Jean Ziegler ist tot – das waren die wichtigsten Stationen seines Lebens
Einst Chauffeur von Che Guevara und Mitglied der französischen kommunistischen Partei: Der gebürtige Thuner Jean Ziegler ist am Mittwoch im Alter von 92 Jahren gestorben. Sein Leben lang galt er als Rebell und Vertreter der Menschen aus der sogenannten Dritten Welt.
Seine Frau, die Kunsthistorikerin und Politikerin Erica Deuber Ziegler, bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA eine entsprechende Meldung des Westschweizer Radios und Fernsehens RTS.
Der Genfer Soziologe und ehemalige SP-Nationalrat kam am 19. April 1934 im Kanton Bern zur Welt. Während seines Rechtsstudiums in Paris lernte er den Marxismus kennen, wurde Mitglied der französischen kommunistischen Partei und verkehrte unter anderem mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre oder der Schriftstellerin Simone de Beauvoir.
Mit 30 Jahren traf Ziegler den argentinischen Revolutionär Che Guevara. Ziegler chauffierte den kubanischen Guerillaführer bei einer Uno-Zuckerkonferenz in Genf. Er habe mit dem «Comandante» in den Kampf ziehen wollen. Guevara riet ihm aber, in der Schweiz zu bleiben und das «Monster» dort zu bekämpfen.
Der zweisprachige Ziegler war für den Kanton Genf zweimal im Nationalrat. Sein erstes Mandat hielt er von 1967 bis 1983, das zweite von 1987 bis 1999. Als Präsident der Parlamentariergruppe Schweiz - Dritte Welt war Ziegler ein umtriebiger und umstrittener Volksvertreter, der einen langen Kampf gegen die Banken und die Wirtschaftslobby in der Schweiz und im Ausland führte. Die aus seiner Sicht äusserst brutale kapitalistische Weltordnung bezeichnete Ziegler als kannibalisch.
Ein Dorn im Auge der Banken und Bürgerlichen
Für Ziegler waren Bücher seine Waffen. Ziegler verfasste insgesamt 20 Publikationen, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden.
In seinem 1976 veröffentlichten Buch «Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben» griff er die Eliten des Landes frontal an. Das Werk stellt die Profite der multinationalen Schweizer Konzerne auf Kosten der Ärmsten, das Bankgeheimnis und die aus seiner Sicht von der Finanzindustrie gekaperten politischen Institutionen an den Pranger.1990 stellte er den Finanzplatz im Werk «Die Schweiz wäscht weisser» ins Rampenlicht und an den Pranger.
1990 stellte er den Finanzplatz im Werk «Die Schweiz wäscht weisser» ins Rampenlicht und an den Pranger. Das brachte ihm die schlimmsten juristischen Probleme ein. Ziegler musste sich einer Prozesslawine stellen und seine parlamentarische Immunität als Nationalrat wurde aufgehoben. Schliesslich wurde er zu Hunderttausenden von Franken Schadenersatz verurteilt.
In «Die Schweiz, das Gold und die Toten» prangerte er 1997 die Verstrickung von Schweizer Geldinstituten mit den Nazis und den Umgang mit Guthaben von Holocaust-Opfern auf Schweizer Konten an.
Kämpfer für Schutzbedürftige
1977 berief ihn die Universität Genf zum Professor für Soziologie, wo er bis 2002 lehrte. Daneben unterrichtet er auch an den Universitäten von Grenoble, Bern und Paris. Nach seinem Rückzug aus der Schweizer Politik setzte Ziegler seine Karriere und sein langjähriges Engagement zugunsten von Entwicklungsländern international fort.
Von 2000 bis 2008 war Ziegler Sonderbeauftragter des Uno-Menschenrechtsrats für das Recht auf Nahrung. In der Folge war er Mitglied des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats. Zu dieser Zeit griff er den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die Welthandelsorganisation (WTO) als die «drei Reiter der Apokalypse» an.
Der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, hat Ziegler nach dessen Tod als «Kämpfer vor allem für schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen» gewürdigt. Türk bezeichnete Ziegler als einen «Verfechter des Ökosystems der Menschenrechte und eine äusserst starke Persönlichkeit». Ziegler habe unter anderem für die Menschen gekämpft, die unter Hungersnöten litten.
Romantische Vorstellung von Revolution
Seine Stimme werde fehlen angesichts des aktuellen Weltgeschehens, sagte alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey in der Sendung «19:30» des Westschweizer Fernsehens RTS. Die Parteikollegin Zieglers hob die Beständigkeit seines Engagements hervor. Er habe eine ziemlich romantische Vorstellung von Revolution gehabt und dabei Probleme im Zusammenhang mit Diktaturen übersehen.
Seine alte Partei würdigte Ziegler als eine prägende linke Persönlichkeit. Durch seinen Kampf werde er für viele Genossinnen und Genossen für immer ein Vorbild bleiben, schrieb die SP. Ziegler habe nicht nur die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei geprägt, sondern durch seine unverblümte Kritik und sein unermüdliches Engagement auch «einen unauslöschlichen Eindruck in der Geschichte unseres Landes» hinterlassen.
Kritik für Nähe zu Diktatoren
Seine pointierten linken Positionen zogen Ziegler die jahrelange Feindschaft des bürgerlichen Establishments zu. Hierzulande wurde er oft als Nestbeschmutzer und Landesverräter beschimpft. Kritik erhielt er auch für seine Nähe zu einigen Regierungschefs des sogenannten Globalen Südens.
Beispielsweise verteidigte er lange den kommunistischen Diktator Pol Pot, der in den 1970er Jahren aus Kambodscha einen marxistischen Bauernstaat machen wollte und Millionen Bürger ermorden liess. Er applaudierte auch dem populistischen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, und er liess kein schlechtes Wort auf Kuba kommen.
Auch seine Kontakte zum langjährigen libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi brachten ihm schwere Vorwürfe ein. Der Soziologe wies dies als Verleumdung zurück. Ziegler war nach Libyen gereist, als sich bei dem Machthaber die ganze europäische Linke die Klinke in die Hand gab. (sda/dpa)
