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Soziologe und ehemaliger Nationalrat Jean Ziegler ist tot

Der Soziologe und Autor Jean Ziegler sitzt am 17.03.2017 in Koeln (Nordrhein-Westfalen) bei einer Probe zur Lesung seines Buches "Der schmale Grat der Hoffnung" im Rahmen des Literaturfestiv ...
Jean Ziegler ist gestorben.Bild: dpa

Jean Ziegler ist tot – das waren die wichtigsten Stationen seines Lebens

10.06.2026, 12:4811.06.2026, 09:23

Einst Chauffeur von Che Guevara und Mitglied der französischen kommunistischen Partei: Der gebürtige Thuner Jean Ziegler ist am Mittwoch im Alter von 92 Jahren gestorben. Sein Leben lang galt er als Rebell und Vertreter der Menschen aus der sogenannten Dritten Welt.

Seine Frau, die Kunsthistorikerin und Politikerin Erica Deuber Ziegler, bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA eine entsprechende Meldung des Westschweizer Radios und Fernsehens RTS.

Der Genfer Soziologe und ehemalige SP-Nationalrat kam am 19. April 1934 im Kanton Bern zur Welt. Während seines Rechtsstudiums in Paris lernte er den Marxismus kennen, wurde Mitglied der französischen kommunistischen Partei und verkehrte unter anderem mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre oder der Schriftstellerin Simone de Beauvoir.

Mit 30 Jahren traf Ziegler den argentinischen Revolutionär Che Guevara. Ziegler chauffierte den kubanischen Guerillaführer bei einer Uno-Zuckerkonferenz in Genf. Er habe mit dem «Comandante» in den Kampf ziehen wollen. Guevara riet ihm aber, in der Schweiz zu bleiben und das «Monster» dort zu bekämpfen.

Der Schweizer Soziologe, Politiker (Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz) und Schriftsteller Jean Ziegler haelt als Genfer Nationalrat eine Rede, aufgenommen im Jahr 1974. Seine zahlre ...
Jean Ziegler als Genfer Nationalrat im Jahr 1974.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Der zweisprachige Ziegler war für den Kanton Genf zweimal im Nationalrat. Sein erstes Mandat hielt er von 1967 bis 1983, das zweite von 1987 bis 1999. Als Präsident der Parlamentariergruppe Schweiz - Dritte Welt war Ziegler ein umtriebiger und umstrittener Volksvertreter, der einen langen Kampf gegen die Banken und die Wirtschaftslobby in der Schweiz und im Ausland führte. Die aus seiner Sicht äusserst brutale kapitalistische Weltordnung bezeichnete Ziegler als kannibalisch.

Ein Dorn im Auge der Banken und Bürgerlichen

Für Ziegler waren Bücher seine Waffen. Ziegler verfasste insgesamt 20 Publikationen, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

In seinem 1976 veröffentlichten Buch «Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben» griff er die Eliten des Landes frontal an. Das Werk stellt die Profite der multinationalen Schweizer Konzerne auf Kosten der Ärmsten, das Bankgeheimnis und die aus seiner Sicht von der Finanzindustrie gekaperten politischen Institutionen an den Pranger.1990 stellte er den Finanzplatz im Werk «Die Schweiz wäscht weisser» ins Rampenlicht und an den Pranger.

Jean Ziegler presente son dernier livre "La faim dans le monde expliquee a mon fils" au club suisse de la presse ce 15 novembre 1999 a Geneve. Jean Ziegler c' est adresse aux journalist ...
Jean Ziegler verfasste insgesamt 20 Publikationen.Bild: KEYSTONE

1990 stellte er den Finanzplatz im Werk «Die Schweiz wäscht weisser» ins Rampenlicht und an den Pranger. Das brachte ihm die schlimmsten juristischen Probleme ein. Ziegler musste sich einer Prozesslawine stellen und seine parlamentarische Immunität als Nationalrat wurde aufgehoben. Schliesslich wurde er zu Hunderttausenden von Franken Schadenersatz verurteilt.

In «Die Schweiz, das Gold und die Toten» prangerte er 1997 die Verstrickung von Schweizer Geldinstituten mit den Nazis und den Umgang mit Guthaben von Holocaust-Opfern auf Schweizer Konten an.

Kämpfer für Schutzbedürftige

1977 berief ihn die Universität Genf zum Professor für Soziologie, wo er bis 2002 lehrte. Daneben unterrichtet er auch an den Universitäten von Grenoble, Bern und Paris. Nach seinem Rückzug aus der Schweizer Politik setzte Ziegler seine Karriere und sein langjähriges Engagement zugunsten von Entwicklungsländern international fort.

