Menschen vor, die bereits unter einer Essstörung leiden und vermehrt mit den Themen Diäten, Intervallfasten oder Saftkuren konfrontiert werden?
Die Konfrontation mit solchen Themen setzt Menschen, die zu Essstörungen neigen, stark unter Druck. Man muss bedenken, dass Menschen mit einer Essstörung in einem Gedankenkarussell gefangen sind, das sich ständig ums Essen oder eben Nichtessen dreht. Wenn sich diese Menschen dann noch vorschreiben, wann sie etwas essen dürfen oder auf Mahlzeiten verzichten, dann kann sich das Krankheitsbild verschlimmern.

«Restriktive Diäten sind vor allem für Menschen, die bereits unter einer Essstörung leiden, enorm gefährlich.»

Wirkt sich das je nach Krankheitsbild anders aus?
Ja. Menschen mit Anorexie (Magersucht) fühlen sich durch Diäten bestätigt. Sie reden sich ein, dass es okay ist, noch weniger oder kaum etwas zu essen. Bei Menschen, die unter Bulimie oder einer Binge-Eating-Störung leiden, können Diäten dazu führen, dass Ess- und/oder Brechanfälle sich häufen. Das hat einen simplen Grund: Heisshunger führt oftmals zu unkontrollierbaren Essanfällen, vor allem bei Menschen, deren Hunger- und Sättigungsgefühl nicht sattelfest ist.

Verzeichnen Sie im Diät-Monat Januar einen Anstieg an Therapieeinweisungen?
Grundsätzlich tragen sich im Januar mehr Menschen für eine Therapie ein als im Dezember. Das hängt aber wohl damit zusammen, dass man lieber erst im neuen Jahr eine Therapie starten will. Dies, obwohl der Dezember Menschen mit einem Essproblem stark zusetzt.

Weil das Thema Essen in dieser Zeit im Vordergrund steht?
Richtig. Doch nicht nur. Besonders junge Menschen haben dann Weihnachtsferien. Geregelte Tagesabläufe fallen weg. So kann der Essensrhythmus aus dem Gleichgewicht geraten. Hinzu kommt der Kontakt mit der Familie. Man tauscht Komplimente aus. Banale Komplimente wie du «Oh, siehst gut aus» können missinterpretiert werden. Jemand mit Magersucht kann dies beispielsweise so auffassen: «Ich habe zugenommen, ich bin dick geworden, alle sehen es.» Laien sind sich dessen oftmals nicht bewusst, dass allerlei Äusserungen über den Körper und das Aussehen Frust und Unzufriedenheit auslösen. Dazu muss man sagen, dass die Festtage für viele emotional belastend sind: Die Tatsache, dass während diesen Tagen sehr viele Nahrungsmittel herumliegen, vereinfacht das Leben von Menschen mit Essproblemen nicht.

«Essstörungen sind meistens keine Phasen, die sich von selbst wieder legen.»

Mal abgesehen von den Festtagen. Verstärken sich die Krankheitsbilder nicht eher im Sommer, wenn man sich nicht unter dicker Kleidung verstecken kann?
Das ist sehr individuell. Die Krankheitsbilder unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Es gibt Untergewichtige, die sich zelebrieren und es gibt solche, die sich drei Pullis überstülpen, weil sie sich in ihrem Körper so unwohl fühlen. Die Wahrnehmung kann stark variieren. Es gibt auch Menschen, die nur gewisse Körperteile von sich nicht akzeptieren.

Bemerkt man denn immer selbst, dass man unter einem gestörten Essverhalten leidet?
Menschen, die unter Essanfällen und oder Bulimie leiden, bemerken meist selbst, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Anders ist es bei der Anorexie, die wird meistens von Menschen aus dem näheren Umfeld festgestellt. Bei allen Krankheitsbildern gilt: nicht wegschauen! Man soll taktvoll die Situation ansprechen. Essstörungen sind meistens keine Phasen, die sich von selbst wieder legen. Für Menschen mit einer Essstörung mag eine Konfrontation zwar unangenehm sein, doch dies kann ein wichtiger Anstoss sein. Je früher man eine Essstörung behandelt, umso besser.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
37 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Glenn Quagmire
15.01.2023 19:31registriert Juli 2015
All die Pülverchen und Pillen Schneeballsysteme, welche einzig das Portemonnaie des Käufers schlanker machen, sollten rigoros verboten werden! Die bauen auf Betrug, Falschinformationen und Kundenverarschung auf.
411
Melden
Zum Kommentar
avatar
Goldfischzähmer
15.01.2023 17:54registriert Juli 2021
Ich sehe es als enorm wichtig dass die Eltern ihren Kindern ein gesundes Körperselbstbewusstsein vorleben. Wenn eine Mutter schon unzufrieden ist mit sich selbst und das auch mitteilt,wie soll das Kind eine gesunde Einstellung zu sich selbst entwickeln. Schreibe aus eigener Erfahrung. Ich bin froh hatten wir damals noch nicht den ganzen social media druck,obwohl kate moss ect.auch nicht gerade förderlich waren und die dünnen Kids auf dem Pausenhof damals schon gemein waren,wenn man nicht ganz ins Raster passte. Wir leben jetzt in Zeiten von Diversität,ich hoffe das färbt endlich auf ab.
336
Melden
Zum Kommentar
avatar
MrBlack
15.01.2023 18:40registriert September 2016
Ich habe es an mir selbst festgestellt. Hat man das (gesunde) Zielgewicht erreicht, gibt es ein relativ kleines Zeitfenster, in dem man seine Ernährung erneut umstellen muss, damit man nicht ins Untergewicht fällt.

Zum Glück esse ich sehr gerne, man muss aber tatsächlich lernen sich wieder ausgewogen zu ernähren. Das Umfeld ist auch nicht unbedingt hilfreich, z. B. mit Kommentaren zu grösseren Portionen, die man aber braucht, wenn man viel Sport treibt.
209
Melden
Zum Kommentar
37
«Plötzlich Konkurs»: Chef der Berner Fremdenpolizei über die Betrugsmasche der Clans
Alexander Ott, 61, ist einer der profiliertesten Kämpfer gegen kriminelle Clans, Ausbeuter und Menschenhändler. Im Interview spricht er über seine Methoden und Erkenntnisse und fordert: Die Behörden müssen viel genauer hinschauen.

Sie haben in Bern immer wieder mit betrügerischen Clans zu tun. So hoben Sie einen Gerüstbauclan aus. Können Sie uns einen typischen Fall eines Clans schildern?
Ich nehme das Beispiel eines Clans aus dem Balkan. Zunächst wird eine Firma gegründet. Diese mietet sich irgendwo ein, oft auch in einer Wohnzone eines Quartiers. Dann beginnt der Firmengründer, Mitarbeiter zu rekrutieren. Das macht er meistens im Heimatland.

Zur Story