Von 2000 bis 2008 war Ziegler Sonderbeauftragter des Uno-Menschenrechtsrats für das Recht auf Nahrung. In der Folge war er Mitglied des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats. Zu dieser Zeit griff er den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die Welthandelsorganisation (WTO) als die «drei Reiter der Apokalypse» an.

Swiss Jean Ziegler, UN special rapporteur of the commission on human rights on the right to food, speaks at a press conference at the United Nations building in Geneva, Switzerland, Wednesday, October ...
Jean Ziegler war acht Jahre lang Sonderberater des Uno-Menschenrechtsrats für das Recht auf Nahrung.Bild: KEYSTONE

Der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, hat Ziegler nach dessen Tod als «Kämpfer vor allem für schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen» gewürdigt. Türk bezeichnete Ziegler als einen «Verfechter des Ökosystems der Menschenrechte und eine äusserst starke Persönlichkeit». Ziegler habe unter anderem für die Menschen gekämpft, die unter Hungersnöten litten.

Romantische Vorstellung von Revolution

Seine Stimme werde fehlen angesichts des aktuellen Weltgeschehens, sagte alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey in der Sendung «19:30» des Westschweizer Fernsehens RTS. Die Parteikollegin Zieglers hob die Beständigkeit seines Engagements hervor. Er habe eine ziemlich romantische Vorstellung von Revolution gehabt und dabei Probleme im Zusammenhang mit Diktaturen übersehen.

Seine alte Partei würdigte Ziegler als eine prägende linke Persönlichkeit. Durch seinen Kampf werde er für viele Genossinnen und Genossen für immer ein Vorbild bleiben, schrieb die SP. Ziegler habe nicht nur die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei geprägt, sondern durch seine unverblümte Kritik und sein unermüdliches Engagement auch «einen unauslöschlichen Eindruck in der Geschichte unseres Landes» hinterlassen.

Kritik für Nähe zu Diktatoren

Seine pointierten linken Positionen zogen Ziegler die jahrelange Feindschaft des bürgerlichen Establishments zu. Hierzulande wurde er oft als Nestbeschmutzer und Landesverräter beschimpft. Kritik erhielt er auch für seine Nähe zu einigen Regierungschefs des sogenannten Globalen Südens.

Former Swiss politician, professor of sociology at the University of Geneva and advisor at United Nations, Jean Ziegler attends to rally supporting the Palestinians in Geneva, Switzerland, Saturday, O ...
Jean Ziegler wurde für seine Nähe zu kommunistischen Diktatoren kritisiert.Bild: KEYSTONE

Beispielsweise verteidigte er lange den kommunistischen Diktator Pol Pot, der in den 1970er Jahren aus Kambodscha einen marxistischen Bauernstaat machen wollte und Millionen Bürger ermorden liess. Er applaudierte auch dem populistischen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, und er liess kein schlechtes Wort auf Kuba kommen.

Auch seine Kontakte zum langjährigen libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi brachten ihm schwere Vorwürfe ein. Der Soziologe wies dies als Verleumdung zurück. Ziegler war nach Libyen gereist, als sich bei dem Machthaber die ganze europäische Linke die Klinke in die Hand gab. (sda/dpa)

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130 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Cosmopolitikus
10.06.2026 13:02registriert August 2018
Ein ganz Grosser ist gestorben. Politisch klar links und in vielen Belangen nicht auf meiner liberalen Linie, hat er uns doch immer wieder den Mahnfinger zu recht gezeigt, auf Missstände hingewiesen und ist sich selbst treu geblieben. Er wird fehlen. Reposez en paix Jean Ziegler!
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Interessierter
10.06.2026 13:05registriert Juni 2016
Danke Jean Ziegler für den jeweils engagierten Einsatz für die Menschen.

Danke dafür, dass Sie den meisten Schweizer schonungslos aufgezeigt haben, wie die Schweiz im zweiten Wektkrieg das 3. Reich mit waschen von Raubgold finanziert hat.

Danke dafür, dass Sie ein Bollwerk gegenüber den verlogenen Teil der Bevölkerung gewesen sind, welche nie zu den Fehler standen welche begangen wurden.

Ruhen Sie in Frieden Herr Ziegler. Danke für alles.
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Tomtschi
10.06.2026 12:58registriert März 2019
Schade. Wir hatten zwar das Heu nicht auf der gleichen Ebene, aber man konnte trotzdem viel von ihm lernen. Und wenn er Geschichten erzählte hatte er immer den Schalk in sich.

Ein grosser Denker hat uns verlassen. Merci, Jean!
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